Als Dieter Funk in den 80ern nach Berlin kam, blühte in der Potsdamer Straße nichts außer dem Drogenhandel. Heute gilt die Gegend als hip. Foto: Maurizio Gambarini

Wie ergeht es Baden-Württembergern in der Bundeshauptstadt? In einer Porträtserie sucht unsere Berlin-Korrespondentin Katja Bauer nach Antworten. Teil sechs: Dieter Funk ehrt den Dichter Joseph Roth und die Gottesmutter.

Berlin - Manchmal ist es die Liebe, die einem den Mut einhaucht, das ganze Leben auf den Kopf zu stellen. Seine Sachen zu packen, wegzugehen, an einen neuen Ort, obwohl einem daheim alle sorgenzerfurcht hinterherschauen. Das kann sogar mit vergangenen Lieben passieren, mit unerfüllten – und es müssen nicht mal die eigenen sein. Zumindest war es so bei Dieter Funk.

Was ihn Anfang der 80er Jahre von Rottweil nach Berlin führte, war die Geschichte eines Mannes, dessen Namen er nicht mal kannte. In seinen Kinderaugen war dieser Mann ein schweigsamer Riese gewesen, groß und wunderlich wie Pan Tau. Immer wieder kam er in den kleinen Laden der Großmutter, Lebensmittel, täglicher Bedarf. Es waren die 60er Jahre, in Rottweil war die Welt sehr in Ordnung. Man wusste, was gut, was böse und was verrückt ist. Deshalb nannte man das Haus in Rottenmünster, aus dem der Mann kam, einfach nur die Irrenanstalt. Bei der Oma bestellte der Fremde Dinge, die sonst nie einer wollte: Spargel in der Dose, eingelegtes Hühnerfleisch, Delikatessen. Sie wurden geliefert, ins Regal gelegt, bis der Riese kam.

Als die Großmutter starb, schloss der Laden. Nach einer Zeit klingelte es spätabends am Haus der Familie Funk. „Meine Mutter machte auf“, sagt Dieter Funk. „Da stand der Mann. Wir hatten ein bisschen Angst. Aber meine Mutter bat ihn herein.“ Der Riese war mit einer Bitte gekommen – er wollte ein einziges Mal das Haus, die Küche, die Zimmer sehen, in denen die Ladenbesitzerin gelebt hatte. „Dann ging er wieder. Tags darauf fand man ihn. Er hatte sich das Leben genommen.“

Ein Lokal als Gedenkstätte

Dieter Funk sitzt auf einem honigfarbenen Bistrostuhl, während er die Geschichte erzählt, die nur noch eine ferne Erinnerung ist. Aus der Küche heraus duftet es nach Rinderbrühe, aus der Hebelmaschine hinter der Theke tröpfelt der Kaffee, gleich werden die Mittagsgäste hereinkommen und die Stille in ein geschäftiges, vielsprachiges Gewirr verwandeln. Noch sitzt in der Ecke, wie immer freitags, ein vormittäglicher Stammgast mit dem ersten Bier und blickt ins Lokal hinein: Dicht an dicht hängen an den Wänden Fotografien, darüber Textcollagen in Rahmen, und alle zeigen Bilder und Worte des Schriftstellers Joseph Roth. Dieter Funk hat sein Lokal hier an der einst berüchtigten Potsdamer Straße komplett der Erinnerung an den jüdischen Schriftsteller gewidmet.

Nicht nur, weil der zu seinen liebsten Künstlern gehört, sondern vor allem, weil Roth hier einmal gewohnt hat. Gastwirt ist Funk eher aus Versehen geworden, genauso wie zuvor Devotionalienhändler. Nur das mit dem Filmemacher davor, das war Absicht. Die Sache mit der Restaurantgründung ist nun zehn Jahre her. Und sie wäre, genau wie die Sache mit der heiligen Maria, vermutlich nie passiert, wenn der Pan Tau von Rottweil nicht gewesen wäre.

