Biberanaldrüsenschnaps, gegrillte Meerschweinchen oder die Kotzfrucht Durian – Essen kann eklig sein. Beispiele dafür gibt es nun im neuen Disgusting Food Museum in Stuttgart.
Mitten auf der Königstraße öffnet Andreas Ahrens eine Dose unter Wasser. Der fermentierte Hering gärt darin so heftig vor sich hin, dass es spritzen könnte. Deshalb versenkt er die Dose in der transparenten Wasserbox. Kaum kommt das geöffnete Gefäß an die Luft, breitet sich ein strenger Geruch in der Fußgängerzone aus. Der Geruch ist so heftig, dass manche kaum den Würgereiz unterdrücken können. Andere probieren mutig von dem Fisch. „Surströmming“ nennt sich die schwedische Spezialität. Andreas Ahrens mag sie sehr gerne.
Alles eine Frage der Sozialisierung
Neugierige Blicke der Shoppenden und Flanierenden. Sie bleiben vor dem Disgusting Food Museum stehen, eine Schafsaugensuppe ziert das Plakat, darüber steh „Bäh“.
Doch was ist eigentlich „bäh“? Was ist Ekel? Wo zieht man seine Grenze? Die japanische Spezialität Natto etwa, ein Ferment aus Sojabohnen, erinnert westeuropäische Nasen an den Geruch von Käse oder alten Socken. Aber hier ist’s wie mit so vielem im Leben: Es ist alles eine Frage der Sozialisierung.
Ekel ist kulturell bedingt. Das lässt sich nun an rund 80 Exponaten im „Disgusting Food Museum“ erkunden. In dem Museum für ekelhaftes Essen gibt es die ulkigsten, obskursten und kontroversesten Beispiele zu sehen – und das mitten auf der Königstraße in einem ehemaligen Turnschuhladen. Da wäre etwa der Mäusewein, in dem viele Mäusebabys schwimmen. Blinde, haarlose Mäuse werden ertränkt und in Reiswein gebraut. Das Gebräu wird bis zu einem Jahr gelagert und als Aperitif genossen. In einem Käselaib unter einer Glasglocke bewegen sich kleine Maden. Bei „Casu Marzu“ handelt es sich um einen Pecorino-Käse, in dem Fliegenlarven den Käse essen. Ihre Enzyme zersetzen das Fett. Ahrens mag auch diesen Käse ganz gern und freut sich, dass er als Brillenträger geschützt ist: „Die Larven können in die Augen springen.“
Das „Disgusting Food Museum“ in Stuttgart
Andreas Ahrens hat gemeinsam mit seinem alten Freund Samuel West im Jahr 2018 das erste „Disgusting Food Museum“ in Malmö ins Leben gerufen. Die Ausstellung machte bereits in Los Angeles und Berlin Station und ist nun bis Mitte November in Stuttgart zu sehen. Aber nicht nur das. Man kann auch vieles riechen und erschmecken. An der Tasting Bar gibt es isländischen Gammelhai (Hakarl) ebenso zu probieren wie 1000-jährige Eier, eine traditionelle chinesische Delikatesse, krosse Maikäfer, die wie Popcorn knacken, und Grillen, die nach Sonnenblumenkernen schmecken. Die Durian, deren Spitzname aufgrund ihres Geruchs „Kotzfrucht“ lautet, schmeckt erstaunlich samtig.
Das „Disgusting Food Museum“ ist jedoch mehr als nur Unterhaltung. Ahrens möchte zum Nachdenken anregen, etwa wenn er einen Hund in der Ausstellung zeigt. „Warum essen wir die einen Tiere, die anderen aber nicht?“, fragt der 46-Jährige. In einem Video wird die Herstellung von Foie Gras, also Gänsestopfleber, explizit gezeigt. „Es gibt auch so etwas wie einen moralischen Ekel“, erklärt Ahrens. Er sagt, dass es nicht nur der Geschmack, die Textur oder der Geruch sind, die uns ekeln können. Aber: „Bei allem, das wir ekelhaft finden, gibt es jemanden auf der Welt, für den es eine Spezialität ist.“ Bei manchen Exponaten handelt es sich um Replika, einige sind aber wirklich echt. Ein Beispiel ist der Bullenpenis, der in der asiatischen und lateinamerikanischen Küche beliebt ist. Einige davon sind tiefgefroren gelagert und werden alle ein bis zwei Wochen frisch aufgetaut. Da stellt sich die Frage, ob man die Ausstellung besser mit leerem oder vollem Magen besuchen sollte. Übel könnte einem bisweilen durchaus werden. Dass es eine Spuktüte als Eintrittskarte gibt, ist da durchaus vorausschauend.
Disgusting Food Museum
Die Ausstellung
Disgusting Food Museum Königstr. 21, Stuttgart. Vom 16.05.2025 bis Mitte NovemberÖffnungszeiten: Montag bis Freitag 11 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 20 Uhr.