Junge Frauen wollen zurück an den Herd. Zumindest, wenn man den Follower:innenzahlen von Tradwives auf Social Media glaubt. Das können die doch nicht ernst meinen, oder?
Eine Frau Mitte Zwanzig steht am Herd. Sie trägt eine geraffte Blümchenbluse mit Spitzeneinsatz, darüber eine pastellfarbene Schürze, die Haare sind zum tiefsitzenden Knoten zusammengebunden. Mit einem besonnen Lächeln schiebt sie einen Auflauf in den Ofen. Ein Clip später bastelt sie mit ihren Kindern am Tisch, danach werden im Garten Kastanien gesammelt, um damit die Wäsche zu waschen – auf dem Gesicht immer noch das besonnene Lächeln. Es war nie weg.
An dieser Stelle könnte man sagen, dass diese Szene auch ein Werbespot aus den 50er Jahren sein könnte, aber dann hätte man die letzten zwei Jahre einen weiten Bogen um Social Media gemacht. Denn an dieser Stelle könnte man auch sagen: Das Phänomen der sogenannten Tradwives ist kein neues. Videos, in denen junge, eher konservativ gestylte Frauen eine heile Welt als Hausfrauen und Mütter präsentieren, haben wohl alle von uns schon mal in den Feed gespült bekommen.
Auf Instagram und TikTok haben diese Videos Millionen Aufrufe. Tradwives verkörpern unter dem entsprechenden Hashtag das vermeintlich traditionelle Rollenbild der Frau (daher auch der Name), orientieren sich dabei ästhetisch an vergangenen Epochen, etwa an den 1950er Jahren oder einer vorindustriellen Zeit. Sie teilen Videos, die sie beim Putzen, Kochen und der Kindererziehung zeigen, während die Ehemänner und Väter bei der Arbeit sind und das Geld für die Familie verdienen.
Mehrheit der jungen Frauen lehnen konservative Lebenseinstellungen ab
Jetzt zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: Die Mehrheit der jungen Frauen in Deutschland lehnt die Werte, die Tradwives online vermitteln, in ihrem Alltag ab. Heißt also: junge Frauen orientieren sich an der Gleichstellung von Mann und Frau. Das passt so gar nicht zu den verschiedenen Medienberichten und TV-Dokus, die eher den Eindruck erwecken, das Thema sei auch in Deutschland unter jungen Frauen groß – und dass viele Frauen der Gen Z nach diesem Lebensstil streben.
Wir wollten daher wissen, wie junge Frauen in Stuttgart zur Rückkehr an den Herd stehen – und haben euch auf Instagram danach gefragt. Wenn Tradwives auf Social Media zehntausende, teilweise hundertausende Follower:innen haben, müssen sie doch irgendwo sein, die jungen Frauen, die dieses Rollenbild auch wirklich leben. Die Enttäuschung zuerst: Im Kessel haben wir keine Tradwife gefunden. Aber: etwa 1100 junge Frauen aus Stuttgart haben bei unserer Umfrage mitgemacht. Das Thema beschäftigt euch also auch.
Unsere erste Frage: „Kannst du dir vorstellen, für deinen Partner, den Haushalt (und deine Kinder) vollständig auf deine Karriere zu verzichten?“ 69 Prozent unserer Stadtkind-Leserinnen können das nicht. Wie erhielten viele Antworten wie „Ich möchte mich nicht abhängig von meinem Mann machen, man weiß nie was die Zukunft bringt“ oder „Ich habe doch nicht nur zum Windelwechseln studiert“.
Trotzdem: Fast die Hälfte der jungen Frauen (und ja, es waren ausschließlich Frauen), gab im zweiten Schritt an, regelmäßig Tradwife-Inhalte zu konsumieren, also zum Beispiel Reels, in denen Frauen erklären, welche Gerichte Ehemänner glücklich machen. Wie passt das zusammen?
Geheime Sehnsucht der Gen Z oder reines Medienphänomen?
Sind Tradwives also ein reines Medienphänomen? Wieso faszinieren sie Millionen von Follower:innen? Und was steckt hinter dieser Sehnsucht nach Tradition, die die Gen Z verspürt?
Alexandra Heider (25) kennt diesen Zwiespalt nur zu gut. Die Stuttgarterin hat bei unserer Umfrage mitgemacht, wir haben im Anschluss mit ihr gesprochen, weil wir wissen wollten, warum sie diese Inhalte konsumiert, ihren Alltag aber nach anderen Werten lebt. „Es passiert manchmal beim Doomscrollen, dass ich auf Tradwife-Content stoße. Aktiv folge ich diesen Accounts nicht“, erzählt sie.
Wenn sich Alexandra dann länger mit den Inhalten beschäftigt, hat das zwei Gründe: Entweder sie hofft auf Rezeptideen und Haushaltstipps oder sie nutzt die Chance, ihre Zukunftsvorstellung kritisch zu hinterfragen. Ersteres sei aber eigentlich „eher Selbstbetrug“. Denn rückblickend habe sie aus diesen Inhalten noch nie einen Tipp gewinnen können, sagt sie.
„Der Content bietet klare Handlungsanweisungen, die ein Gefühl von Halt und Struktur geben können“
Für Jessica Wagner liegt der Grund warum junge Frauen diesen Content konsumieren, aber selbst keinen Hausfrauenentwurf haben „in der Funktionslogik der Sozialen Medien“. Sie ist Geschlechterforscherin und Doktorandin an der Universität Bielefeld und hat sich intensiv mit dem Thema Tradwives auseinandergesetzt: „Soziale Medien suggerieren eine Unvermittelbarkeit zwischen Nutzer:innen und Content-Creator:innen“. Die interaktiven Möglichkeiten von Social Media sowie der Eindruck, den Tagesablauf der Influencer:innen zeitsynchron mitzuerleben, verstärke das Gefühl einer engen Beziehung.