Das war 1981. Film war schon immer Funks große Liebe, gerade hatte er auf einer Paris-Reise eine alte Beaulieu-Kamera erstanden. Und da fand sich, ganz hinten in einem dazu gekauften Buch, die Adresse der Berliner Filmhochschule. „Ich hatte keinen konkreten Plan, ich hatte nicht einmal von dieser Hochschule gewusst“, erzählt Funk heute. „Aber ich beschloss in diesem Moment, mich zu bewerben.“ Aus Pan Tau und der Großmutter wurde eine Kurzgeschichte in der Bewerbungsmappe – und Funk landete wenig später in Berlin.

Kreuzberger Nächte

So erzählt klingt das ganz leicht. In der Wirklichkeit galt es, den festen Job bei Foto-Quelle zu kündigen, einen Haushalt aufzulösen, der Familie diesen ganzen, sehr unschwäbischen Irrsinn zu erklären und dann irgendwo zur Untermiete in einem kleinen Zimmer in Moabit zu landen.

„Arm, kalt, traurig“ – das sind die drei Worte, die Dieter Funk einfallen, wenn er das eingemauerte Westberlin von damals beschreibt. Für sein Studium streifte er durch die ganze Stadt, und er sog sie ein, diese Berliner Mischung. Er erlebte die Kreuzberger Nächte der 80er Jahre, Feiern, Dramen, Spaß, Verzweiflung. „Ich hatte vorher zum Beispiel nie gesehen, dass es einfach Leute gab, die nicht arbeiteten, sondern sich so durchschlugen“, sagt Funk.

In Berlin sah er so viele verschiedene Wege, das Leben zu leben. Funk machte seinen Abschluss, arbeitete in Kinos, um sich zu finanzieren, machte Filme – und Berlin machte sich in seinem Herzen schleichend zum Zuhause. Er verbrachte viel Zeit in der legendären Kreuzberger Künstlerkneipe Nulpe und lernte dort auch den Maler Rudi Lesser kennen – einen Mann, der vor den Nazis nach Skandinavien zu flüchten gezwungen war und nun sein Leben in bescheidensten Verhältnissen im Umfeld der Berliner Malerpoeten lebte. „Ich habe mich damals zum ersten Mal damit beschäftigt, was das eigentlich ist: Emigration. Was das mit Menschen macht.“

Das Kreuzberg der 80er Jahre, das war auch das der wilden Straßenszenen – in Funks Gedächtnis hat sich ein Bild von Mai 1987 eingebrannt, als die DDR hinter der Mauer ein staatstrunkenes Feuerwerk zur 750-Jahr-Feier der Stadt in die Luft jagte, während im Kreuzberger Vordergrund die Straßenschlachten zum 1. Mai tobten und der Bolle-Supermarkt brannte.

Nichts blühte – außer dem Drogenhandel

Solcherlei Geschichten waren in Rottweil undenkbar. Aufgewachsen war Funk in dieser Welt mit fester Ordnung, wo die Tage in gleichmäßigem Rhythmus gelebt wurden und die Großmutter jeden Tag zur Messe ging – die Definition von Normalität ein schmaler Korridor. Wie stark dagegen Berlin die Liebe zur wilden, oft auch hässlichen Vielfalt entfachen kann, ist anderen Menschen schwer zu beschreiben. Das ging auch Dieter Funk so. „Meine Familie hat mich da nicht verstanden“, sagt er.

Es gab sicher viele Berliner, die umgekehrt ihn nicht verstanden, als er sich im Nachwende-Berlin zu einer geradezu subversiven Unternehmung entschloss: Funk eröffnete das „Ave Maria“ – einen christlichen Devotionalienhandel, mitten im heidnischen Berlin. Heiligenbildchen, Votivkerzen, Weihrauchtränen, die Mutter Gottes mit entrücktem Blick und der Erzengel Michael in Dutzenden Variationen stellte er in seinem kleinen Laden auf, der gebaut war wie eine Wallfahrtsgrotte.

