Direktor Thies Sponholz hat Hotel The Fontenay in Hamburg vom Grundstein an begleitet und geprägt. Dafür wurde er nun mit dem Oscar der Hotelbranche ausgezeichnet.
Da gibt es dieses kleine Ritual. Wenn Thies Sponholz morgens ins Hotel kommt, dreht er erst mal federnden Schrittes eine Runde durchs Haus. Mal nach dem Rechten schauen, im Frühstücksraum den Gästen „Guten Tag“ oder „Moin“ sagen. Und wenn alles läuft und er nicht akut gebraucht wird, hält der Hoteldirektor noch einmal kurz inne. Er fährt rauf in den obersten Stock und genießt auf der Terrasse eine Tasse Espresso mit Blick auf die Außenalster. Fast jedes Mal zückt er sein Smartphone und schießt Fotos. Auf seinem Handy finden sich tausende Ansichten. Mal mit Booten, mal mit der geschwungenen Fassade des Hotelgebäudes, mal mit Sonnenaufgang. „Dieser Ort und diese Aussicht faszinieren mich nach all der Zeit immer noch jedes Mal aufs Neue“, sagt der 57-Jährige. Manche Dinge werden nie langweilig.
Eine Station seiner Karriere: Stuttgart
Thies Sponholz ist im Laufe seiner Karriere viel herumgekommen, er arbeitete zum Beispiel im Hotel Graf Zeppelin in Stuttgart, im Europäischen Hof in Baden-Baden, im Sheraton im kalifornischen Palo Alto. Zu seinen beruflichen Stationen gehörten international bekannte Legenden wie das 1912 eröffnete Belle-Époque-Hotel Negresco an der Promenade des Anglais in Nizza, das schicke Hotel de Rome am Berliner Bebelplatz oder das mondäne Alpenresort Suvretta House in St. Moritz. Zweifellos tolle Häuser, doch in Bezug auf die persönliche Bedeutung übertrifft das Fontenay sie alle.
Das Hamburger Luxushotel ist für den Geschäftsführenden Direktor vergleichbar mit einem Kind, das man zur Welt kommen und groß werden sah, auf dass man sehr stolz ist. Sponholz hat das Hotel von der Grundsteinlegung an begleitet, über viele Monate trug der gebürtige Nordfriese Sicherheitsschuhe und Industrieschutzhelm statt Lederschnürern und Anzug, weil sein Arbeitsplatz eine Baustelle war. „Es ist es ein interessantes Projekt, weil ich in Absprache mit dem Eigentümer und den Architekten während der Bauphase viel Einfluss und Erfahrung einbringen konnte. Ich habe das Haus buchstäblich wachsen sehen und kenne es in- und auswendig“, sagt Thies Sponholz.
Das Fontenay steht auf einem Filetgrundstück im edlen Stadtteil Rotherbaum. Die älteren Hamburger erinnern sich: früher ragte hier ein eckiger Hotelkasten aus den 1970er Jahren in den Himmel: das Intercontinental. Weil die Betreiberfirma in die Insolvenz rutschte und der in die Jahre gekommene Bau sich nicht mehr sinnvoll sanieren ließ, wurde das alte Haus abgerissen. An der Stelle entstand ab Sommer 2015 ein spektakulärer Neubau. Hinter dem Projekt steckt nicht wie sonst in der Hotellerie üblich ein Immobilienfonds, sondern ein privater Investor: Klaus-Michael Kühne, bekannt als größter Einzelaktionär des global agierenden Logistikunternehmens Kühne + Nagel mit Firmensitz in der Schweiz. Viele kennen ihn auch als Unterstützer des Fußball-Bundesligisten Hamburger Sportverein.
Der Finanzier wollte das beste Hotel Deutschlands schaffen
Als „meine kleine Elbphilharmonie“ bezeichnete der Milliardär 2017 in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ das Hotelprojekt, das er gemeinsam mit seiner Frau Christine auf den Weg brachte – denn es wurde viel teurer als geplant und verzögerte sich immer wieder. Doch ähnlich wie beim Hamburger Konzerthaus hat sich das Warten gelohnt: nach dreieinhalb Jahren Bauzeit sind Ärger und Stress vergessen.
