Ein Smartphone nimmt von der Windschutzscheibe der städtischen Kehrmaschine aus alle vier Meter ein Bild von der Straße auf. Foto: factum/Simon Granville

Gerlingen setzt die nächsten drei Jahre auf eine Software des Stuttgarter Start-ups Vialytics. Damit wird der Zustand der Straßen bequem automatisch erfasst, analysiert und ausgewertet. Was verspricht sich die Stadt davon?

Gerlingen - Die Digitalisierung ist in Gerlingen weiter auf dem Vormarsch. Nun hält sie auf dem Bauhof und in der Tiefbauabteilung Einzug: Die Stadt nutzt jetzt eine App des Stuttgarter Start-ups Vialytics. Die Anwendung erfasst und analysiert automatisch und schnell per Handykamera und GPS den Zustand der Straßen und stellt der Stadt in einer Karte die Ergebnisse zur Verfügung. So kann sie Schäden frühzeitig und effizient beheben. „Wir erhoffen uns mit dieser App eine deutliche Verbesserung im Straßenunterhalt“, sagte der Bürgermeister Dirk Oestringer (parteilos), als er in einer mit der Technik ausgestatteten Kehrmaschine mitfuhr. „Die Digitalisierung hilft uns zunehmend, unseren Arbeitsalltag in immer mehr Bereichen zu optimieren.“

Bisher dauerte die Erfassung der Straßen in Form von Begehungen laut der Stadtverwaltung rund sechs Wochen. Künftig kann ein Mitarbeiter des Bauhofs innerhalb von rund zwei Wochen das gesamte, circa 70 Kilometer lange Gerlinger Straßennetz erfassen – und dabei gleichzeitig den Asphalt reinigen.

Währenddessen nimmt das Mobiltelefon, auf dem die Software installiert ist, von der Windschutzscheibe des städtischen Fahrzeugs aus alle vier Meter ein Bild von der Straße auf: von Rissen, Dellen, Bodenwellen, von Schlaglöchern und geflickten Stellen. Die Daten landen bei Vialytics, wo ein System die Aufnahmen auf Schäden an der Straßenoberfläche analysiert. Die Schäden werden mit Noten von eins – sehr guter Zustand – bis fünf – stark sanierungsbedürftig – bewertet. Auch erhalten die Kommunen die Information, welche Straßen sie als Erstes sanieren sollten.

Vialytics hat große Pläne

Die App solle möglichst einfach und intuitiv zu bedienen sein, sagt Abdulwahid Saidi von Vialytics, der in Gerlingen in das Programm einwies. Ein modernes Smartphone genüge. Spezielle und teure Messfahrzeuge benötigten die Kommunen hingegen nicht mehr. Der 28-Jährige betont auch, dass der Datenschutz oberste Priorität habe. „Es werden keine personenbezogenen Daten erfasst, Gesichter und Kennzeichen werden geschwärzt“, sagt Saidi.

Außer Gerlingen nutzen im Landkreis Ludwigsburg auch Eberdingen und Kornwestheim die Technologie des 2018 von Danilo Jovicic (Betriebswirt), Achim Hoth (Entwickler der App) und Patrick Glaser (Ingenieur) gegründeten Start-ups. Das junge Unternehmen ging aus einem Programm des Energiekonzerns EnBW hervor, wird von Bund und Land gefördert. Nach eigenen Angaben hat Vialytics bundesweit inzwischen mehr als 70 Kommunen an Bord, neu darunter auch Esslingen und Böblingen. Man wolle nicht nur deutschlandweit expandieren, sagt Abdulwahid Saidi: „Wir haben auch schon Anfragen aus dem Ausland wie Frankreich und der Schweiz.“ Ein Unternehmen, das Vergleichbares anbiete, gebe es mit Blick auf die Herangehensweise und Technologie in Deutschland nicht, sagt Saidi. „Wir sind Vorreiter bei dem Thema künstliche Intelligenz für bessere Straßen.“ In der Kategorie „Smart City“ hat Vialytics den Country-Startup-Award des Branchenverbands Bitkom gewonnen.

Gerlingen testet die Smartphone-App jetzt erst mal drei Jahre. 100 Euro pro Jahr und Kilometer Straßennetz verlangt Vialytics. Der Bürgermeister Dirk Oestringer geht von Kosten von insgesamt rund 35 000 Euro aus. 40 Prozent bezuschusst das Land im Rahmen des Förderprogramms „Inkomo 4.0“.

Keine Extrafahrten mehr

Zwei Mal im Jahr, im Frühling und Herbst, wird künftig das gesamte Straßennetz unter die Lupe genommen. „Damit erhalten wir eine aktuelle und objektive Datengrundlage“, sagt Stephan Kimmerling. Der Leiter der Tiefbauabteilung sieht noch mehr Vorteile: Von nun an könne man zum Beispiel von Bürgern gemeldete Mängel rasch überprüfen, ohne extra an die jeweilige Stelle hinfahren zu müssen.

Bisher beauftragte die Verwaltung eine externe Firma mit der Begehung der Straßen. Dabei habe der Fokus auf den Gehwegen gelegen. Vor fünf Jahren sei durch ein externes Ingenieurbüro eine Gesamtzustandsbewertung der Straßen erfolgt. Die Bau- und Nebenkosten zur Straßenunterhaltung betragen jedes Jahr rund 300 000 Euro.

„Unsere Erfahrungen sind sehr positiv“

Die Stadt Kornwestheim, die die App von Vialytics seit Anfang 2019 einsetzt, ist schon einen Schritt weiter als Gerlingen. „Unsere Erfahrungen sind sehr positiv“, berichtet die Rathaussprecherin Marion Blum. „Unser Vertragspartner hat ein System entwickelt, das den Anforderungen der Verkehrssicherungspflicht entspricht und ist zudem für Anregungen und Verbesserungsvorschläge bei der Umsetzung offen.“ Gerne wolle der Fachbereich Tiefbau und Grünflächen die App behalten.

Bis zum Jahr 2019 sei das Ergebnis der regelmäßigen Begehungen und Befahrungen des rund 80 Kilometer langen Straßennetzes analog erfasst und gepflegt worden, sagt Marion Blum. So war ein Mitarbeiter der Stadt zu Fuß unterwegs, Schäden registrierte er mit dem bloßen Auge. Wie Eberdingen hatte sich auch Kornwestheim erfolgreich beim Wettbewerb „Städte, Gemeinden, Landkreise 4.0 – Future Communities“ beworben. Die Stadt erhielt eine Finanzspritze von 13 000 Euro, sodass sie nun noch 17 000 Euro selbst stemmen muss.

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