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Ex-Hallenweltmeister Dietmar Haaf spricht im Interview über den Europameister Christian Reif.  

Stuttgart - Christian Reif (26) hat bei der Leichtathletik-EM in Barcelona überrascht. Zweimal, in der Qualifikation und im Finale, stand der Weitspringer vor dem Aus. Am Ende war der Ludwigshafener mit der Jahres-Weltbestmarke von 8,47 m Europameister. Damit ist Reif der siebte deutsche Weitspringer mit EM-Gold. Dietmar Haaf (43), Europameister von 1990 und Hallenweltmeister von 1991, hat seinem Nachfolger den Titel durchaus zugetraut.

Herr Haaf, konnten Sie am Sonntagabend Ihren Augen trauen?

Warum nicht? Christian Reif ist ja schon mehrmals 8,20 Meter gesprungen. Eine Steigerung ist immer drin. Nur, dass es dann gleich so weit ging, das hat mich etwas überrascht.

Sie haben Christian Reif den Titel zugetraut?

Ich habe schon geglaubt, dass er gewinnen kann. Aber dass er jetzt gleich fast 8,50 m springt . . . Es passiert allerdings beim Weitsprung schon mal, dass so ein Riesensatz rausrutscht. Wenn einer 8,30 m springt, kann er auch 8,50 springen.

War es der perfekte Sprung?

Das glaube ich noch nicht. Es war sein dritter und somit letzter Vorrundensprung. Die ersten beiden Sprünge waren für die Finalqualifikation zu kurz, da war es von der nervlichen Belastung her eher schwierig. Für Christian Reif ist sicher noch ein bisschen mehr drin. Ich denke, wenn entsprechende Konkurrenz da ist, und wenn die äußeren Verhältnisse noch besser sind, dann kann er sogar noch weiter springen.

Wie sind solche plötzlichen Leistungssteigerungen zu erklären?

Das ist zum einen tagesabhängig, zum anderen ist jeder Sprung unterschiedlich. Es muss einfach alles passen. Man hat nur die drei, vier Sekunden Anlauf, dann kommt schon der Absprungbalken. Entweder man trifft ihn oder nicht. Für den Absprung hat man nur extrem wenig Zeit. Manchmal kommt man dann ein bisschen besser und manchmal ein bisschen schlechter weg. Von daher sind Schwankungen normal. Außerdem sind Springer abhängig von äußeren Bedingungen. Von der Bahn, dem Wind, den Gegnern. So springt man ruck-zuck 20, 30 Zentimeter mehr - oder weniger. Es gibt viele Springer, denen schon mal ein Sensationssprung gelungen ist. Mike Powells Weltrekord (1991/8,95 Meter, d. Red.) war zum Beispiel auch so ein Ausrutscher.

"Tipps muss ich ihm keine geben"

  Wenn ein Sportler mit besonderer Leistung überrascht, fällt hinter vorgehaltener Hand immer schnell ein Begriff: Doping.

So etwas kommt mir in diesem Fall nicht in den Sinn. Ich kann das aus eigener Erfahrung beurteilen. Mit meiner Größe von 1,73 m und meiner relativ geringen Anlaufgeschwindigkeit konnte ich ohne unerlaubte Hilfsmittel 8,25 m springen. Wieso soll einer, der mehr als 20 Zentimeter größer ist (Reif ist 1,96 m, d. Red.) nicht noch ein Stückchen weiter springen? Da muss man nicht immer gleich zweifeln.

Kennen Sie Christian Reif persönlich?

Bislang kenne ich ihn nur aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen. Vielleicht werde ich ihn mal kontaktieren und ihm gratulieren. Tipps muss ich ihm keine geben. Er springt ja schon weiter als ich damals.

Im März 2009 wurde der derzeit verletze Sebastian Bayer mit 8,71 Metern Hallen-Europameister, jetzt der Erfolg von Christian Reif - wird Deutschland zur Weitsprung-Nation?

Es ist gut, dass Deutschland jetzt zwei Weltklassespringer hat, Sie können sich gegenseitig helfen, wenn sie bei nationalen Meisterschaften, Qualifikationen oder Länderkämpfen gegen- beziehungsweise miteinander antreten. Wenn ein ernstzunehmender Konkurrent da ist, ist man viel motivierter, als wenn man immer ganz alleine herumspringt und sich um Nominierungen keine Gedanken machen muss.

Sagen Sie Ihren Nachfolgern eine glorreiche Zukunft voraus?

Bisher war es immer so, dass viele Springer, die nach meiner Zeit kamen, auch 8,20 m gesprungen sind - aber eben nicht konstant und nicht bei großen Wettkämpfen. Reif und Bayer sind die ersten, die ihre Leistungen abrufen können, wenn es darauf ankommt. Beide haben die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere. Ich freue mich auf die nächsten zwei Jahre und dann auf Olympia 2012 in London.

Wie hat Ihnen das deutsche Team bei der EM in Barcelona insgesamt gefallen?

Ich habe mich gefreut, dass es viele neue Gesichter gab. Junge Athleten, die richtig motiviert sind. Sie bringen frischen Wind in die deutsche Leichtathletik. So wie die 4x400-m-Staffel der Frauen. Das sind keine Superstars, keine Favoriten, und trotzdem sind sie so stark gelaufen und haben Silber geholt. Und das zieht sich durch alle Disziplinen durch. So macht das Zuschauen Spaß.

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