„Der Mythos Porsche lebt“, sagte Wolfgang Porsche nach der Übernahme durch VW. Doch zehn Jahre später sind die Folgen noch immer zu spüren – nicht nur durch den Dieselskandal.
Stuttgart - Auf seinen neuesten Sportwagen, der in den nächsten Monaten auf den Markt kommt, lässt Porsche-Chef Oliver Blume nichts kommen. Der Taycan, das erste reine Elektroauto des Stuttgarter Autoherstellers, werde so ausgelegt sein, dass er sich auch „zehn Mal hintereinander problemlos von Null auf 100 beschleunigen lässt“, schwärmt Blume, der das Unternehmen seit vier Jahren führt. Von Null auf 100 schafft es der 600-PS-Wagen in 3,5 Sekunden; geht es Richtung 200, komme „noch mal richtig Durchzug ab 150 km/h“.
Nichts wie weg und das so schnell wie möglich – dieses Ziel verfolgt der Porsche-Chef nicht nur mit Blick auf den E-Wagen, sondern auch für sein gesamtes Unternehmen. Die Elektromobilität soll ihn und Porsche weit weg tragen von all dem Ungemach, das dem Stuttgarter Autobauer seit Jahren das Leben schwermacht. Große Razzien von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft, Ermittlungsverfahren, die wochenlange Untersuchungshaft gegen einen Topmanager, Zwangsrückrufe wegen der Manipulation von Abgasmessungen und ein Bußgeld von mehr als einer halben Milliarde Euro sind starke Anzeichen dafür, dass es Porsche offenbar nicht gelungen ist, ein Überschwappen des Skandals von der Wolfsburger Konzernmutter nach Zuffenhausen zu verhindern.
Blume gilt als Hoffnungsträger
Und nun steht auch noch Blume selbst, der Porsche aus dem Dunstkreis der VW-Skandale herausführen soll, im Mittelpunkt von Ermittlungen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart beschuldigt ihn und zwei seiner Vorstandskollegen, dem bisherigen Betriebsratschef Uwe Hück gesetzeswidrig ein zu hohes Gehalt gezahlt zu haben und damit unter anderem Untreue zu Lasten des Unternehmens begangen zu haben. Solche Verfahren sagen nichts über die Stichhaltigkeit der Vorwürfe, können aber auch nicht ohne konkrete Verdachtsmomente in Gang gebracht werden.
Dabei gilt der promovierte Maschinenbauer Blume, der vor vier Jahren dem ranghohen VW-Manager Matthias Müller nachfolgte, als Hoffnungsträger nicht nur für Porsche, sondern auch für den VW-Konzern, in dem er inzwischen auch die Verantwortung für das globale Produktionsnetzwerk übernommen hat. Einen Neuanfang sollte es bei Porsche geben, angeführt von einem, der von dem Skandal völlig unbelastet ist.
Zehn Jahre ist es her, dass der Wolfsburger Konzern den stolzen Stuttgarter Autohersteller übernahm, der einst in einem Jahr so viele Autos baute wie die Muttergesellschaft in einer Woche. Das neue Unternehmen solle zu einem „Kraftfeld“ in der globalen Autobranche werden, sagte der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn.
Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln
In Stuttgart hörte sich das ganz anders an. „Es muss aufhören mit der Beschädigung von Porsche“, rief der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nach dem Scheitern seiner Übernahmepläne den Mitarbeiter zu. „Ihr habt das nicht verdient.“ Und Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche sagte unter Tränen: „Der Mythos Porsche lebt und wird nie untergehen.“
Wer weiß, ob es jemals zu der Übernahme gekommen wäre, hätten Wiedeking und Porsche damals schon geahnt, dass der Volkswagen-Konzern mit großem Aufwand Software entwickeln würde, die die Schadstoffwerte von Dieselabgasen immer dann senkt, wenn das Auto sich auf einer Prüfstation befindet. Software für Motoren, die dann auch die VW-Tochter Porsche bei ihrer neuen, ungeliebten Konzernschwester Audi einkaufte. Die Ingolstädter hätten an Porsche „kranke Motoren“ geliefert, wetterte Hück. Wenig später nahm Blume den Diesel komplett aus dem Programm, als gelte es, sich vor einer ansteckenden Krankheit zu schützen.
Doch die Vergangenheit lässt sich auch im Jahr zehn nach der Übernahme nicht so einfach abschütteln. Immer wieder wird Porsche von dem Skandal eingeholt. Auch beim Umgang mit dem ehemaligen Betriebsratschef gibt es auffallende Parallelen zum VW-Konzern. Bis zu 750 000 Euro hat VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh pro Jahr verdient – aufgeteilt in ein Fixgehalt um die 200 000 Euro und einen Bonus, durch den sich das Gehalt in Spitzenzeiten fast vervierfachte. Dabei sagt das Betriebsverfassungsgesetz eindeutig, dass Betriebsräte durch ihre Tätigkeit weder bevorzugt noch benachteiligt werden dürfen. Das Gehalt solle sich an dem orientieren, was vergleichbare Beschäftigte mit „betriebsüblicher beruflicher Entwicklung“ verdienen.
Hück hält sein Gehalt geheim, Osterloh nicht
Während das Gehalt von Osterloh in einem arbeitsgerichtlichen Vergleich weitgehend bestätigt wurde, steht eine Klärung der Bezüge von Hück noch aus, der sein Gehalt – anders als Osterloh – zudem geheimhält. Immer wieder ist die Rede von knapp einer halben Million Euro, was für einen gelernten Lackierer ansonsten kaum erreichbar ist. Doch was wäre aus dem wortgewaltigen Hück geworden, hätte er nicht vor Jahrzehnten die Laufbahn des Betriebsrats eingeschlagen? Für die Festlegung der Betriebsratsgehälter ist das Lesen des Kaffeesatzes sehr hilfreich.
Hat Blume, zwischen E-Offensive und Dieselskandal, die juristische Brisanz des Themas unterschätzt? Der Konzern gibt sich angesichts der laufenden Ermittlungen schmallippig – man will vermeiden, dass die Richter seine Stellungnahme aus den Medien entgegennehmen. So viel dann aber doch: Porsche habe die Frage der Angemessenheit der Betriebsratsvergütungen gegenüber den Finanzbehörden „von sich aus zur Diskussion gestellt und von sich aus das Gespräch gesucht“, sagte ein Sprecher unserer Zeitung. Der Vorstandsvorsitzende persönlich habe vor längerem „umfangreiche Maßnahmen“ zur Einhaltung der Gesetze angestoßen.
SPD gibt sich unbeeindruckt
Hück selbst ist nun nicht mehr Hoffnungsträger von Porsche, sondern der Pforzheimer SPD, für die er am Sonntag in den Gemeinderat gewählt wurde – zwei Tage vor der Razzia bei seinem einstigen Arbeitgeber. Seine Partei hält fest zu ihrem neuen Mandatsträger. Das Ermittlungsverfahren bei Porsche, bei dem Hück als Zeuge geführt wird, habe auf die Arbeit der SPD für Pforzheim keinen Einfluss. „Porsche ist Porsche, Pforzheim ist Pforzheim“, erklärte die Kreisvorsitzende Annkathrin Wulff unserer Zeitung. „Ich für meinen Teil konzentriere mich klar auf Letzteres.“