An der Staatsoper Stuttgart haben am Sonntag erstmals drei Regieteams die drei Akte von Richard Wagners „Walküre“ inszeniert. Das Experiment scheitert, aber Sängerinnen, Sängern und Orchester gelingt immerhin eine spannende musikalische Erzählung.
Den „Ring des Nibelungen“ inszenieren heißt: die Welt erklären. Was sind, was wollen die Götter; wie leben und lieben, woran leiden die Menschen? Spannende Erzählungen zu Wagners Vierteiler sind auf den Opernbühnen schon entstanden, packende Bilder zu ihm erfunden worden. Letzteres ist auch jetzt an der Staatsoper Stuttgart der Fall – auf besondere Weise, denn die Inszenierung der drei Akte verantworten drei Regieteams mit drei sehr unterschiedlichen Ideen und Ästhetiken. Wer sich gerne von bunten Bildern auf der Bühne unterhalten lässt, den wird diese neue „Walküre“ glücklich machen, und tatsächlich wirkt der lange Jubel des Premierenpublikums am Sonntagabend ziemlich glücklich. Man ist augensatt.
Außerdem haben die Ohren viel erlebt. Das Staatsorchester ist in Spitzenform. Cornelius Meister legt seine Tempi zwar manchmal ein bisschen sehr breit an, kümmert sich am Pult aber um viele feine Farben und instrumentale Details, langt (etwa beim Walkürenritt) auch mal auf wirkungsvolle Weise kräftig zu, erweist sich vor allem aber als Meister der Zurücknahme: Viele leise Töne kommen aus dem Graben, die Sänger müssen nicht schreien, sondern dürfen sich getragen fühlen.
Exzellente Sängerinnen und Sänger: Simone Schneider, Michael König, Okka von der Damerau
Das Ergebnis kann sich hören lassen. Simone Schneider gestaltet mit ihrem gesunden, lebendigen, klar fokussierten Sopran die Partie der Sieglinde mit präziser Tonformung, Textaussprache und Textdeutung. Neben ihr gibt Michael König einen zwar weniger differenzierten und körperlich eher statischen, aber stabilen Siegmund mit Schmelz und guter Höhe. Sieht man von den mühsam gestemmten Spitzentönen ihres „Hojotoho-ho!“-Auftritts ab, gibt Okka von der Damerau eine exzellente Brünnhilde, die Rebellion wie Resignation der liebenden Göttertochter eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. Großartig ist auch die dunkel getönte, klar profilierte Fricka von Annika Schlicht. Ein präzises Rollenporträt gibt Goran Juric als Hunding. Brian Mulligans Bass ist am Ende müde, aber er singt den Wotan gut – allerdings mit Defiziten in der Aussprache und mit gelegentlichen Erinnerungslücken.
Dass das schön verschmelzende, farbsatte Frauenstimmen-Klangbad der acht Walküren im dritten Akt stattfindet, passt gut, denn den hat Ulla von Brandenburg mit bunten Wellen ausgestattet. Ihre Inszenierung erinnert an die reduzierte Bewegungsregie und Gestik Robert Wilsons, und am Ende sieht man Brünnhilde als Frau im Mond (oder schlicht in einem Ring aus Neonröhren?). Gesungen wird zuvor vornehmlich berührungslos nebeneinander – was immerhin der finalen Umarmung von Wotan und Brünnhilde starke Wirkung verleiht.
Singen an der Rampe als verbindendes Element
Paradox: Tatsächlich ist es vor allem das Singen an der Rampe, was die drei Akte und drei Regie-Handschriften in dieser „Walküre“ eint. Und ebenfalls paradox: Am beweglichsten führt ausgerechnet Urs Schönebaum die Sänger – obwohl er nicht von der Regie, sondern vom Raum her denkt. Der zweite Akt, den der Lichtdesigner mit vielen poetischen Lichtwirkungen gestaltet, wagt auch ein paar Inszenierungsvolten: Kinder-Doubles von Siegmund und Sieglinde verweisen auf familiäre Wurzeln, es gibt viele gesichtslose Helden, und so grausam wie hier ist Siegmund vielleicht noch nie gestorben. Wotans nicht enden wollende Serie von Messerstichen erträgt man kaum, aber die Idee ist stimmig – schließlich gehört es mit zum Grausamsten des Stücks, dass ein Vater sein eigenes Kind ermordet.
Die Künstler des Ensembles Hotel Modern bekommen für ihre Ideen zum ersten Akt als einzige Buhrufe vom Publikum ab. Bei ihnen treten die Sängerinnen und Sänger mit Rattenköpfen auf (die sie zum Singen dann absetzen müssen), und das Livevideo, das während des ganzen Aktes im Hintergrund zu sehen ist, zeigt am Ende ebenfalls Ratten – sie liegen tot im eigenen Blut. Die Musik gerät ein wenig ins Hintertreffen. Aber die Filmsequenzen werden raffiniert hergestellt: Die Kamera fährt vorbei an liebevoll mit vielen Details ausgestatteten Miniaturlandschaften aus Pappmaché. Sie zeigen zerstörte Häuser, zerbombte Straßen (bedrückend aktuell!), Landschaften voller toter Bäume. Die Ratten sind das, was noch übrig ist vom Leben. Einmal fährt die Kamera ganz nahe an zwei von ihnen heran, die sich beschnuppern. Daneben singen Siegmund und Sieglinde.
Ironische Brechungen gibt es also auch. Und die postapokalyptischen Szenen hätten der Anfang einer dynamischen Geschichte sein können. Stattdessen erlebt man drei Versuche, einen Anfang zu erzählen. Ein Ende gibt es nicht. Aus drei Schnappschüssen wird kein Film. Wo der rote Faden fehlt, bleiben Charaktere Skizzen, Entwicklungen finden nicht statt. Die Welt wird nicht erklärt, aber munter abgelichtet. Zu unserer Zeit passt das dann irgendwie schon.
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Die Walküre
Weitere Vorstellungen sind am 18., 23. und 29. April sowie am 2. Mai. Es gibt noch Restkarten unter 07 11 / 20 20 90 und unter www.staatsoper-stuttgart.de.
Siegfried
Das dritte Stück des „Rings des Nibelungen“ kann man in der nächsten Saison erleben. Es ist keine Premiere, sondern eine Wiederaufnahme der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus dem Jahr 1999.