Filigranes Handwerk ist bei einer mechanischen Uhr gefragt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Heute spricht nichts mehr für eine Uhr. Man kann die Zeit fast überall ablesen. Und doch ist die Uhr vor allem für Männer unverzichtbar. Mehr noch. Manchmal wird sie gar zum Fetisch.

Stuttgart - Frauen haben einen Tick. Männer einen Tack. Frauen ticken bei Handtaschen oder Schuhen etwas anders. Männer lassen sich beim Tick-Tack besonderer Uhren den Kopf verdrehen. Bei manchen bekommt auch das Herz einen anderen Schlagrhythmus, wenn sie gebannt in die Auslage der Stuttgarter Edeljuweliere auf der Königstraße schauen. Manche nennen es eine Rhythmusstörung, Liebhaber von edlen Uhren einfach Unruh. Warum das so ist? Warum vor allem Männer für Uhren eine unstillbare Leidenschaft entwickeln? Ist es ein Zeitphänomen?

„Ja“, meint Martina Richter vom „Uhrenmagazin“, das in Ostfildern gedruckt wird: „Es liegt an unserer Zeit. Die Uhr ist heute ein Gegenpol zu unserer hektischen Zeit.“ Früher sei eine Uhr die reine Notwendigkeit gewesen, die pure Funktionalität. Wer aus der Zeit fiel, zu spät kam, den bestrafte das Leben – oder der Chef. „Das hat sich heute total gewandelt. Man kann die Uhrzeit fast überall oder vom Smartphone ablesen“, sagt Martina Richter, „eigentlich brauchen wir keine Uhr mehr.“

Die Uhr als Ausdruck von Lifestyle

Wenn Alexander von Hofen das hört, könnte er austicken. Dem Stuttgarter Uhrenexperten reicht oft nicht einmal ein Exemplar. Meistens trägt er, „wenn ich mich nicht für eine entscheiden kann“, an jedem Handgelenk ein edles Prachtexemplar. Von Hofen ist womöglich von Berufs wegen kein Maßstab. Auf der Visitenkarte des Mannes steht Chronometrie. Er ist Profi. Aber eines verbindet ihn mit vielen anderen Männern in der Stadt, für die eine Uhr viel mehr als ein Zeitmessinstrument ist.

Eine Uhr ist für von Hofen „Schmuck und Ausdruck von Lebensweise“: „Eine Uhr macht einen Typ aus“, sagt er, blickt einem tief in die Augen und fragt: „Wissen Sie, was die drei einzigen Dinge sind, mit denen sich ein Mann schmücken kann?“ Von Hofen nimmt die Denkpause zum Anlass, die Antwort selbst zu geben: „Ein Ring, Manschettenknöpfe und eine hübsche Frau.“

Die kleine Pointe sei keinesfalls abwertend gemeint, im Gegenteil. Ihn erfülle beides „mit Leben“, sagt Alexander von Hofen, Schmuckstücke und Frauen. Uhren sind schlicht sein Statement. „So ist es bei vielen Männern“, weiß auch Martina Richter. Oft wollten Männer mit ihrer Uhr etwas zum Ausdruck bringen: „Zum Beispiel: Ich trage eine Breitling, weil ich ein richtiger Kerl bin. Oder: Ich habe Ahnung vom Fliegen, daher trage ich eine Panerai.“ Und selbst wenn es klischeehaft klingt: „Aber Männer sind Jäger und Sammler. Viele sammeln Uhren, nicht zuletzt als Wertanlage“, sagt die Vizechefredakteurin des „Uhrenmagazins“.

Männer und Uhren – eine facettenreiche Beziehung.

„Die Uhr wird damit für viele zum Image- und Persönlichkeitstransfer“, sagt Richter. Robust, wuchtig und kantig, am besten mit Funktionen, die einem in der Wildnis das Überleben sichern, Taucher- oder sonst einer Sportmontur, am besten mit Zusatzfunktionen oder Messmöglichkeiten, die dem Träger helfen, unter Extrembedingungen zu überleben, Modelle für echte Jungs. So wird aus der Uhr ein Symbol von grenzenloser Manneskraft. Ketzer meinen: Was dem einen Mann die PS unter der Haube wert sind, sind dem anderen die Testo-Wecker am Handgelenk.

Ein Unruh macht 28 800 Bewegungen pro Tag

Im Grunde aber ist die Uhr Mode im Wortsinn (lateinisch modus: Maß, Art, Gemessenes, Erfasstes). Eine hochwertige Uhr ist somit eine Möglichkeit, Momentaufnahmen im schnellen Wandel der Zeit festzuhalten. Die Ästhetik feiner, mechanischer Uhren verleiht diesem Momentum eine besondere Kraft. Ja, manchen Männern auch Lustgewinn. „Wenn ich auf die filigrane Arbeit meiner skelettierten Uhr schaue, die 28 800 Bewegungen der goldenen Unruh sehe, steht für mich die Zeit still. Das gibt mir Ruhe“, sagt ein Uhrenliebhaber, der sich an den Scheiben der Juweliere auf der Königstraße die Nase platt drückt. Ihn hat vermutlich jene Begierde erfasst, die führende Manufakturen derzeit stillen: „Es gibt einen ganz klaren Trend zum Retrostil“, sagt Expertin Martina Richter, „man drückt damit ein Bekenntnis zu einer anderen Zeit, zu einer anderen Wertigkeit aus.“

Eine Zeit, in der Handwerk noch einen anderen Stellenwert besaß. „So etwas verkörpert eine Uhr“, sagt Richter, „Handwerk, Kunstwerk – so etwas kann einen Mann anmachen.“ Und die schiere Größe findet Mann sexy: „In den vergangenen acht bis zehn Jahren gab es eine Entwicklung zu immer größeren Uhren, zu Purismus und zu Understatement.“ Je weniger der Chronograf hat, desto besser, desto wertvoller.

Aus diesem Grund liebt Alexander von Hofen die Luxusuhren von Michel Parmigiani. Der Schweizer ist mehr als ein Uhrmacher und Restaurator. Die Fachpresse schreibt über ihn: „Nicht, was sich einfach industrialisieren lässt, ist sein Ziel, sondern die technisch beste Lösung. Nicht das pekuniär Verheißungsvolle strebt er an, sondern, pathetisch formuliert, die unsterbliche Lösung.“

Vielleicht ist es das, was viele bei einer außergewöhnlichen Uhr suchen. Sie wollen der Zeit ein Schnippchen schlagen.

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