Digitalisierter Unterricht erfordert viel Lehrervorbereitung – doch die gestaltet sich in Stuttgart technisch sehr umständlich. Foto: dpa/Friso Gentsch

Die Digitalisierung des Unterrichts gestaltet sich zäh. Im Stuttgarter Schulbeirat verlangten Pädagogen von der Stadt eine schnelle Möglichkeit zur Übermittlung von zuhause vorbereitetem Unterricht ins Schulnetz. Bürgermeisterin Isabel Fezer lehnte ab: „Nicht Sache der Kommune.“

Stuttgart - Während Schulen und das städtische Schulverwaltungsamt an Medienentwicklungsplänen tüfteln, um Geld aus dem Digitalpakt abgreifen zu können, haben die Lehrer ganz praktische Sorgen: Wie soll es mit der Digitalisierung des Unterrichts vorangehen, wenn es nicht gelingt, die Vorbereitung des Lehrers dazu von zu Hause in das pädagogische Schulnetz zu bringen? „Cloudlösungen sind tabu, WLAN für Privatgeräte ist tabu – wenn ich in Deutsch den Faust unterrichte und finde eine tolle App, dann kann ich sie gar nicht zu Hause installieren“, berichtete Holger zur Hausen, der geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Gymnasien, im Schulbeirat. Er und seine Geschäftsführerkollegen kritisierten, dass Lehrer sich nicht mit ihrer privaten ID auf schulischen i-Pads anmelden könnten – und somit ein schneller Weg zur Verknüpfung der Dateien auf den Privatgeräten mit dem Schulnetz nicht möglich sei.

Stadt hat Sicherheitsbedenken

Philipp Forstner, der stellvertretende Leiter des Schulverwaltungsamts, begründete dies mit Sicherheitsbedenken, aber auch mit rechtlichen Problemen: „Wir wissen nicht, was für private Geräte genutzt werden und was dadurch in unsere Netze eingeschleust werden kann.“ Es gebe allerdings eine Schnittstelle im Internet – „diese Möglichkeit kann man sich freischalten lassen“. Somit sei auch der Zugriff von zu Hause aus möglich. Allerdings müssten Apps von einem Administrator runtergeladen werden. Michael Hirn, der geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Sonderschulen, erklärte, gerade dies sei aber kontraproduktiv: „Lehrkräfte sollen Apps ausprobieren, das geht mit den städtischen Geräten nicht.“ Er fragte, weshalb es nicht möglich sei, i-Pads für Schüler und für Lehrer unterschiedlich zu konfigurieren.

Christian Walter von der Fraktionsgemeinschaft Puls und selber Lehrer, muten die aktuellen Rahmenbedingungen „wie ein Schildbürgerstreich“ an. Bereits im November 2019 – als Reaktion auf einen Bericht über die Digitalisierung der Schulen in unserer Zeitung – hatte er eine Anfrage an die Stadtverwaltung gestellt: Wie es ermöglicht werden könne, dass Lehrer mit ihren privaten Geräten das Schulnetz nutzen könnten. Antwort von OB Fritz Kuhn (Grüne) darauf: „Die bestehenden Grundsatzbeschlüsse und Standards bezüglich der pädagogischen Schulnetze der Schulen in der Trägerschaft der Landeshauptstadt Stuttgart sehen eine Nutzung mit privaten Endgeräten nicht vor.“ Die Netzwerkumgebung und die von der Stadt beschafften Geräte für Schüler und Lehrer würden standardisiert eingerichtet und zentral administriert. Aber, so Kuhn: „Ein dezidiertes Netz für Lehrkräfte gibt es bisher nicht.“ Um dies zu ändern, müsste der Gemeinderat einen entsprechenden Grundsatzbeschluss fassen.

Geschäftsführender Schulleiter: „Das ist ein echter Hilferuf“

Ein solcher ist derzeit allerdings nicht zu erwarten, wie Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) im Schulbeirat deutlich machte. „Alles, was hier gefordert wird, sind Hilfskonstruktionen, die den Lehrern das Leben einfacher machen soll – aber das ist nicht Sache der Kommune.“ Zur Hausen protestierte: „Es geht nicht um Bequemlichkeit – unser Multimediaberater weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht: Das ist ein echter Hilferuf.“ Fezer blieb dabei: „Das Land nimmt seine Aufgabe nicht wahr.“

Tatsächlich hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) das Projekt Ella – den Aufbau einer digitalen Bildungsplattform – im Februar 2018 kurz vor der geplanten Einführung wegen technischer Probleme des Anbieters gestoppt. Seit April 2019 sei man dabei, eine Nachfolgeplattform zu entwickeln. Dies geschehe schrittweise. Derzeit laufe die Ausschreibung, ein Pilotprojekt zum Instant Messenger werde gerade ausgewertet. Zu den Basiskomponenten sollen ein Lernmanagementsystem, eine dienstliche E-Mail für alle Lehrer, ein Datenspeicher zur Ablage und zum Austausch von Dokumenten und ein sicherer Instant Messenger – eine Art WhatsApp – für die unkomplizierte Kommunikation zwischen Eltern, Lehrern und Schülern gehören. Im Endausbau sollen auch Mediendatenbanken eingebunden werden sowie neue Formen von Lehr- und Lerninhalten, etwa 3D-Lernwelten. Vor allem: die Lehrer können ihre Unterrichtsvorbereitung auch von unterschiedlichen Privat- oder Schulgeräten aus in das Schulnetz einspeisen, denn die Werkzeuge der Digitalen Bildungsplattform sollen unabhängig vom Betriebssystem genutzt werden können. Allerdings brauchen sie bis dahin wohl noch etwas Geduld. Die Einrichtung der kompletten Plattform soll im Frühjahr 2023 abgeschlossen sein.

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