Bei Planungsbeginn ließ Klaus-Michael Kühne die Presse gerne wissen, dass er nichts weniger als „das beste Hotel Deutschlands“ erschaffen wolle. Damals klang das nach einer mutigen Idee angesichts der Mitbewerber allein (quasi) in Sichtweite – namentlich das Hotel Vier Jahreszeiten, fünf Sterne superior, und das Hotel Atlantic, fünf Sterne. Doch der Plan ging auf. Es gab vom Guide Michelin drei „Keys“, dazu den „Hotelier des Jahres“. Diese Auszeichnung bezieht sich zwar in erster Linie auf die Führungspersönlichkeit, doch natürlich ist es auch eine Anerkennung für das ganze Haus. Und so möchte Sponholz „seinen“ Hotellerie-Oscar auch gerne verstanden wissen: „Als große Wertschätzung für das ganze Team.“
Spätestens seit der Preisverleihung Ende Januar dürfte Thies Sponholz auf der Liste der bekanntesten Husumer die Nummer drei sein – nach dem Dichter Theodor Storm („Der Schimmelreiter“) und Außenminister Johann Wadephul. In der kleinen schleswig-holsteinischen Hafenstadt ist der Hotelier des Jahres geboren und aufgewachsen. Sein Vater war Vorstand einer Bank, die Mutter Apothekerin. Thies Sponholz erzählt gerne von dem Beginn seiner Ausbildung in Hotel Osterkrug in seiner Heimatstadt – und von unerwarteten Schwierigkeiten. Die Architektur des Fachwerkhauses erwies sich für den großgewachsenen jungen Mann als Herausforderung. „Ich bin 1,97 Meter, und wenn ich in den niedrigen Räumen nicht aufpasste, hatte ich ständig den Kopf am Balken“, erzählt Sponholz und lacht. Sein Chef vermittelte den jungen Mann daraufhin an einen guten Kollegen in das Landhaus Castens nach Timmendorfer Strand. Die hatten höhere Zimmerdecken.
Es gibt praktisch keinen Job im Hotel, den Thies Sponholz nicht selbst schon irgendwann gemacht hat – egal, ob Service, Rezeption, Management, Betreuung des Warenwirtschaftssystems, Housekeeping. „Dieses Wissen ist wichtig, um auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern zu kommunizieren und ihre jeweiligen Herausforderungen zu verstehen“, sagt der Direktor. Und es macht ihn für jede Abteilung zum Joker. Wenn jemand überraschend ausfällt, springt der Chef selbst ein. „Dann heißt es Sakko aus und abräumen“, sagt Sponholz. Dass er sich auch für einfache Arbeiten nicht zu schade ist, kommt gut an – bei Mannschaft und Gästen. „Wir möchten hier eine selbstverständliche, authentische, herzliche und unaufgesetzte Gastfreundschaft leben“, sagt der Hoteldirektor, dem in der Begründung für den Preis bescheinigt wird, eine „exzellente Führungspersönlichkeit“ und ein „leidenschaftlicher Gastgeber“ zu sein.
Seine Markenzeichen: Häkelblume und Zahnlücke
Als Ausgleich treibt Sponholz gerne Sport, joggt um die Alster, spielt Tennis, fährt Fahrrad und Ski. Sein Markenzeichen ist neben einer Zahnlücke, die er mit Stolz zeigt („hatte mein Vater auch“) eine Zwei-Euro-Stück große Häkelblume. Das Accessoire findet sich bei Sponholz immer am Revers, auch beim privaten Sakko. „Ich habe bestimmt hundert davon, in allen Farben“, sagt der Direktor und erzählt, dass er die erste Blume vor Jahren in Berlin bei einem britischen Herrenausstatter gekauft hat. Im englischsprachigen Raum gilt die gehäkelte Klatschmohnblüte, Poppy genannt, als Zeichen des Friedens. Wer das nicht weiß, könnte meinen, die Blume stehe für das runde Design des Hotels.
Der Entwurf stammt vom Hamburger Stararchitekten Jan Störmer, der einen Grundriss aus drei raffiniert ineinander übergehenden Kreisen ersann. Ein Gebäude der Superlative: strahlend weiß und geschwungen wie eine organische Form, ein bewohnbares Kunstwerk. Der Weg ins Hotel führt über eine großzügige Auffahrt mit rundem Wasserbecken als Hingucker. Nach der Drehtür öffnet sich die weitläufige Lobby, möbliert mit Sofas und Sesseln eher wie ein privates Wohnzimmer als eine Hotelhalle. Statt güldenem Bling-Bling, den man in Luxusherbergen in den USA oder im Nahen Osten oft ertragen muss, gibt es hier hanseatisches Understatement. Helle Beigetöne und Naturmaterialien dominieren – Holz, Leder, Marmor, Onyx. Alles Klassiker, die nie aus der Mode kommen. Nur bei der Floristik wird geklotzt: üppige Blumenarrangements in knalligem Pink aus Tulpen, Orchideen und Magnolienzweigen in Gesellschaft von Hasenfiguren signalisieren: es ist Osterzeit.
The Fontenay verfügt über 130 Zimmer und 18 Mietwohnungen, die sogenannten Residenzen. Alle Zimmer haben einen Blick nach außen, Richtung Atrium befinden sich die Flure. Es gibt viele Sichtachsen, die Grenzen zwischen drinnen und draußen verschwimmen. Das Hotel versteht sich als Ferienresort in der Großstadt. „Wo gibt es schon so eine Lage mitten im Grünen, am Wasser und doch nur einen kurzen Spaziergang von der Innenstadt entfernt?“, fragt Sponholz und gibt gleich die Antwort. „In Deutschland fällt mir nichts ein.“
In Sponholz‘ Büro steht ein Schreibtisch aus dunklem Holz, der die organisch-amorphe Form des Grundrisses genau abbildet. Doch da sitzt der Direktor selten. Als guter Gastgeber ist er fast immer im Haus präsent.