Eine andere Welt: Impression von einem Familienausflug in den Kunstpalast Düsseldorf. Foto: dpa/Johannes Neudecker

Museen sollen Lernorte der Gesellschaft sein. Doch bei der Präsentation vieler Ausstellungen geht es weiterhin vor allem um kunsthistorische Korrektheit und die wissenschaftliche Reputation der Häuser. So kann das nichts werden, meint unsere Kunstkritikerin Adrienne Braun.

Stuttgart - Eigentlich sollte man regelmäßige Museumsgänger mit einem Diplom belohnen. Wer offenen Auges die Sammlungen der Kunsthäuser abmarschiert, der weiß, wann die Renaissance war oder was den Impressionismus ausmacht. In der aktuellen Ausstellung zu Hans Baldung Grien in Karlsruhe werden die Besucher aufgefordert, auf den Grafiken die „haken- und schlaufenförmigen Schraffuren“ zu vergleichen. Dafür hätten sie einen Seminarschein verdient, denn im Grunde ist das eine klassische Aufgabe für Studierende der Kunstgeschichte.

 

Es ist Konsens, dass Museen bilden sollen. Die Ausstellungshäuser im Land seien „außerschulische Lernorte“, heißt es auf der Homepage des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg. Bloß: Was genau ist es, was die Besucher im Kunstmuseum lernen sollen?

Kunsthistorische Fachtermini werden selbstverständlich benutzt

Schaut man sich in den beiden großen Ausstellungshäuser im Land um, in der Staatsgalerie Stuttgart und eben der Kunsthalle Karlsruhe, drängt sich eine Antwort auf: Sie sollen Kunstgeschichte lernen, sich mit Epochen, Stilen, Techniken befassen, nach denen die Wissenschaftler die Kunst kategorisieren. Am deutlichsten wird das am Vokabular, das bei den Saaltexten und Audioguides verwendet wird. Im Katalog zur aktuellen Tiepolo-Ausstellung in Stuttgart, der dem Publikum neben Postkarten, Stiften und Accessoires angeboten wird, stößt man auf Fachtermini wie „Concetti“ und „Gloria dei Principi“, „Ricordo“ und „Sapienza“. Die Autoren gehen offensichtlich davon aus, dass es sich beim Publikum um Hobby-Kunsthistoriker handelt, die das verstehen – oder eben nachschlagen.

Aber erleichtert der Hinweis auf die „subversive Kraft des Capriccios“ den Zugang zu Tiepolo? Wird das Potenzial der Kunst ausgeschöpft und ist das Geld in Museen gut investiert, wenn die Besucher zu Claude Monet die richtigen Stichworte liefern können? Also Impressionismus, Frankreich, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, atmosphärische Lichtmalerei?

Kunst kann der Gesellschaft nutzen

Es gibt längst Museen, die wissen, dass die Kunst viel mehr leisten kann, als nur Anschauungsmaterial für kunsthistorische Kategorien zu sein. Gerade in den angelsächsischen Ländern setzt man auf „Art education“, um die Gesellschaft positiv zu verändern. Denn wenn die Kunst etwas lehren kann, dann den Perspektivwechsel. Schließlich ist dem Kunstwerk die Denkweise des Künstlers (oder Auftraggebers) verdichtet eingeschrieben. Sich mit Kunst zu beschäftigen, bedeutet also, sich in fremde Köpfe zu versetzen, zu fragen, was die Künstler antrieb, wie ihre Zeit tickte, welche Werte die Menschen hatten, in welchem Verhältnis sie zur Welt standen. Das Deckenfresko, das Tiepolo für die Würzburger Residenz malte und das derzeit in der Stuttgarter Staatsgalerie in einer Reproduktion zu sehen ist, erzählt zahllose Geschichten – von Eitelkeit, Glaube, Macht, von Europa und den Kolonien, von Handel und Konsum. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar.

Die Kunst kann den eigenen Horizont also erweitern, sie zeigt, dass es zahllose Perspektiven gibt und der eigene Standpunkt immer nur einer von vielen ist. Je tiefer man mit geschärftem Blick in ein Bild eintaucht, desto mehr wird man mit sich selbst und der eigenen Begrenztheit konfrontiert – und wird sich mitunter schmerzlich bewusst, wie voreilig und unbedacht man oft seine eigenen Gedanken verfasst. Die Kunst lehrt, genauer hinzuschauen und sich selbst stärker zu hinterfragen, statt undifferenzierte Thesen und Vorurteile herauszukrähen.

Es geht nicht um Kunst, sondern um Wissenschaft

Diese Chancen bleiben allerdings ungenutzt, solange sich die Museen als Seminarräume mit originalem Anschauungsmaterial begreifen und nur eine Perspektive zulassen, nämlich ihre. Nicht die Kunst, sondern die Wissenschaft gilt als Maß aller Dinge, weshalb alle relevanten Posten in den Museen auch selbstverständlich mit Kunsthistorikern besetzt sind. Sonderausstellungen basieren in der Regel auf deren Forschungsgebieten, die sie öffentlich machen wollen. Die Schau „Marcel Duchamp. 100 Fragen. 100 Antworten“, welche die Staatsgalerie Stuttgart Anfang des Jahres zeigte, war das Ergebnis der Aufbereitung eigener Bestände und einzelner Restaurierungsprojekte.

„Wir haben bedeutende Wissenschaftler in den Museen, aber als Museumsfachleute sind sie Amateure“, hat schon vor Jahrzehnten ein amerikanischer Museumsexperte gesagt. Museen wie das Frankfurter Städel versuchen, aus der wissenschaftlichen Routine auszubrechen und Strategien zu ersinnen, die den Zugang zu den Werken selbst ebnen. Denn letztlich geht es nicht darum, das Publikum zu belehren, sondern ihm die Augen zu öffnen, damit es selbst die fulminante Welt der Kunst entdecken kann. Eine kluge Hängung kann Werke zum Sprechen bringen, durch interessante Konfrontationen lassen sich Bezüge erstellen, durch die Beleuchtung lässt sich auf besondere Details eines Kunstwerks hinweisen. Manchmal genügen sogar schon profane Dinge wie Sitzgelegenheiten oder eine Liegelandschaft, damit man die Deckenmalerei vernünftig betrachten kann.

Das Publikum weiß es zu schätzen, wenn man es ernst nimmt

Dass das Publikum solche Angebote und eine Begegnung auf Augenhöhe zu schätzen weiß, zeigt die aktuelle Ausstellung „Making van Gogh“ im Frankfurter Städel, die nach wenigen Wochen bereits 200 000 Besucherinnen und Besucher hatte. Hier merkt man, wie anregend, bereichernd und beglückend ein Museumsbesuch sein kann. Sobald man eintaucht in ein Werk, stellen sich übrigens ganz selbstverständlich auch Fragen, die nur die Kunsthistoriker beantworten können. Ihr Wissen ist sehr wohl relevant, aber als Hilfestellung bei der Kunstbetrachtung, nicht als Selbstzweck.

Ein wirklicher Lernort wird das Museum nur dann werden, wenn das Publikum als mitdenkendes Gegenüber ernst genommen wird – und nicht nicht nur angelernte Daten und wissenschaftliche Termini nachplappern soll. Statt reinem Faktenwissen also Auseinandersetzung und Reibung, Dialog und Hinterfragen. Dabei wird übrigens auch wie nebenbei eine Fertigkeit trainiert, die in unserer reizüberfluteten Zeit zunehmend verloren geht: Konzentration und die Fähigkeit, sich einzulassen und richtig hinzuschauen.