Virtuelle Realität – etwa in der Physiotherapie oder bei der Behandlung psychischer Erkrankungen – ist eines von vielen Beispielen für den Einsatz digitaler Technik im Gesundheitswesen. Foto:  

Gesundheitsexperten und Politiker setzen große Hoffnungen in die Digitalisierung des Medizinsektors. Im Digital Health Truck können Interessierte die Technik selbst ausprobieren.

Für einen Campingurlaub ist dieses Wohnmobil nur bedingt geeignet. Die übliche Küchenzeile sucht man vergeblich, und auch die Sitzgruppe mit dem gemütlichen Esstisch fehlt. Dafür findet sich auf dem Sideboard und den beiden Stehtischen eine reiche Auswahl an Apparaten: Messgeräte für Blutzucker, Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung des Blutes oder Lungenfunktion, mobile EKG-Geräte, ein Dermatoskop zur Hautuntersuchung, Virtual-Reality-Brillen sowie Laptops und Tablets.

 

Der Truck bringt Ärzten und medizinischen Fachkräften, aber auch Kommunalpolitikern und interessierten Bürgern die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen näher. Im Inneren des Vehikels kann man ausprobieren, was auf diesem Gebiet schon heute möglich ist. An diesem Nachmittag steht der Truck auf einer Messe für die Pflegebranche. Auf einem Bildschirm läuft eine Filmsequenz, in der eine ältere Dame per Video mit ihrem Hausarzt spricht. „Mein Doktor besucht mich jeden Tag“, ist am Ende des Clips im Untertitel zu lesen.

Tatsächlich haben viele niedergelassene Ärzte kaum noch Zeit für persönliche Hausbesuche. Sie haben genug in ihren Praxen zu tun, in denen sich immer mehr Patienten drängeln. Und in dünner besiedelten Landstrichen gibt es mancherorts gar keinen Arzt mehr vor Ort. Etliche Praxen schließen, weil sich kein Nachfolger findet.

Deutschland hinkt hinterher

Um trotz des Mangels an Ärzten und Pflegekräften eine gute Versorgungsqualität zu erreichen, plädieren Gesundheitsexperten und -politiker schon seit Jahren für die stärkere Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitswesen. In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt Deutschland auf diesem Gebiet den zweitletzten Platz unter insgesamt 17 verglichenen Industrieländern. Erst in jüngerer Zeit werden hierzulande mit dem E-Rezept oder der elektronischen Patientenakte größere Schritte in Richtung Digitalisierung unternommen.

Um die Nutzung digitaler Technologien im Medizinsektor im Südwesten zu fördern, wurde an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg bereits vor rund zehn Jahren die Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) gegründet – gefördert von der Landesregierung. Mittlerweile gehört die KTBW zum Bosch-Health-Campus in Stuttgart und firmiert dort unter der Bezeichnung Bosch Digital Innovation Hub (BDIH).

„Der Arzt muss nicht mehr notwendigerweise jeden Einzelfall selbst sehen. Durch die digitalen Möglichkeiten sind viele Fälle auch aus der Ferne begleitbar“, sagt BDIH-Leiter Oliver Opitz. Viele Aufgaben könnten auch von medizinischen Fachkräften oder sogenannten Physician Assistants erledigt werden. Konkret kann das zum Beispiel so aussehen, dass eine medizinische oder pflegerische Fachkraft beim Hausbesuch den Blutdruck eines Patienten misst oder mit einem mobilen Gerät ein EKG abnimmt.

Messwerte kommen online in Arztpraxis

Die Messwerte werden dann über eine sichere Internetverbindung in die Arztpraxis übertragen und in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Bei auffälligen Werten könne sich der Arzt per Video zuschalten und über weitere Untersuchungen oder eine Anpassung der Medikation entscheiden, erläutert Armin Pscherer, beim BDIH für Strategie und Transfer zuständig.

Einige Messgeräte können auch selbstständig von Patienten genutzt werden, ohne dass Fachpersonal vor Ort sein muss. So kann etwa ein Diabetiker die Ergebnisse seiner Blutzuckermessungen per Bluetooth direkt in die Arztpraxis schicken. Mithilfe eines internetfähigen Stethoskops, das Eltern ihrem kranken Kind an die Brust halten, können Ärzte aus der Ferne dessen Lunge abhören, ein digitales Dermatoskop macht es möglich, dass der Arzt aus der Ferne Hautveränderungen erkennen kann. Zudem kann er so beispielsweise kontrollieren, ob eine Wunde gut abheilt.

Bei Bedarf lassen sich wichtige Vitalparameter wie Puls, Atemfrequenz oder Sauerstoffsättigung auch permanent per Fernüberwachung erfassen. Dieses sogenannte Remote Patient Monitoring wurde auch in einem Ende 2023 abgeschlossenen Projekt eingesetzt, bei dem Corona-Infizierte und Long-Covid-Patienten mithilfe spezieller Apps medizinisch begleitet wurden. In einem anderen Projekt wird in der Gemeinde Enzklösterle eine sogenannte Rathaussprechstunde angeboten, bei der Patienten per Video von Ärzten aus der Region betreut werden.

Lücken in der Ausbildung

Die anfängliche Skepsis von Ärzten und ihren Organisationen gegenüber digitalen Medizinanwendungen sei mittlerweile einer größeren Offenheit gewichen, sagt Pscherer. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass inzwischen mehr Klarheit mit Blick auf Abrechnungsmodalitäten und Datenschutz herrscht. So können Ärzte seit 2020 Kassenrezepte für sogenannte digitale Gesundheitsanwendungen ausstellen. Ein Beispiel dafür sind Apps zur Behandlung von Angststörungen oder zur Unterstützung von Bewegungstherapien.

Allerdings zähle hierzulande der Einsatz digitaler Technologien in der Ausbildung von Ärzten, Medizinischen Fachangestellten bislang nicht zu den Pflichtinhalten, kritisiert BDIH-Leiter Opitz: „Da gibt es immer noch Nachholbedarf.“ Lediglich in Wahlpflichtfächern werde das Thema Digitalisierung behandelt.

Ziel des Digital Health Trucks sei, „positive Aha-Effekte“ zu erzeugen und zu zeigen, welche digitalen Gesundheitstechnologien bereits heute verfügbar seien und wie einfach diese funktionierten. „Das erzeugt mehr Wissen, mehr Verständnis, weniger ungerichtete Abneigung und mehr Akzeptanz für die Digitalisierung“, so Opitz. Dazu sollen neben dem Truck auch digitale Gesundheitsbotschafter beitragen, die mit Rucksäcken voller telemedizinischer Gerätschaften durch die Lande touren.

Digitale Gesundheit

Ziel
 Der Bosch Digital Innovation Hub (BDIH) beschäftigt sich mit dem Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen. Dabei geht es etwa um Telemedizin, intelligente Datennutzung oder Künstliche Intelligenz. So soll trotz begrenzter Ressourcen eine bessere medizinische Versorgung erreicht werden. Im Digital Health Truck kann man die neuen Möglichkeiten ausprobieren. Seine Tourdaten stehen hier: www.bosch-health-campus.de/de/digitalhealthtruck

Struktur
Der BDIH ist Teil des von der Robert-Bosch-Stiftung getragenen Bosch-Health-Campus, zu dem auch das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus zählt. Hinzu kommen Forschungs- und Bildungseinrichtungen.