Am Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Stuttgart dürfen Achtklässler eine Novelle Gottfried Kellers per iPad und Playmobil-Figuren interpretieren. Ihre Lehrer haben aber an der Schule keinen kostenlosen Zugang zum Internet. Auswärts werden Stuttgarts Lehrer dafür bedauert. Eine Lösung scheint schwierig.
Stuttgart - Keine Frage, Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ kann im Unterricht richtig Laune machen. Sandra Gessner, eine Deutschlehrerin am Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Bad Cannstatt, ist technikaffin und nutzt dafür auch die iPads, die die Schule seit Februar 2019 hat. Die Achtklässler sind begeistert. Digitalisierung des Unterrichts steht seit drei Jahren im Lehrplan. Doch mit der Umsetzung haben die Stuttgarter Schulen zu kämpfen. Selbst wenn sie, wie das „Daimler“, zur Minderheit der gut ausgestatteten Schulen gehört.
Laptop, Beamer, Dokumentenkamera – alles da. Alle Unterrichtsräume sind ans pädagogische Netz angeschlossen. Der Service stimmt. Seit diesem Schuljahr haben alle Unterrichtsräume WLAN. Es gibt 30 iPads, drei Computerräume und Laptopwagen. Alles perfekt? Nicht ganz, wie Schulleiterin Verena König vor drei Wochen auch Stuttgarts Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) und dem Leiter des Schulverwaltungsamts mitgeteilt hat. „Meine Lehrkräfte haben aber kein Netz, in dem sie arbeiten können“, schreibt sie. Es sei „leider so, dass das Lehrerzimmer einen internetleeren Raum darstellt“. Das sei besonders bedauerlich, weil das Gymnasium ein Ganztagsangebot habe und die Lehrer „ganztägig an der Schule sind und arbeiten müssen, wollen, aber nicht können“.
Schüler bilden literarische Szenen per Tablet nach
Sandra Gessners 8c bekommt diese Probleme im Deutschunterricht nicht mit. Die Schüler stürzen sich auf die iPads und den Korb mit Playmobil-Figuren, den die Lehrerin mitgebracht hat. Zu zweit oder in Kleingruppen machen sich die Achter an ihre Aufgabe: wichtige Szenen aus Kesslers Novelle mit den Figürchen nachzustellen, zu fotografieren und eine Art Bilderbuch zu gestalten, auch Textblasen oder andere kleine Elemente können einmontiert werden. Wer Anregungen braucht, kann sie sich per QR-Code holen.
Natürlich mussten die Schüler zuvor die Kernstellen im Text schriftlich aufbereiten. Alles Spielerei? Kommt da die sprachliche Reflexion nicht zu kurz? „Die Schüler müssen mir zeigen, dass sie die Quelle verstanden haben“, sagt Gessner. Die sprachliche Feinarbeit erfolge in der Nachbereitung. Zwischendurch erhalten die Achtklässler noch die Aufgabe, ihre bisherigen Erkenntnisse als kurze Zeitungsmeldung zu formulieren. Natürlich auf dem iPad. Gar nicht so einfach. Und ganz nebenbei lernen sie, wie man ein Word-Dokument anlegt.
„Alles, was die Schüler grad machen, ist Interpretieren – die setzen sich mit Keller auseinander“, sagt Gessner. Auch dass diese vor und nach der digitalen Aufgabe eine Kernperson aus der Novelle persönlich bewerten müssen, per QR-Code-Kärtchen anonymisiert, ist für die Pädagogin ein wichtiges Element: „So hab ich ganz schnell ein Stimmungsbild.“ Auch darüber, wie gut die Geschichte verstanden wurde.
Digitalisierung mit Playmobilfiguren kommt bei den Achtklässlern gut an
Diese Art von Unterricht kommt bei den Schülern gut an. „Das ist was anderes, als die ganze Zeit zu schreiben“, meint die 13-jährige Matelda. Und: „Man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen.“ Georg sieht es eher ökologisch: „Man spart Papier – das schützt den Regenwald.“ Noa findet, durch das iPad werde auch vieles vereinfacht: „Man kann’s besser darstellen, man speichert’s – und kann’s nicht verlieren.“ Matelda ergänzt: „Durch iPad und Comic versteht man auch die Geschichte besser; der Inhalt ist ja schon ein bisschen kompliziert.“ Die Schüler sind sich einig: „Es macht mehr Spaß, man kann sich besser konzentrieren und es wird nie langweilig.“
Auch in anderen Fächern findet Digitalisierung statt, natürlich in Informatik und im Profilfach Informatik, aber auch in Mathematik und Physik. „Im Informatikunterricht brauchen wir oft das Internet, das geht mit dem iPad superschnell“, sagt der Informatik- und Mathelehrer Alexander Götz. Aber sein eigenes Gerät mit all den Vorbereitungen drauf darf er nicht an der Schule einsetzen – wegen des Datenschutzes. „Es kann ja nicht sein, dass jeder Lehrer an der Schule sein persönliches Datenvolumen verbraucht“, sagt Götz. Und zudem für die Sicherheit dieser Daten selber hafte. „Man bräuchte von der Stadt ein Lehrernetz“, sagt der Lehrer. Kollegen von außerhalb Stuttgarts schüttelten den Kopf, wenn sie hörten, wie das in der Landeshauptstadt gehandhabt werde.
Zur Digitalisierungsoffensive der Cannstatter gehört auch das Fach Medienbildung. Ganz klassisch, im Computerraum. Dafür werden die fünften Klassen geteilt und erhalten jede zweite Woche eine Doppelstunde bei Anika Müller. Am Freitag, als sie zum ersten Mal ihre eigenen USB-Sticks erhalten, spendiert vom Förderverein, ist die Freude groß. Müller arbeitet spielerisch. Erst machen die Kinder ein Laufdiktat, bevor sie in die Geheimnisse des World Wide Web und seiner Suchmaschinen eindringen und ihr Diktat in ein Word-Dokument übertragen.
Die meisten Stuttgarter Schulen haben nicht mal WLAN in den Klassenzimmern
Wann die Lehrer Internet bekommen, ist unklar. Die vom Land geplante Plattform Ella ist gefloppt, und aus dem Rathaus hat König noch keine Antwort. Ein offener Brief ihres Kollegen Harald Schweinfurth vom Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim zeigt, dass andere Schulen noch schlechter dran sind: Dort haben nicht mal die Schüler in den Klassenzimmern WLAN. Schweinfurth fordert Fezer und die Fraktionen auf, das für Sanierungen zuständige Hochbauamt sowie die IT-Abteilung des Schulverwaltungsamts aufzustocken, damit die Elektrik ertüchtigt, Medienentwicklungspläne entwickelt und das Geld aus dem Digitalpakt Schule abgerufen werden können.