Aus unserem Plus-Archiv: Wie bringt man Stimmung in eine Fankurve? Die zwei Vorsänger von der Ultragruppierung „Commando Cannstatt“ geben Einblick.
Stuttgart - Ultras polarisieren. Die einen feiern sie als Stimmungskanonen in der Kurve, die anderen sehen in ihnen gewaltbereite Krakeeler. Auf der einen Seite sammeln sie Geld für gute Zwecke, auf der anderen Seite kosten sie ihren Verein jedes Jahr Tausende von Euros aufgrund von Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik.
Einerseits glänzen beispielsweise die Ultras des VfB Stuttgart regelmäßig mit beeindruckenden Choreografien in der Cannstatter Kurve, andererseits ist die Gruppierung „Südbande“ bei den Spielen gegen den 1. FC Heidenheim und den 1. FC St. Pauli mit geschmacklosen Plakaten auffällig geworden, was der Club mit deutlichen Worten verurteilte.
Seit die Kultur der Ultras in den Neunzigern in Deutschland aufkam, ist diese spezielle Gruppe von Fußballanhängern Gesprächsthema. Diese Hardcore-Fans setzen sich gegen Kommerz und Turbo-Kapitalismus ein sowie für Pyrotechnik und fangerechte Anstoßzeiten. Sie sind dabei laut und mischen sich kritisch ein, auch in die Vereinspolitik. Mit ihrem Tun fallen sie in jedem Fall auf, positiv wie negativ.
So sind die Ultra-Blöcke aufgebaut
Auch in Stuttgart geben die Ultras in der Kurve den Ton an und den Rhythmus vor. Ihr Einzugsgebiet reicht vom Bodensee bis nach Heilbronn. Die großen Ultra-Gruppen „Commando Cannstatt“, „Schwabensturm 02“ und „Schwabenkompanie“ mit ihrem Stimmungsumfeld, deren Mitglieder nicht zwangsläufig auch Mitglieder in den Gruppen sind und zu dem auch andere, nicht ganz so großen Gruppen wie „Crew 36“ oder „Südbande“ gehören, zählen etwa 500 Fans.
Nicht viel, angesichts von rund 15.000 Fans, die in der Heimkurve der Weiß-Roten sitzen oder stehen, möchte man meinen. Dennoch geht ohne sie nur wenig. Besonders ohne Hannes Janietz (38) und Benno Nagel (30) vom „Commando Cannstatt“. Die beiden sind die Vorsänger. Über die Jahre sind sie von einfachen Gruppenmitgliedern zu führenden Köpfen geworden. Sie sind seit mehr als zehn Jahren dabei, verpassten seither quasi kein Spiel des Clubs und sind alleine schon aufgrund ihrer exponierten Position auf dem Podest hinter dem Tor in der VfB-Fangemeinde bekannt.
Janietz und Nagel initiieren die Schlachtrufe und Lieder, in der Regel wechseln sie sich in der Halbzeit ab. Sie koordinieren mit ihren Mitstreitern, einem guten Dutzend Trommlern und zehn weiteren Anstimmern, den Support in der Cannstatter Kurve. Auch ein Teil der Stadionanlage wird mitbenutzt.
Guter Support ist auch Übungssache
Dass das alles funktioniert, die Heimfans im Idealfall richtig angefacht werden und zu möglichst großen Teilen einstimmen, bedarf einer gewissen Übung und Vorbereitung. „Trommelschläge, Rhythmen, Lieder – all das wird schon untereinander besprochen und auch geübt. Es ist nicht so, dass sich einer aufs Podest stellt und dann los singt, der Rest stimmt ein und es passt alles“, sagt Janietz. So kommunizieren die Trommler untereinander beispielsweise über Augenkontakt – weil es aufgrund der Geräuschkulisse gar nicht möglich ist, den Takt der anderen alleine durch das Gehör exakt zu treffen.
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Geprägt ist der Stuttgarter Support von italienischen Vorbildern mit ihren melodischen Liedern. Dennoch seien auch Schlachtrufe wichtig. „Wir finden unseren Mix ausgewogen“, sagt Nagel. Die Cannstatter Kurve steht dabei für einen eigenen Stil: „Wir kopieren keine Hits von anderen Kurven.“ Andersherum ist dies schon passiert. So wurde das von VfB-Fans aus Argentinien mitgebrachte „Olé olé olá“ vielfach kopiert und entwickelte sich zu einem Dauerbrenner in den deutschen Kurven.
Klare Kante zeigt man bei offen diskriminierenden oder rassistischen Schlachtrufen und Gesängen. So ist beispielsweise das früher übliche „Zick-Zack-Zigeunerpack“ völlig aus dem Repertoire verschwunden, gilt wie einige weitere sexistische, homophobe oder rassistische Schlachtrufe oder Gesänge als verpönt. Sexistische Spruchbänder und Aktionen, wie sie zuletzt seitens der „Südbande“ bei den Spielen gegen Heidenheim und auf St. Pauli vorkamen, gehörten in den letzten Jahren nicht zur Tagesordnung und dürften rund um die Cannstatter Kurve für Gesprächsstoff gesorgt haben.
Eventcharakter nimmt zu
Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist es nicht mehr ganz so einfach, richtig gute Stimmung ins ganze Stadion zu bekommen. „Der Eventcharakter im Fußball hat sehr zugenommen – und das hat einen Einfluss auf das Publikum“, betont Janietz, der zudem eine Problematik beim klassischen Kurvenpublikum darin sieht, „dass sich eine gewisse Teilnahmslosigkeit dem Club gegenüber eingestellt hat. Nach all den Jahren des Niedergangs ist die Luft einfach raus.“
Dem treten die beiden Vorsänger entschlossen entgegen. „Wir versuchen, den Leuten seit Jahren klarzumachen, dass es um mehr geht. Dass um uns geht, die wir immer da sind und eine gute Kurve sein wollen“, betont Nagel. Janietz präzisiert: „Wir wollen das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Kurve steigern. Auf vielen verschiedenen Ebenen. Durch viele Gespräche, auch einmal durch emotionale Ansagen oder einen lockeren Spruch. Oder man packt sie an der Ehre. Wenn sie sich schon vom VfB distanzieren, sollen sie sich aber nicht von der Kurve distanzieren.“ Dennoch ist es nicht immer möglich, das Stadion zum Brodeln zu bringen. „Es gibt keine Ultras-Bibel, der wir irgendwie folgen. Und auch keinen Königsweg, auch wenn wir den gern kennen würden. Es gelingt halt mal besser, mal weniger gut“, bilanziert Nagel.
Beide betonen, dass die Ultra-Blöcke ohne das Engagement aller nicht in der Lage seien, alleine für Stimmung zu sorgen. „Man wirft uns ja immer vor, dass wir uns für besondere Fans halten. Ja, wir sind uns unserer Rolle bewusst und wir beanspruchen selber für uns, der Motor der Kurve zu sein“, sagt Janietz. Dies bedeute jedoch nicht, dass „nur wir für eine gute Stimmung verantwortlich sind. Da müssen schon andere mitmachen. Eine gute Kurve ist immer auch eine gute Mischung. Vom Ultra über den Papa mit seinem Kleinen und mit dem Opa, der schon vor zig Jahren das erste Mal ins Stadion ging.“
Was die beiden Vorsänger zu dem Vorwurf sagen, der Support wäre zu monoton und nicht spielbezogen genug, lesen Sie in der Bildergalerie. Viel Vergnügen bei der Lektüre!