Szene aus „Fifty Shades of Grey“ Foto: Verleih

Am 5. Februar beginnen die 65. Berliner Filmfestspiele, seit Mai 2001 steht das neben Cannes und Venedig bedeutendste Festival unter der Leitung von Dieter Kosslick (66). Mit Regie-Ikone Terrence Malick hat Berlin bereits einen dicken Fisch im Programm. Ein Interview.

Stuttgart - Herr Kosslick, wenn die Festivalchefs von Cannes, Venedig und Berlin Autoquartett spielen würden, wäre Terrence Malick sicher der Jaguar E. Wie haben Sie das kauzige Genie zur Berlinale gelockt?
Malick war schon öfter Gast der Berlinale, 1999 bekam er für „Der schmale Grat“ den Goldenen Bären, und als er sieben Jahre später „The New World“ präsentierte, haben wir uns angefreundet. Terrence ist nicht nur ein begnadeter Filmemacher, sondern ein ganz großer Kenner von Heidegger, den er auch teilweise ins Englische übersetzte. Hinter seinem neuen Werk „Knight of Cups“ waren alle großen Festivals her – aber einmal trifft es dann doch das richtige! (lacht)
Wird Malick leibhaftig auf der Berlinale sein? Der Mann ist für Marotten berüchtigt . . .
Ich gehe fest davon aus, dass Berlinale-Besucher ihn sehen werden. Neben Malick werden weitere cineastische Leuchttürme im Programm zu finden sein – aber man sollte nicht alle Überraschungen vorab verraten.
Wie sieht es thematisch auf dem Festival aus, was treibt das Weltkino derzeit um?
Die Geschlechterfrage ist wieder bei etlichen Filmen virulent. Auffallend ist auch, dass die Geschichten aus Lateinamerika immer stärker werden. Der berühmt rote Faden ist im globalen Kino allerdings nicht auszumachen, es ist vielmehr wie ein Kaleidoskop mit ganz unterschiedlichen, vielfach ausgesprochen harten Themen wie Kindesmissbrauch, Ausbeutung und Gewalt gegen ethnische Minderheiten.
Wie sieht das Kaleidoskop des deutschen Kinos aus? Dessen Qualitäten werden derzeit einmal mehr heftig bestritten.
Um die Qualität der deutschen Berlinale-Beiträge mache ich mir keine Sorgen, wir werden mindestens zwei deutsche Filme zeigen, darunter die starke Romanverfilmung „Als wir träumten“ des ehemaligen Bären-Gewinners Andreas Dresen. Zudem gibt es eine Hommage an Wim Wenders, der mit zehn Filmen gewürdigt wird und den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhält.
Ein bisschen Porno darf es auch wieder sein: Nach „Nymphomaniac“ 2014 gibt es nun die Sadomaso-Saga „Fifty Shades of Grey“.
„Fifty Shades of Grey“ ist ein Massenphänomen. Das Buch gehört zu den größten globalen Bestsellern der letzten Jahre und wurde in 51 Sprachen übersetzt. Der Film wird seit Monaten mit Spannung erwartet, und auf You Tube ist der Filmtrailer gerade mit 93 Millionen der meistgeklickte Trailer des Jahres. Als Publikumsfestival möchten wir diese Art populäres Kino den Filmfans natürlich auch zeigen.
Bei einigen Filmförderungen wird der Rotstift angesetzt. Wie steht es um die Finanzen der Berlinale?
Streichungen gibt es keine – zum einen, weil wir in den vergangenen Jahren nie extreme Forderungen nach mehr Geld vom Staat gestellt haben, und zum anderen, weil wir immer im vorgesehenen Budget geblieben sind. Unser Etat von rund 22 Millionen Euro ist für das aktuelle Festival finanziert, wir können eine Berlinale ganz ohne Abstriche präsentieren.
Als Dank für die schwäbische Sparsamkeit wurde der Vertrag des Direktors gerade um fünf Jahre verlängert. Wie sieht Ihre Planung für die Zukunft aus?
Es entsteht ein gewisses „Lina Braake“-Gefühl: Man ist auf dem Weg ins Altersheim, als einem plötzlich einfällt, dass man noch etwas zu erledigen hat. Aus diesem schönen und lehrreichen Film von Bernhard Sinkel wissen wir: Da kann man durchaus noch ganz große Dinger drehen.
Ist das Thema einer Doppelspitze aus künstlerischem Leiter und repräsentativem Präsidenten à la Cannes damit für Dieter Kosslick-Braake vom Tisch?
Als Frühstücksdirektor hat man es leichter, weil alle Kritik ja auf den künstlerischen Leiter prasselt. Aber eine solche Doppelspitze für die Berlinale ist in meinem neuen Vertrag nicht vorgesehen und wird es in den nächsten vier Jahren wohl auch nicht geben.
Mit welchen Neuerungen wird sich das Festival präsentieren?
Neuerungen gibt es vor allem auf dem Filmmarkt, wo der Schwerpunkt Fernsehserien die internationalen und deutschen TV-Macher anziehen wird. Zudem bieten wir erstmals eine Plattform, bei der sich Berliner Start-up-Unternehmen der Filmbranche präsentieren. Auch das Publikum kann sich auf die Vorab-Präsentation neuer TV-Serien freuen.
Im Zuge der Hackerattacken auf Sony kamen auch E-Mails zutage, die vom „Monuments Men“-Auftritt auf der letzten Berlinale berichten. Fürchten Sie, dass vertrauliche Post von Ihnen irgendwann veröffentlicht werden könnte?
Meine E-Mails sind allesamt so freundlich geschrieben, dass man daraus ein kleines Poesiealbum zusammenstellen könnte. Vor einer Veröffentlichung meiner Mails habe ich keine Angst – die Texte würden vermutlich sogar ein Hit, weil sie zeigen, wie höflich man sein kann in einem Geschäft, in dem es bekanntlich eher hart zugeht.
Welches ist für Sie die schönste Szene aller Zeiten eines Berlinale-Films?
Spontan? Die Szene mit den zwei Jungs, die zwischen zwei Häusern im Versandhauskatalog heimlich Damenunterwäsche betrachten. Die Sequenz stammt aus „Boyhood“, einem wunderbaren Film. Den habe ich dieses Jahr auch zu Weihnachten verschenkt. Übrigens auch unser letzter Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“ ist ein schönes Geschenk. Dass beide Filme derzeit von zahlreichen Kritikervereinigungen zu den besten Filmen des Jahres gewählt wurden und als Oscar-Favoriten gelten, ist eine schöne Anerkennung unseres letztjährigen Berlinale-Programms und unserer langjährigen Berlinale-Stammgäste Richard Linklater und Wes Anderson.
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