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Die Tulpe kommt nie aus der Mode. Noch bevor der letzte Schnee taut, gibt es sie wieder zu kaufen.

Stuttgart - Bunt, bieder und billig bieten Discounter jetzt die handfreundlich gepackten Tulpenbündel wieder zum Kauf an, noch bevor der letzte Schnee getaut ist. Welche Freude die farbenfrohen Zwiebelgewächse eigentlich schenken könnten, tritt dabei völlig in den Hintergrund.

Nicht aus dem Supermarkt sollten sie kommen, sondern aus dem eigenen Garten, und erst dann blühen, wenn die Frühlingssonne sie kitzelt. Aber wieder haben wir den richtigen Zeitpunkt verpasst, rechtzeitig im Herbst die Blumenzwiebeln zu verbuddeln. Aber gemach, noch hat der Frost den Garten im Griff. Zeit genug, um einen Blick in die Geschichte dieser beliebten Gartenpflanze zu werfen.

Woher kommt sie, was bedeutet sie, und warum sind wir immer fasziniert von der Tulpe trotz ihrer vermeintlichen Vulgarität, die sie im Plastikkübel neben der Scannerkasse ausstrahlt? Und wie könnte dieses Gewächs der weiteren Entwertung durch Kommerzialisierung überhaupt entgehen, wenn sie schon im 17. Jahrhundert ein Spekulationsobjekt war und heute milliardenfach verscherbelt wird?

Es begann wie im Märchen: Die Stammform der heutigen Allerweltstulpe wuchs einst im Vorderen Orient und in Nordafrika, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit und wohl nur von einigen zotteligen Hirten bewundert. Die Osmanen brachten die Wildtulpen aus Persien nach Konstantinopel, heute Istanbul. Dort versprachen um 1520 erste Züchtungsversuche Erfolg. Die neuen Blumen am Hof des Sultans trugen poetische Namen: "Jene, mir das Herz verbrennt" oder "Licht meiner Gedanken". Wer dächte da nicht an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht?

Sultan Süleyman II., "der Prächtige", stattete seinen Serail mit üppigster Tulpendekoration aus, dass im Volk nur vom "Palast der Tulpen und der Tränen" gesprochen wurde. Vermutlich auch deshalb, weil der gemeine Mann diese botanischen und andere Vergnügungen des Herrschers ihren Steuern und Abgaben finanzieren mussten, was er schlicht und einfach zum Heulen fand. Nun, das kennt man ja heute auch noch. Süleyman kleidete sich in ein Gewand mit aufgestickten Tulpen und nahm die Blume in sein Wappen auf.

1546 brach der Tulpenwahn aus

Selbstverständlich wollten die Reichen am Bosporus dem Sultan in nichts nachstehen, und so ließen sie eifrig Tulpenzwiebeln in ihre Gärten setzen. Als 1546 der französische Botaniker Pierre Belon durch die Türkei reiste, war in Istanbul ein regelrechter Tulpenwahn ausgebrochen. Astronomische Preise wurden dafür bezahlt. Das sollte sich später im Abendland wiederholen. Doch erst mal musste die Zwiebel dorthin gelangen.

Dies geschah Mitte des 16.Jahrhunderts. Der Diplomat Ogier Ghislain de Busbecq, als Gesandter der Habsburger an Süleymans Hof, war von der Tulpe so sehr eingenommen, dass er eine Ladung Zwiebeln an den Wiener Hof Kaiser FerdinandsI. schickte. Die erste Tulpenzwiebel wurde nachweislich 1593 von Charles de L'Ecluse in die Niederlande gebracht. Der französische Botaniker, unter seinem latinisierten Namen Carolus Clusius ist er berühmt geworden, hatte sie aus den kaiserlichen Gärten in Wien mitgenommen. Als Clusius eine Stelle an der Universität von Leiden antrat, um dort den Hortus Botanicus anzulegen, heute einer der ältesten botanischen Gärten der Welt, hatte er sie im Gepäck. So mancher Niederländer mag ihn ein paar Jahrzehnte später dafür verflucht haben. Doch davon später.

In den 1630er Jahren hatte sich die Tulpenmode in Westeuropa ausgebreitet, und in Holland gab es die ersten professionellen Tulpenzüchter. Immer neue Sorten entstanden, darunter auch die sogenannten Rembrandt-Tulpen, die - mit einem Virus infiziert - eine geflammte Zeichnung aufweisen. Die einst so unschuldige Schöne wurde mehr und mehr zu einem Statussymbol der Reichen und Mächtigen. Der Handel reagierte darauf mit steigenden Preisen. Eine Zwiebel der heute verlorenen Sorte Semper Augustus kostete 1.633 5500 Gulden - ein absurder Preis für ein schrumpeliges Zwiebelchen.

Bald entstanden Tulpenbörsen, an denen Menschen aller Gesellschaftsschichten Tulpenzwiebeln kauften und verkauften, in der Hoffnung auf satte Profite und schnellen Reichtum. Der Handel wurde immer abstrakter, immer riskanter. Bald wurden keine realen Zwiebeln mehr verkauft, sondern nur noch Anteilsscheine. Man bot für einzelne Tulpenzwiebeln Summen, für die man ein stattliches Haus an den Amsterdamer Grachten hätte erwerben können. Die Tulpe war das Statussymbol schlechthin geworden, sozusagen der Porsche des 17.Jahrhunderts. Weniger kapitalfeste (oder skeptische) Kaufleute, die sich keine eigenen Tulpen leisten konnten oder wollten, ließen sich Bilder mit besonders begehrten Exemplaren malen.

