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In zwei Stücken hat Dieter Baumann schon bewiesen, dass er es kann: auf der Bühne kritisch-lustige Geschichten rund ums Laufen zu erzählen. Jetzt folgt der dritte Streich: Am Donnerstag ist Premiere von „Die Götter und Olympia“ im Theaterhaus.

In zwei Stücken hat Dieter Baumann schon bewiesen, dass er es kann: auf der Bühne kritisch-lustige Geschichten rund ums Laufen zu erzählen. Jetzt folgt der dritte Streich: Am Donnerstag ist Premiere von „Die Götter und Olympia“ im Theaterhaus.

Stuttgart - Was ist anstrengender: einen Halbmarathon zu laufen oder ein Bühnenprogramm auf die Beine zu stellen?
So ein Programm zu entwickeln ist ein langer Prozess. Dagegen ist es reine Erholung, einen Halbmarathon zu laufen.
Hilft das Laufen, um gute Ideen zu entwickeln? Oder ist Laufen eine Art geistiger Entleerung, die erst wieder Kreativität zulässt?
Beim Laufen kommen mir keine Ideen. Im Gegenteil. Ich gewinne beim Laufen Abstand und bekomme so meinen Kopf leer. Kreativität entsteht bei mir ganz banal am Schreibtisch oder während des Schaffensprozesses bei den Proben auf der Bühne. Oft auch im Dialog mit Publikum. Dann wird das Ganze zu einem Spiel und hat fast Wettkampfcharakter.
Und was ist berauschender: in einem ausverkauften Stadion als Sieger über die Ziellinie zu rennen oder den Schlussapplaus auf der Bühne zu genießen?
Als Läufer bekommst du so was kaum mit. Da bist du wie in einem Tunnel. In meinem neuen Stück beziehe ich mein Publikum stark ein. Insofern liegt der Genuss hier auch eher im Spiel.
Haben Sie Vorbilder? Etwa Michael Gaedt von der Kleinen Tierschau. Er bindet sein Publikum auch ein.
Für diese Spielart habe ich keine Vorbilder. Aber ich verehre die Tübinger Künstler Heiner Kondschak oder Bernd Kohlhepp, beide sind grandios.
Weshalb haben Sie überhaupt mit der Kleinkunst begonnen?
Alles entstand bei meinen Vorträgen. Da merkte ich, dass die Leute viel interessierter meinen Anekdoten lauschten als meinen Expertisen übers Laufen. Daraus haben wir dann Stücke gebastelt, bei denen es immer um das zentrale Thema Laufen geht.
Warum ist das Laufen Volkssport?
In einer Welt, die eintönig, spezialisiert geworden ist und einsam macht, ist das Laufen eine Form der Kompensation. Menschen können in dieser individualisierten Welt unabhängig von Zeit ihr Ding machen. Für andere ist auch eine Herausforderung, an Grenzen zu stoßen, die sie privat oder beruflich nicht mehr erfahren. Vielleicht ist es auch eine Suche nach sich selbst.
Sie denken in allen Lebenslagen als Läufer und wenden Ihre Trainingsprinzipien im Alltag an. Wie setzen Sie „Mut zur Lücke“ oder „Lass Luft ran“ im Leben um?
Wir brauchen Pausen. Wenn wir immer Gas geben, brechen wir zusammen. Ich gönne mir meine Auszeiten, körperlich und geistig.
Wechseln wir von der Langstrecke zum Sprint. Sie haben 9,58 Sekunden Zeit, um dem Leser zu erklären, warum er sich Ihr Stück anschauen muss.
Weil es ein absolut geiler Abend übers Laufen ist, man ins Nachdenken kommt und weil man bei keinem anderen Stück so in Kontakt mit dem Protagonisten kommt.
Das war fast so schnell wie der 100-Meter-Weltrekordler Usain Bolt. Was verbinden Sie noch mit dessen 9,58 Sekunden?
(Wird euphorisch) Ich war im Stadion, war live dabei, als er diesen Weltrekord lief. Deshalb bin ich etwas befangen – von der unglaublichen Aura dieses Mannes. Er ist ein sensationeller Entertainer, er beherrscht ein Stadion.
Es gibt auch kritische Stimmen. Für viele wird Hochleistungssport wegen der Dopingproblematik immer fragwürdiger.
(Wechselt die Tonlage, wird nachdenklich) Natürlich muss man da kritisch bleiben, wenn man sieht, was da in seinem Umfeld und in Jamaika alles läuft. Wenn man sieht, dass dort bis auf Bolt fast alle positiv getestet werden, kommt man ins Grübeln. Das spricht nicht für ihn. Aber vielleicht ist er dieses einzigartige Jahrhunderttalent, das es einfach kann. Glauben Sie mir, ich bin nicht blauäugig und kenne mich in der Szene aus, aber dieser Mann ist ein Phänomen.
Auf der Bühne gingen Sie früher mit Ihrem eigenen Dopingfall gelassen um. Ist das nur gespielte Distanz oder authentisch?
Was mir vor 13 Jahren widerfahren ist (Anm. d. Redaktion: Baumann wurde 1999 positiv auf den Wirkstoff Nandrolon getestet, bestreitet aber bis heute die wissentliche Einnahme des Dopingmittels), bleibt ein Teil meiner Geschichte – genauso wie mein Olympiasieg. Beides sind in meiner Biografie Wendepunkte, die mein Leben verändert haben. Aber ich will nicht zaudern und in der Vergangenheit leben, sondern die Zukunft gestalten.
Kollegen aus dem Sport beschrieben Sie früher als einen überkritischen, humorlosen Menschen. Haben Sie sich seit Ihrem Karriereende verändert?
Man wollte einen kritischen Sportler. Also war ich der kritische Baumann. Muffelig war ich jedoch nie – und wenn, dann nur zum Selbstschutz. Aber mal ehrlich, da wird viel reininterpretiert. Übrigens: Das Kritische ist heute noch in meinem Stück lebendig. Ich gehe kritisch mit dem IOC, dem Präsidenten Thomas Bach oder dem Leistungssport um. Und dabei halte ich es wie Dieter Hildebrandt, der die schlimmsten Dinge stets mit einem Lächeln kritisiert hat.
Stichworte Leistung und Sport. Starten Sie demnächst beim Nikolaus-Lauf in Tübingen?
Das fällt in die Zeit der Auftritte. Aber wenn ich an diesem Sonntag aufwache und mich gut fühle, laufe ich.
Mit welchen Ambitionen?
Da laufe ich ganz locker mit einem Partner, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe, und habe dabei überhaupt keine Zeit im Kopf.
Wie erleben Sie sich heute als Läufer? Schmerzt es einen Olympiasieger, wenn junge Burschen an einem vorbeiziehen? Oder willigen Sie in die Vergänglichkeit und das Nachlassen der Kräfte demütig ein?
Das macht mir überhaupt nichts aus. Wenn einer an mir vorbeizieht, lasse ich ihn laufen. Ich habe das Laufen für mich ganz neu erschlossen. Ich mache heute eine andere Disziplin. Ich genieße es, alleine im Wald ganz langsam zu laufen – und sogar Gehpausen zu machen.
Das Gehen! Eine gute Überleitung zur Schlussfrage: Für seinen Grabstein wünscht sich der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, für den Gehen während eines Marathons eine Blamage wäre, die Aufschrift: „Zumindest ist er nie gegangen.“ Originell?
Das finde ich super. Der Mann hat eine schöne Selbstironie. Bei mir dürfte man aber schon draufschreiben: Er ist auch gegangen.