Wer ein Medikament verschrieben bekommt, kann das Rezept künftig an einem Automaten in Weissach einlösen, statt in die nächste Apotheke zu fahren.
Manuel Caneri, Inhaber der Markt-Apotheke in Flacht, ist sichtlich stolz: Behutsam streicht er über das weiße Gehäuse des Automaten, der seit kurzem im Kassenbereich des Weissacher Rewe-Markts steht, und strahlt. Denn: Es ist seine Kreation, diese neue Maschine, in der seine Kunden künftig auch ganz bequem und digital ihre digitalen Rezepte einlösen können – und die, als eine der wenigen ihrer Art in der Region, auch eine Ortschaft ganz ohne eigene Apotheke entlasten könnte.
Seit rund fünf Jahren hat Weissach, der nördliche von zwei Ortsteilen, keine eigene Apotheke mehr. Die nächste Anlaufstelle ist seitdem die Flachter Apotheke von Manuel Caneri. „Der Ortskern von Weissach hat die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn die Apotheke schließt“, weiß Caneri. Und auch Bürgermeister Jens Millow unterstreicht das: „Die Menschen haben sehr deutlich gemerkt, was das bedeutet.“ Verantwortung, auch die Weissacher mit zu versorgen, verspürt Manuel Caneri schon, sagt er. Eine weitere Filiale, für die braucht es aber eben auch Ladenfläche und Personal – und das kostet.
Lieferung oft noch am selben Tag
Zusammen mit einem Fachmann aus der IT hat er deshalb den Prototypen für ein Terminal entwickelt, an dem Kunden ihr digitales Rezept auch ohne einen Besuch in der Apotheke einlösen können. Das Prinzip ist recht einfach: Oben rechts wird die Krankenkassenkarte in einen schmalen Schlitz gesteckt. Das Terminal schickt dann die Infos zu den auf der Karte hinterlegten elektronischen Rezepten an die Flachter Markt-Apotheke, die sich wiederum um eine zeitnahe Lieferung der Medikamente nach Hause kümmern – spätestens am nächsten Vormittag.
Per Kommentarfunktion lassen sich am Terminal auch weitere, nicht rezeptpflichtige Medikamente hinzubestellen. Bezahlt wird bei der Lieferung. Und wer es trotz allem nicht digital mag, kann Papierrezepte oder Bestellzettel auch in einen kleinen, am Terminal angebrachten Briefkasten schmeißen, der einmal am Tag geleert wird. Drei Mitarbeitende von Manuel Caneri kümmern sich aktuell um das Ausfahren der Medikamente, sie fahren zwei Touren am Tag.
Trotz Einlösen am Terminal: Beratung bleibt wichtiger Baustein
Ausgeliefert wird von der Flachter Apotheke schon länger, das Angebot werde auch wirklich gut angenommen, sagt der Apotheken-Chef. Bestellt wurde bisher hauptsächlich telefonisch. Das persönliche Gespräch soll aber trotz Bestellung per Automat nicht entfallen. „Packungen verkaufen, darum geht es in diesem Beruf nicht“, betont Caneri. Viel wichtiger: Die Beratung. „Das ist unsere Aufgabe. Auch mit frei verkäuflichen Medikamenten kann mal was schiefgehen.“ Wer am Terminal bestellt, bekommt deshalb erst einmal einen Anruf von der Apotheke. Dann wird über das Medikament aufgeklärt und die Lieferung besprochen.
Eine Beratung oder Infos zum Medikament direkt am Terminal, das sei nicht möglich – des Datenschutzes wegen, der Automat steht schließlich an einem öffentlichen Ort. Im Sinne der IT-Sicherheit sei das Angebot aber sicher, verspricht Caneri. „Die ist in Apotheken in Deutschland schon super, wir haben ein hohes Datenschutzniveau“, sagt er. Die Technologie, mit der das Terminal im Supermarkt die Daten von der Gesundheitskarte abruft und überträgt, habe es vor Ort in der Apotheke bereits gegeben. Sie funktioniert verschlüsselt.
Jeden Tag schließt eine Apotheke
Bei der Entwicklung seines Rezeptautomaten sei ihm aber wichtig gewesen, dass es technisch möglichst einfach bleibt – auch, um die Hemmschwelle zu senken. „Natürlich müssen wir den Leuten erst einmal die Angst nehmen“, sagt er. „Die müssen das kennenlernen.“ So will der Apotheker außerdem eine bisher unerreichte Zielgruppe ansprechen. Denn seit der Einführung des eRezepts 2024 können verschriebene Medikamente auch per Smartphone-App bei den Apotheken bestellt werden. „Aber es gibt auch eine große Zielgruppe ohne Smartphone“, so Caneri. Dabei seien das oft die Menschen, die viele Medikamente brauchen – weil sie alt oder schwerer erkrankt sind. Sie sollen jetzt mit dem Rezeptautomaten auch ein niedrigschwelliges, digitales Angebot bekommen – für das sie eben nicht bis nach Flacht fahren müssen.
Für den Apotheker bietet sein Automat obendrein einen Gegenpart zum steigenden Onlinehandel, er soll stattdessen die Apotheke vor Ort stärken. Denn die hat es schwer: Mehr als 300 Apotheken haben 2025 dicht gemacht, warnte jüngst die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – mehr als eine pro Tag. Nicht wenig Gründe gebe es dafür, sagt Manuel Caneri. Wie viele andere Branchen etwa leiden Apotheken unter Fachkräftemangel, hinzu kommen steigende Personalkosten und Energiepreise. Aber: „Es gibt Wege und Lösungen“, ist sich der Apotheker sicher. „Ich kann nicht zuschauen, wie es immer weniger Apotheken werden, und sagen: Ohje.“
Ähnliche Automaten gibt es schon anderswo
Von seinem Rezeptautomat steht inzwischen auch ein Exemplar in Rutesheim. Ansonsten ist dem Apotheker kein ähnliches Angebot in der Region bekannt. Der ITler, der bei der Entwicklung des Terminals geholfen hat, hat sich inzwischen mit dem Konzept selbstständig gemacht. Ganz Pionier sind die beiden aber nicht – im vergangenen Jahr hatte eine brandenburgische Apotheke mit einem ähnlichen Angebot branchenintern Schlagzeilen gemacht.