Das war Mitte der 90er Jahre – in jener Phase, in der in Berlin die ersten Nachwendefantasien zersplittert waren, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot groß, die Großstadtseele matt überzogen von einer mentalen Mehltauschicht, nichts rührte sich, der Regierungsumzug war in weiter Ferne.

Hier auf der Potsdamer Straße, diesem schäbigen Hinterhof des Potsdamer Platzes, blühte nichts außer dem Drogenhandel. Sehr junge Prostituierte warteten zwischen den grauen Fassaden der Nachkriegsbauten schon morgens auf Freier, den Menschen auf der Straße sah man ihre Armut an, wer seine Kinder auf dem Spielplatz spielen lassen wollte, suchte den Sand zuvor nach gebrauchten Spritzen ab. Was sollte dieser Laden? „Ich fand einfach, dass es eine gute Sache ist“, sagt Funk. „Mir wurde mein Glaube wichtig, mir bedeuten die Dinge etwas, die hier stehen. Und die Menschen brauchen solche Dinge.“ Wirtschaftlich war die Unternehmung kein riesiger Erfolg. „Man kann eigentlich nicht mal von zweitem Standbein sprechen“, sagt Funk. „Aber es war für mich innerlich wie ein Brückenschlag zu meinen Wurzeln, zu meiner Mutter, zu meiner Großmutter.“

Eine Stadt im Wandel

Seinem Leben gab der Laden eine entscheidende Wendung. Ohne „Ave Maria“ säße Funk heute nicht auf diesem Bugholzstuhl in seinem eigenen Lokal direkt neben dem Devotionalienladen. Er würde seine Ehefrau nicht kennen, die gerade hinter dem Tresen ein Bier zapft. Der Fan Joseph Roths wäre ganz einfach vermutlich nicht einmal Wirt geworden.

„Es war Zufall“, sagt Funk. „Ich erfuhr irgendwann, dass Roth im Nachbarhaus für eine Zeit gewohnt hat.“ Ein Lager war damals im Erdgeschoss untergebracht, und als die Räume frei wurden, mietete Funk mit drei Geschäftspartnern sich ein – und entdeckte beim Renovieren die schönen alten Dielen, den schwarz-weißen Kachelboden jener einstiegen Konditorei, in der früher Roth einkaufte. Als die Joseph-Roth-Diele vor zehn Jahren eröffnete, gab es frisch geschmierte Stullen und ein Tagesessen. „Wir haben langsam angefangen, mit kleinem Angebot.“

Berlin dagegen hat in der Zwischenzeit ziemlich schnell weitergemacht: Die Stadt wächst und verändert rasant ihr Gesicht. Auch hier, in einer immer noch sehr rauen Ecke, kommt seit ein paar Jahren der Wandel an. Wo Discounter und Billigläden waren, haben nun Galerien und Hipstermarken wie Acne Studios ihren Sitz, außer Döner gibt es inzwischen auch vegane Cafés.

In der Joseph-Roth-Diele geht es auf Mittag zu. Wie ein geschäftiges Summen übertönen die Gespräche der Essenden die Chansons aus den Boxen. Draußen hasten Menschen vorbei, Autos hupen sich durch den Stau. „Die Stadt wird nie ruhig. Sie hat einfach eine gute Spannung“, sagt Dieter Funk und steht von seinem Stuhl auf. Pausenlos öffnet sich die Tür, kommen neue Gäste aus Frankreich, Italien, Skandinavien und aus Israel, um den Ort zu besuchen, der an den jüdischen Schriftsteller erinnert. Das Lokal ist zur kleinen Sehenswürdigkeit geworden. Dieter Funk erfüllt das mit Freude. Der Herausforderung begegnet er mit schwäbischem Pragmatismus. 150 Gäste kommen pro Mittagstisch. Heute gibt es Gaisburger Marsch.

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