Platz 2: der kuschelige Bademantel. Er kommt auf 65,1 Prozent. Foto: Adobe Stock/ Diana Vyshniakova

In Hotels wird seit jeher geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Doch die Maschen werden immer dreister. Viele Häuser finden inzwischen Wege, wirkungsvoll dagegen vorzugehen – und sorgen so dafür, dass die Fallzahlen in Stuttgart zuletzt zurückgegangen sind.

Stuttgart - Es war wie verhext: Immer wieder fehlten in dem Stuttgarter Hotel Gemälde, die zuvor die Wände der Zimmer verschönert hatten. Zwar wiesen die Bilder, allesamt Nachdrucke, keinen riesigen materiellen Wert auf, doch so weitergehen konnte es nicht. Das Problem dabei: Die kahlen Stellen an der Wand wurden oft nicht sofort bemerkt – und nach einigen Tagen oder Wochen konnte nicht mehr festgestellt werden, welcher der Gäste sich bedient hatte.

Also griff der Hotelchef zu einem simplen Trick. Hinter jedem Bild malte er ein großes Kreuz an die Wand. Von nun an bemerkten die Zimmermädchen das Fehlen eines Gemäldes sofort. Die allzu gierigen Gäste wurden problemlos ermittelt – und bekamen einen freundlichen Brief mitsamt einer Rechnung. Dem Vernehmen nach ist die immer bezahlt worden – noch bevor die Polizei mit ins Spiel kommen musste.

Was klingt wie eine schräge Ausnahme ist in Hotels Alltag. Geklaut wird überall. Meist kommen die Diebe nicht von außerhalb, sondern sind Gäste des Hauses. Was da alles so verschwindet, ist durchaus erstaunlich. Natürlich massenhaft Handtücher oder Bademäntel. Aber auch gar nicht selten Fernseher, Telefone oder in schickeren Häusern sogar Tablet PCs. Aus Frankreich wird berichtet, dass ein Gast versucht hat, einen ausgestopften Wildschweinkopf als Jagdtrophäe mitgehen zu lassen. Und immer wieder gerne erzählt wird die Anekdote, wie in einem italienischen Hotel drei Männer im Blaumann vorfuhren und das Klavier mitnahmen.

Geklaut wird überall

„Diese Geschichte ist nicht verbürgt“, sagt Daniel Ohl und lacht. Doch der Landessprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) weiß: „Gestohlen wird alles.“ Manchmal geht es dabei um den Wert der Gegenstände, etwa wenn Fernseher verschwinden. Oder Badezimmerarmaturen, die abgeschraubt und durch billige ersetzt werden. Wird das nicht gleich bemerkt, ist es wie bei den Gemälden: Die Tat lässt sich keinem Gast mehr zuordnen.

Häufig geht es den Langfingern aber um etwas anderes. „Alles, was sich als hübsches Erinnerungsstück anbietet, hat die Tendenz, zu verschwinden“, sagt Ohl. Das gelte besonders für Inventar, das den Hotelnamen trägt. Viele Häuser reagieren inzwischen darauf. „In einigen Hotels gibt es den Versuch, die Zahl der Delikte dadurch zu verringern, dass man die Artikel zum Kauf anbietet“, so Ohl. Habe ein Gast etwa auf einem Kissen besonders gut geschlafen, könne er es dann erwerben. Und was den Hotelnamen betrifft – der taucht inzwischen häufig gar nicht mehr auf. „Wir machen das nicht mehr. Dadurch verzeichnen wir eine Abnahme der Diebstähle. Für manche ist das einfach ein Sport, möglichst viele Dinge aus verschiedenen Häusern zu sammeln“, sagt der Direktor eines großen Stuttgarter Hotels.

Doch damit lassen es diverse Häuser nicht bewenden. „Manche reagieren mit Videoüberwachung in den Fluren. Das erhöht die Sicherheit“, sagt Ohl. Wenn etwa ein Fernseher hinausgetragen werde, sehe man das. Außerdem sichere man sich so auch gegen Eindringlinge von außen ab.

Videoüberwachung im Flur

Wie sich das in der Praxis bewährt, erzählt ein Hotelier, der Häuser in Stuttgart und der Region betreibt. „Wir haben maximale Sicherheitssysteme eingebaut“, sagt er. Dazu gehört Videoüberwachung in allen öffentlichen Bereichen, aber auch die Tatsache, dass alle Zugänge nur noch mit Codekarten zu öffnen sind. „Das garantiert maximale Sicherheit für Gäste und Personal. Wir müssen uns vor Dritten, aber auch vor manchen Gästen schützen“, sagt er. Bei denen komme das Konzept gut an, zumal man offensiv darauf hinweise – auch zur Abschreckung.

Auf die Bilder zurückgreifen müssen die Betriebe zwei- bis dreimal pro Jahr. Dann aber lohnt es sich. Im einen Haus ist so schon während der Bauphase eine Tat aufgeklärt worden, als einer der Handwerker das Werkzeug eines anderen beiseite schaffen wollte. Durchaus nicht unüblich. „Ich kenne Hotels, da haben am Eröffnungstag zwei Paletten Fernseher gefehlt“, so der Betreiber. Auch Vandalismus könne man so aufklären. Und nicht zuletzt gebe es in jüngster Zeit manche Gäste, die das Hotelpersonal des Diebstahls bezichtigen. „Wenn aber auf den Bildern zu sehen ist, dass der angeblich verschwundene Laptop gar nicht mit ins Zimmer genommen wurde, versetzt uns das in eine bessere Position.“ Man schule auch das Personal, etwa mit einem Testdieb des Verbandes, der versuche, sich Zugang zu Zimmern zu verschaffen. Viele Häuser befassten sich intensiv mit dem Thema: „Aus Schaden wird man klug.“

Das drückt sich offenbar auch in Zahlen aus. Bei der Stuttgarter Polizei werden Diebstähle in und aus Hotels und Gaststätten separat erfasst. Die Zahl hat sich zwischen 2015 und 2018 fast halbiert – von 1304 auf 734 Fälle. Und viele landen gar nicht erst dort. Zum Beispiel, wenn ein simples Kreuz an der Wand zur Überführung reicht.

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