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Salzburg: In Wolfgang Rihms "Dionysos" berauscht sich die Oper vor allem an sich selbst.

Salzburg - Wie weit weg von der Wirklichkeit darf zeitgenössische Kunst sein? An der Uraufführung zum Musiktheater-Auftakt der Salzburger Festspiele schieden sich am Dienstagabend die Geister. Für die Augen und Ohren des Publikums ist die "Opernfantasie" des zurzeit beliebtesten deutschen Komponisten ein Festspiel.

Keine Angst, er will nur spielen. Friedrich Nietzsche vertonen kann man nicht - das hat Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, schon vor einem Vierteljahrhundert in einem Aufsatz betont. Auch in seiner neuen Oper "Dionysos" hat der produktivste, barockste, ja dionysischste unter den erfolgreichen Komponisten unserer Tage dies nicht getan. Der Mann, der immer wieder betont, wie sehr er den "unakademischen Impuls" liebt und braucht, hat sich nur einen Text des Philosophen angeeignet, in dem sich dieser als Gott des Genusses, der Ekstase, der Selbstentäußerung verkleidet und zu Cosima Wagner in Beziehung setzt, die er mit ewig unerfüllter Sehnsucht begehrte. Cosima, so Nietzsches Setzung, soll Ariadne sein, die sich dem Gott anvertraut, nachdem Theseus sie verließ. Wichtig zu wissen: Kurz nach Abfassung seiner "Dionysos-Dithyramben" fiel Nietzsche, wohl als Folge einer Syphilis, dem Wahn anheim.

Wolfgang Rihm hat das bilderpralle, assoziative poetische Konvolut des deutschen Dichter-Denkers in der ständig rotierenden Zentrifuge seiner dauerkreativen Kunstwerkstatt mit biografischen Details, mythologischen Verweisen, philosophischen Gedanken und etlichen virtuosen musikalischen Anspielungen (auf Wagner, Mahler, Strauss, ja einmal sogar ganz wundersam auf Bach) angereichert - und heraus kam ein Stück, das nichts (oder sagen wir: kaum mehr) bedeuten will als nur sich selbst. "Ich will nichts erklären", so die eindeutige Aussage des Komponisten, "ich mache nicht Kunst, weil ich's weiß, sondern weil ich's eben nicht weiß." Im Übrigen glaube er, dass das Musiktheater heute "mehr ,Zauberflöte"' brauche, dass es unbedingt "mehr Machwerk" sein müsse: "Plötzliches Auftreten von Wächtern. Nebel. Eine Schlange. Drei Damen. Das ist Oper!"

b>Matthias Klink aus dem Stuttgarter Ensemble überzeugt

In "Dionysos" beginnt die Oper mit zwei Damen. Und mit einem Frauenlachen: ganz hell, ganz hoch, ganz Kunst. Zwei Nymphen necken Alberich - pardon: N., so heißt hier der Protagonist, der ausdrucksstarke Bariton Johannes Martin Kränzle. Er ist für das weite Assoziationsfeld Nietzsche/Dionysos/Künstler (und Wolfgang Rihm?) zuständig. Mojca Erdmann, für deren ätherisch hellen, beweglichen Sopran der Komponist 2009 in Schwetzingen schon sein Monodram "Proserpina" schrieb, gibt der Ariadne/Cosima strahlende Kontur und große Ausstrahlung.

Und dann gibt es noch das Stuttgarter Ensemblemitglied Matthias Klink, dessen hoher, geschmeidiger, schöner Tenor Apollon verkörpert, den Reinen, Klaren, Planenden, Strukturierten. Man hätte keinen besseren Sänger für diese Partie finden können.

Das Spiel beginnt - und spannt den treibenden Strom seiner Gedanken vor allem an Kontrasten auf: Dionysisches reibt sich an Apollinischem, Männliches an Weiblichem, Durchkomponiertes an festen Formen (einem Klavierlied, einem Choral), Archetypisches an Individuellem, Wahrhaftiges an der Parodie.

Und die Tragödie wird immer wieder komisch. Oder zumindest heiter. Dann künden plötzlich ungetrübte Dreiklänge von alpenländischer Glückseligkeit, und einzelne Phrasen oder auch nur einzelne Konsonanten wenden sich durch spielerische Wiederholung ins Absurde. "Dionysos" ist Genuss. Ein (vor allem dynamisch) weit gespannter, extremer, vielfarbiger Klang-Rausch. Ein zweckfreier Raum, ein sinnliches Labyrinth, in dem man sich hörend mit Lust verliert. Man muss sich nur hingeben - und ein paar Längen im zweiten Bild und am Schluss spielerisch nehmen.

"Rings nur Wellen und Spiel", heißt es im Text; "Frag nicht warum!", mahnt der Chor, und dann ist da noch von einem Fragezeichen die Rede, das "zwischen zwei Nichtse eingekrümmt" sei. All dies fängt die Musik ein. Und all dies spiegelt auch die Bühne, die der Künstler Jonathan Meese mit neckischen Variationen über Nietzsches Bart oder über geometrische Grundformen füllt. Zwischendurch schneit es vor einem schwarzen Dreieck lustige weiße Flocken aus dem Bühnenhimmel, und am Ende ist da sogar ein lustiges Tigerentenpferd, und die Oper erinnert daran, dass der Philosoph auf dem Turiner Marktplatz ein Ross küsste, weil ein Kutscher es geschlagen hatte.

Man spielt miteinander

Jean Kalman hat der Szene auf wunderschöne Weise Licht und Schattenwürfe einkomponiert. Dass es dabei hie und da und manchmal durchaus inspiriert von der Musik ein paar Kitschecken gibt - geschenkt. Schließlich haben sich in Salzburg ästhetische Gesinnungsgenossen gefunden, denen auch der Regisseur Pierre Audi mit seiner behutsamen, oft beziehungsreichen Personenführung sowie Ingo Metzmacher am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin zuzurechnen sind.

Man spielt miteinander, mit Bildchiffren, Textklängen, Atmosphären, und manchmal badet man ausgiebig im Bedeutungsschwangeren. "Ich bin dein Labyrinth", "deine letzte zögernde Seligkeit", "den Gott zerreißen im Menschen und lachen", "Weh dem, der Wüsten birgt": Das füllt sich schön und schnell mit Klang und Bild.

Ja, und die tiefere Bedeutung? "Dionysos" hat keine. Das Stück ist reine Kunst, zweckfreier Raum, Dekoration; eine Gegenwelt, nicht textgezeugt, sondern ganz aus dem Geist der Musik heraus entworfenes Theater, unpolitisch, ja reaktionär. Und doch auch: packend, betörend, sinnlich. Es beginnt mit einem Lachen und endet mit einer textlosen Koloratur. In der Mitte krümmt sich ein Fragezeichen.

Weitere Vorstellungen morgen sowie am 5. und am 8. August. Es gibt noch Restkarten.

www.salzburgfestival.at

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