Das deutsch-marokkanische Verhältnis ist neuerdings belastet Foto: imago//Ute Grabowsky

Außenminister Nasser Bourita bittet seinen Kabinettskollegen darum, den Kontakt zur deutschen Botschaft einzustellen. Aber warum?

Rabat - Wenn es das Ziel der marokkanischen Regierung gewesen sein sollte, die deutsche Diplomatie in Verwirrung zu stürzen, so ist ihr das gelungen. Am Montagabend tauchte in mehreren marokkanischen Netzzeitungen ein vorgebliches Rundschreiben des Außenministers Nasser Bourita an seine Kabinettskollegen auf, in dem der Chefdiplomat darum bittet, „jeglichen Kontakt oder jede Kontaktaufnahme mit der deutschen Botschaft in Marokko auszusetzen“. Es gebe zwischen den beiden Ländern „derzeit profunde Missverständnisse“. Aber welche mögen das sein? Die Antwort auf dieses Rätsel war im Laufe des Dienstags noch nicht gefunden. Die Bundesregierung sieht aber noch keinen Grund für eine Beeinträchtigung der guten diplomatischen Beziehungen. Marokkos Botschafterin in Berlin wurde zu einer Erläuterung des Vorgangs gebeten.

 

Die erste Frage, die sich die deutschen Diplomaten stellten: Ist das Schreiben echt? Offenbar ja. Keine offizielle marokkanische Stelle hat es dementiert. Zweite Frage: Ist das Schreiben versehentlich an die Öffentlichkeit gekommen? Sicher nicht. In Marokko geschieht fast nichts versehentlich. Zudem ist der Text auf Französisch verfasst, und nicht auf Arabisch, ist also kaum für den internen Gebrauch gedacht. Sondern für die Welt, für die Deutschen, die sich jetzt die Haare raufen. Sie fühlen sich wie plötzlich und ohne Erklärung verlassene Liebhaber: Was haben wir bloß falsch gemacht?

Für eine Bewertung ist es noch zu früh

„Die Lage ist gestern für uns sehr überraschend eingetreten“, schreibt das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in der marokkanischen Hauptstadt Rabat auf Anfrage dieser Zeitung. „Eine Bewertung können wir derzeit noch nicht vornehmen.“ Die HSS ist eine der CSU nahe stehende politische Stiftung, und auch sie ist von der plötzlichen Kontaktsperre betroffen, so wie die anderen deutschen Stiftungen: die Friedrich-Ebert-, die Heinrich-Böll-, die Friedrich-Naumann- und die Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie alle sind ratlos. Sind sie der marokkanischen Regierung unwissentlich auf die Füße getreten? Sind ihre Kontakte zu Regimegegnern (falls sie solche Kontakte haben) zu eng? Tun sie zu viel für die Zivilgesellschaft in einem Land, das sich auf dem mühsamen Weg von einem autoritären zu einem freiheitlichen System bewegt?

Wo man nichts weiß, muss man spekulieren. Das tun die marokkanischen Medien. Selbst von einem Spionageverdacht ist die Rede. Aber den meisten fällt vor allem ein Konfliktthema ein: die Westsahara. Die ehemalige spanische Kolonie wurde 1975 von Marokko besetzt und macht dem Land seitdem vor allem diplomatischen Ärger. Der Rest der Welt besteht auf einem Referendum entweder über die staatliche Unabhängigkeit der Westsahara oder über eine Autonomie innerhalb des marokkanischen Staates. Marokko aber weigert sich, ein solches Referendum zuzulassen. Langsam macht es andere Staaten mit seiner Haltung mürbe. Anfang Dezember erklärte die scheidende US-Regierung unter Donald Trump, dass sie die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkenne. Deutschland gab diplomatisch zu verstehen, dass es weiter auf einer politischen Lösung des Konfliktes bestehe. Das mag der marokkanischen Regierung nicht gepasst haben.

„Wir bekommen gerade viele besorgte Anfragen“, berichtete am Dienstag die Direktorin des Goethe-Instituts in Rabat, Susanne Baumgart. Das Institut sei aber nicht konkret betroffen. Nachteile könnten aber bei der Zusammenarbeit mit marokkanischen Ministerien entstehen, falls sich der Konflikt länger hinziehen sollte. Sie erreichten aber auch Solidaritätsbekundungen, erzählt Susanne Baumgart. Und deren Tenor sei: „Das geht vorbei. Alles nicht so schlimm.“