Trotzdem bleibt es paradox: In einer Zeit, in der etwa 2,7 Millionen Frauen zwischen 20 und 29 Jahren in Deutschland erwerbstätig sind, begeistern sich so viele junge Frauen für den Lebensentwurf ihrer Großmutter. Woher kommt diese Sehnsucht nacht Tradition (und Rückschritt)?
„Der Content bietet klare Handlungsanweisungen, die ein Gefühl von Halt und Struktur geben können. Ambivalenzen gibt es dort nicht, sondern klare Unterscheidungen zwischen gut und böse“, erklärt Wagner. Gerade in der aktuellen Zeit, in der zum Beispiel Lebensmittel und Mieten immer teurer werden, klassische Lebensziele wie Eigenheim immer unrealistischer werden, biete der Content Erholung in einer scheinbar perfekten vormodernen Welt.
Durch die Video fühlt sich Alexandra genervt und verunsichert
Alexandra sieht noch einen weiteren Aspekt, der ihrer Meinung nach, für die Faszination von Tradwives verantwortlich ist: Entschleunigung. „In einer Gesellschaft, die so schnelllebig ist, wirkt ein Video, wie man mit dem selbstgesetzten Korn das perfekte Brot backt, entspannend“.
Mit den (vermeintlich spontanen) Einblicken fremder Alltage, dem eigenen entfliehen? Klingt logisch. Ein paar Reels zum Abschalten? Kennen wir. Darin unterscheiden sich Tradwives nicht von anderen Inhalten. Also alles halb so wild? Die kurze Antwort: nein.
Die lange: Wirklich gut gehe es Alexandra nicht, nachdem sie sich für ein paar Minuten in die (vermeintliche) Hausfrauen-Idylle begeben hat. Entspannung? Fehlanzeige. „Ich bin nach den Videos meistens genervt“, erzählt sie, „in meiner perfekten Vorstellung meines Lebensmodells gestört und verunsichert“. Viele Fragen seien es, die dann in ihrem Kopf beginnen zu kreisen. Alle drehen sich darum, wie sie sich als junge Frau in der Gesellschaft positionieren will und kann. „Diese Videos hallen nach“, sagt sie.
Hausfrauen oder Content-Creatorinnen?
Es ist genau diese Verunsicherung, die sich die Content-Creatorinnen hinter den Tradwife-Inhalten zu Nutze machen. „Gearbeitet wird auf den Tradwife-Accounts mit der Unterscheidung zwischen vermeintlich Natürlichem und Unnatürlichem“, sagt Wagner.
Der Content sei an der Vergangenheit orientiert. Die zentrale Botschaft laute: Der Mensch hat sich in der modernen Welt verloren und muss zurück an seinen Ursprung. Privates Glück und Erfolg stellen sich ein, indem der Mensch sich wieder seiner wahren Natur beziehungsweise Bestimmung zuwendet. Für dieses Narrativ eigne sich die ästhetische Figur der traditionellen Hausfrau optimal, sagt Wagner.
Doch, an dieser Stelle braucht es einen kurzen Einwurf: Mittlerweile ist uns allen klar, wie viel Arbeit und Zeit Contentcreator:innen in ihre Accounts stecken – und welche Technik dafür gebraucht wird. Und hier bekommt das Bild der traditionellen Frau allmählich feine Risse. Die Nutzung technischer Küchengeräte wird zwar abgelehnt, die Nutzung der für die Content-Produktion benötigten Technologien wie Kamera, Mikrofon und Schnittsoftware scheint aber keinen Bruch in der Inszenierung darzustellen.
Es wird deutlich: Vor allem bei den erfolgreichen Accounts handelt es sich nicht um „Hausfrauen im klassischen Sinne“, sondern um sehr erfolgreiche Businessfrauen.
Die Schnittmenge mit rechtsextremen Spektrum
Die Geschlechtsforscherin sieht in dem Narrativ, das die Tradwives verkörpern und verstärken, eine große Gefahr, denn die Inhalte seien ideologisch „perfekt anschlussfähig“ – und das „in erster Linie für rechte und antifeministische Ideologien“. Die Schnittmenge der Tradwives mit dem rechten, beziehungsweise rechtsextremen Spektrum sei real. Deswegen brauche es laut Wagner, die auch lange als Schulsozialarbeiterin gearbeitet hat, mehr finanzielle Mittel für Schulen und andere pädagogische Einrichtungen, um „diese Themen sich nicht selbst zu überlassen“. Außerdem müssten, sagt Wagner, noch viel mehr Gegenangebote auf Instagram und Co. geschaffen werden.
Doch die Videos einfach verteufeln, könne auch nicht der richtige Weg sein, findet Alexandra. Sie hat für sich auch einen positiven Umgang gefunden. Zwar fühle sie sich durch die Inhalte oft genervt und verunsichert, gleichzeitig aber auch „dazu berufen für ihre Rechte einzustehen“. Wenn sie auf den Bildschirm blickt und Frauen bei der Hausarbeit zusieht, ist es für sie jedes Mal auch eine Erinnerung: „ich bin dankbar für die Rechte und Möglichkeiten, die wir Frauen heute haben, das war nicht immer so“.