Die Apollo-Galerie, aus der die Schmuckstücke entwendet wurden. Foto: AFP/Stephane De Sakutin

Der spektakuläre Coup trifft die Pariser mitten ins Herz. Wie kann es sein, dass die Einbrecher tagsüber so leicht in eine der wertvollsten Abteilungen eindringen konnten?

Warum ging der Alarm erst am Ende des Einbruchs los? Welche Fehler begingen die Kunsträuber? Und hatten sie es bewusst nur auf Schmuckstücke von Frauen abgesehen? Nach dem dreisten Diebstahl im Pariser Louvre mehren sich die Fragen.

 

Wie sind die Täter vorgegangen? Augenzeugen bestätigten, dass die Einbrecher den bei dem Einbruch benutzten Lastaufzug am Sonntagmorgen selbst unterhalb der Apollo-Galerie im ersten Stockwerk des Louvre platziert hatten. Auf dem Balkon angelangt, öffneten sie ein Fenster mit einer Motorsäge. Der Kunstexperte Didier Rykner will erfahren haben, dass das fragliche Fenster vor einem Monat wegen eines Alarmdefektes geprüft worden sei. Wussten das die womöglich informierten Einbrecher, als sie die Glasscheibe aufschnitten?

Coup mitten in der französischen Hauptstadt Foto: StZN/Björn Locke

Im Innern trafen die Täter auf vier (unbewaffnete) Museumswächter. Sie evakuierten die Galerie, nachdem ein Besucher einen Einbrecher beim Aufsägen eines Schutzglases gefilmt hatte, und schlugen Alarm. Laut Rykner ging der Alarm auf dem Sicherheitsposten – in den Sälen selbst ertönt kein akustischer Alarm – erst um 9.37 Uhr los. Eine Minute später, um 9.38, verließen die Räuber den Tatort mit zwei Motorrädern Richtung Autobahn.

Zurück blieb nicht nur die beschädigte Krone der Kaiserin Eugénie – der Gemahlin Napoleons III. – mit 56 Smaragden und hunderten Diamanten, sondern auch die Kreissäge, eine gelbe Bauweste sowie das Fahrzeug mit der Hebebühne, das die Täter vor ihrer Abfahrt vergeblich in Brand zu stecken versuchten.

Die Täter erbeuteten auch die Krone der Kaiserin Eugénie de Montijo. Sie wurde später beschädigt in der Nähe des Museums gefunden. Foto: AFP/Stephane De Sakutin

Hatten es die Einbrecher auf spezielle Schmuckstücke abgesehen? Zweifellos. Eine Handyfilmaufnahme zeigt, wie „schnell, präzise und brutal“ (so die Louvre-Direktorin Laurence des Cars) die Räuber vorgingen: Sie sägten ausgewählte Vitrinen auf, in denen neben Eugénies Krone zwei Halsbänder, zwei Diademe, ein Paar Ohrringe sowie drei Broschen lagen. Prinz Joachim Murat, ein Nachfolger von Napoleons Schwester Caroline Bonaparte, wunderte sich, dass es die Täter nur auf Frauen-Schmuckstücke abgesehen hatten. Sogar der größte Diamant der Sammlung, der 140-karätigen Régent, dessen Wert auf 70 Millionen Dollar geschätzt wird, blieb unberührt.

Den Wert der Diebesware wollen Schmuckexperten gar nicht erst schätzen, da die französischen Kronjuwelen nach den Worten von Kulturministerin Rachida Dati buchstäblich „unschätzbar“ seien.

Kunstexperte Rykner wundert sich, wie genau die Einbrecher die Schwachstellen ausnutzten. Verfügten sie über Informationen oder gar Informanten im Museum? Rykner glaubt nicht, dass es sich bei dem Auftraggeber um einen reichen Sammler handle. Die „Diebes-Kollektion“ lasse nicht auf einen besonderen Geschmacksstil oder ein ähnliches Motiv schließen. Insofern sei die gezielte Tat bis auf weiteres unerklärbar.

Ebenfalls geraubt wurde ein Collier mit Smaragden und Diamanten. Foto: AFP

Waren die Sicherheitsvorkehrungen unzureichend? Mit 8,7 Millionen Besuchern im Jahr und einer Ausstellungsfläche von 73 000 Quadratmetern ist der Louvre das größte Museum der Welt. Aber bei Weitem nicht das bestgeschützte. Ein Bericht des französischen Rechnungshofs stört sich am Fehlen von Überwachungskameras. Im Flügel Denon, in dem sich die Apollo-Galerie und auch die Mona Lisa von Leonardo da Vinci befinden, fehlt ein Drittel der geplanten Überwachungskameras. In den letzten fünf Jahren wurden nur 138 Kameras installiert – ein Bruchteil der erforderlichen Menge. Der Bericht sollte im November erscheinen, doch der Radiosender France-Info hat seinen Inhalt nun bereits enthüllt.

Warum trifft der Kunstraub Frankreich so schwer? Durch Frankreich ging am Sonntag ein schmerzvoller Aufschrei: Wie kann es sein, dass eine Handvoll Einbrecher während der Öffnungszeit des Museums so leicht in eine der wertvollsten Abteilungen eindringen konnte? Das sei „eine Schande für die Nation“, wetterte der Rechtspopulist Jordan Bardella, laut dem Frankreich „erniedrigt“ worden sei. Der Republikaner Laurent Wauquiz twitterte: „Frankreich ist bestohlen worden.“

Wenn solche Aussagen ein großes Echo bewirken, dann auch, weil es Frankreich derzeit nicht gut geht: Die Staatskasse ist leer, und als Folge ist Paris seit Monaten durch eine chronische Regierungskrise gelähmt. Der Kunstraub trifft Frankreich auch deshalb an einer wunden Stelle.

Die nationale Aufwallung ist so groß, dass ein Köpferollen unumgänglich scheint. Muss Louvre-Direktorin des Cars gehen? Sie hatte zwar vor den unhaltbaren Zuständen im Louvre gewarnt, aber nur wenig getan. So auch Kulturministerin Dati. Gefährdet sind aber auch städtische Polizeivorstände. Denn wie der Sprecher der Polizeigewerkschaft CFTC-Police, Axel Ronde, am Montag erklärte, zeigt der Kunstraub auch auf, wie schlecht der Louvre gegen ein gut organisiertes Terrorkommando gewappnet wäre.