Der neue Dirigent des Pariser Starensembles: Thomas Tuchel Foto: AP

Neymar will offenbar wegen Trainer Thomas Tuchel bei Paris St. Germain bleiben, Gian-Luigi Buffon möchte wohl nach Paris kommen. Geprägt wurde der neue Pariser Coach in Stuttgart – und in der legendären Radio-Bar. Ein Blick auf seine Wurzeln.

Stuttgart - Thomas Tuchel und Paris St. Germain – es ist das wohl spannendste Projekt im Weltfußball. Der eigenwillige Schwabe aus Krumbach und eine Ansammlung von Weltstars versehen mit dem klaren Auftrag: Sieg in der Champions League. Viele fragen sich, ob das gut geht. Bei seiner Vorstellung hat Tuchel zumindest einen guten Eindruck hinterlassen, und auch Superstar Neymar scheint vom neuen Coach angetan zu sein.

Paris ist der vorläufige Höhepunkt in der Karriere von Thomas Tuchel, dessen Wurzeln in Stuttgart liegen – „gefühlt meine Heimatstadt“, wie er sagt. Wir blicken zurück auf die Anfänge seiner Karriere zwischen Degerloch, Cannstatt, Ulm und der Radio-Bar:

Als Spieler wurde Thomas Tuchel in Ulm gepägt, drei Jahre lang, von 1994 bis 1998, war Tuchel Stammverteidiger beim SSV Ulm 1846 und kam auf 69 Spiele (drei Tore). Sein Trainer dort: Ralf Rangnick. „Er hat mir das ballorientierte Spiel beigebracht“, sagt Tuchel, „das war prägend.“

Bardienst in der Radio-Bar am Abend, als Ulm aufsteigt

1998 musste er seine aktive Laufbahn mit 24 Jahren und der Erfahrung von acht Zweitligaspielen für die Stuttgarter Kickers (1992-1994) wegen eines Knoprpelschadens beenden. Ein Englisch- und Sportstudium brach er ebenso ab wie eine Ausbildung zum Physiotherapeuten. Stattdessen nahm er ein BWL-Studium auf (mit Abschluss), kellnerte im Szeneclub Radio-Bar am Rotebühlplatz und erwarb seine Trainerscheine - die B-Lizenz mit Note 1,1, die A-Lizenz und den Fußballlehrer mit 1,4.

Über seine Zeit als Kellner in der legendären Radio-Bar sagte er mal: „Dort habe ich mein Studium mitfinanziert. Dort hat nicht gezählt, ob ich schon mal Fußballer in der Zweiten Liga war. Aber als Ulm in die erste Liga aufstieg (1999, Anm. d. Red.) und ich an diesem Abend Bardienst hatte, habe ich aufgehört zu arbeiten. An diesem Abend war ich sauer auf das Schicksal, weil mein Lebenstraum Profi an mir vorbeigegangen ist.“

Im Jahr 2000 holte ihn Rangnick, inzwischen Cheftrainer des VfB, als C-Jugend-Trainer nach Stuttgart. Damit trat Tuchel in die VfB-Schule ein, die Anfang der 1990er Jahre entstanden war und als Stuttgarter Denkfabrik bis heute stilprägend ist. Sie steht für eine aggressive, ballorientierte Raumdeckung und laufintensiven und begeisternden Offensivfußball - beides hatte Rangnick mit dem Taktikguru Helmut Groß nach dem Vorbild von Dynamo Kiew und dem AC Mailand beim VfB etabliert.

Tuchel schwärmt von Hermann Badstuber

In ihrem Dunstkreis wurden Bundestrainer Joachim Löw, Rainer Adrion, Robin Dutt, Peter Zeidler, Wolfgang Geiger und Hansi Kleitsch zu Mit- und Vordenkern. Mit Kleitsch hatte Tuchel 2005 als Co-Trainer der VfB-A-Junioren die deutsche Meisterschaft gewonnen. Jürgen Klopp, der am Samstag mit dem FC Liverpool im Champions League-Finale steht und in Stuttgart geboren ist, ließ sich ebenfalls inspirieren. Sie ticken gleich, und sie lehren ähnlich.

Am meisten aber profitierte der Schwabe aus Krumbach, der Stuttgart als „meine gefühlte Heimatstadt“ bezeichnet, vom verstorbenen Ulmer und VfB-Jugendtrainer Hermann Badstuber, dem Vater von Holger Badstuber: „Ich kenne kaum einen Trainer, der so viel Fachwissen in sich vereint, gleichzeitig aber so viel Querdenken zulässt, sich ständig hinterfragt, fleißig arbeitet und bescheiden geblieben ist. Er hat den größten Anteil, dass aus meiner Euphorie für den Trainerjob Akribie wurde.“

In seiner Zeit in Mainz vor einem Spiel beim damals abstiegsbedrohten VfB wurde ihm mal diese Frage gestellt: Die Radio-Bar, in der Sie einst gejobbt haben, ist schon lange weg - und nun droht auch noch der VfB in der zweiten Liga zu verschwinden. Was wäre der größere Verlust? „Das Aus der Radio-Bar war grundsätzlich schon mal schlimm“, sagte er lachend: „Aber auch die Bundesliga ohne den VfB ist für mich unvorstellbar.“

Nun also Paris. „Paris ist die Stadt der Liebe, die Stadt des Lichts. Eine romantische, abenteuerlustige Stadt – und so sollten wir auch spielen. Unsere Spiele müssen ein Abenteuer sein. Angreifen, angreifen, angreifen. Mein größter Wunsch ist, dass die Fans sich in unsere Mannschaft, unsere Spieler verlieben.“

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