Und dann kam, was Historiker mit dem Schwarzen Freitag verglichen haben, dem Börsenkrach von 1929 an der Wall-Street: Im Februar 1637 brach der Tulpenzwiebelmarkt über Nacht zusammen, weil das Angebot die Nachfrage überstieg. Die Blase war geplatzt. Viele Menschen verloren ihr gesamtes Vermögen. Ironie des Schicksals: Tulpen sind heute so günstig, dass sie sich jeder leisten kann. Die Blumenbilder niederländischer Maler aus dem 17. Jahrhundert dagegen, damals preisgünstiger Ersatz für die teuren Blumen, sind heute ein Vermögen wert.

Niederländer und ihre Tulpen

Solche astronomischen Preise wie im holländischen Tulpenfieber haben die Zwiebelblumen nie wieder erlangt. Aber die Niederländer haben weiter fleißig Tulpen gezüchtet, mit großem Erfolg. Den Preis setzte jetzt der Staat fest, um Spekulationen zu verhindern. Im 18. Jahrhundert war der Ruf holländischer Tulpen bis an den Hof von Sultan Ahmed III. in Konstantinopel gelangt. Er ließ eine große Anzahl davon importieren, um sie in seinen Palastgarten zu pflanzen - ein schönes Beispiel dafür, wie sich interkultureller Austausch für beide Seiten lohnt.

Die Tulpe hat sich als Frühlingsbote in unseren Gärten etabliert, und sie hat ihren Platz in der europäischen Kulturgeschichte eingenommen, in der Literatur. Alexandre Dumas der Ältere ( 1802 bis 1870), Autor des Mantel- und Degenromans "Die drei Musketiere", schrieb 1850 den Roman "Die schwarze Tulpe", 1948 mit Gene Kelly als D'Artagnan und Lana Turner als Lady de Winter wunderbar verfilmt. Man schrieb Gedichte auf die Schöne aus Vorderasien, besang sie in Schlager ("Tulpen aus Amsterdam") und Lied, porträtierte sie in unzähligen Variationen.

Und immer wieder wandten sich Autoren der Geschichte des Tulpenfiebers zu, verfassten Krimis und Historienromane. Nicht zuletzt diente die Story vom Tulpencrash als Lehrstück für angehende Wirtschaftswissenschaftler. Bei allen Hochs und Tiefs auf der Beliebtheitsskala scheint die Tulpe, so banal sie uns heute erscheinen mag, nie aus der Mode gekommen zu sein.

Geändert haben sich inzwischen die Methoden des Tulpenanbaus. Die Kultur findet zunehmend auf eine Art statt, die keine Erde braucht. Die Hydrokultur in Trays, also die Treiberei in Behältern über Wasser, wie wir sie vom guten alten Hyazinthenglas auf der Fensterbank kennen, wird heute in den Niederlanden bei 60 Prozent aller Schnitt-Tulpen praktiziert. Der Fortschritt endet nicht im Gewächshaus. Schnelles Gärtnern und Dekorieren gehört offenbar in eine von Hektik und Effizienz bestimmte Gesellschaft. Blumenzwiebeln im Trockenverkauf wie damals irgendwann erfüllen nicht den Wunsch nach spontanem Aufhübschen der eigenen vier Wände.

Neuester Trend: Instant-Blumenzwiebeln

Und wo der echte Gartenfreak nach wie vor auf die Knie geht, um seine botanischen Kostbarkeiten zu hegen und zu pflegen, und den Winter über leicht angespannt wartet, bis im Frühjahr die ersten Tulpen aus der Erde spitzen, will der kommerzialisierte Mensch sofort ein Ergebnis haben. Möglichst saisongerecht, am besten mit den ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen, wenn alle Welt plötzlich wieder "das Gärtnern" kriegt. Deshalb hat der Handel ein Produkt entwickelt, das diesem Wunsch entgegenkommt.

Neuester Trend sind sogenannte Instant-Blumenzwiebeln. Es ist wie beim löslichen Kaffee: einfach Wasser drauf - und fertig. Selbstverständlich darf das Wasser in diesem Fall nicht kochen, sonst gibt es statt buntem Blütenzauber Zwiebelsuppe. Die vorgetriebene und getopfte Ware wird im Frühjahr fristgerecht verkauft, muss nur noch gegossen und in einem hübschen Gefäß mit ein bisschen buntem Schnickschnack drum herum nett arrangiert werden - und schon sieht es aus wie bei "Schöner Wohnen".

Nach dem Abblühen landen die Topftulpen dann in der Biotonne oder werden an gartenbesitzende Bekannte mit der Bitte um Wiederbelebung weitergereicht. Was meist scheitert, weil die mit Dünger aufgeputschten Turbo-Zwiebeln sich so verausgabt haben, dass sie sich auf Nimmerwiedersehen verabschieden. Wobei wir wieder bei der Entwertung durch Kommerzialisierung angelangt wären.

Die Schönheit der Tulpe scheint einfach ihr Schicksal zu sein. Statt unbehelligt auf anatolischen Bergwiesen und in der persischen Steppe vor sich hin zu blühen, wird sie immer wieder zum Spekulationsobjekt und Statussymbol. Ob am Hof Süleymans, im 17. Jahrhundert in Holland. An den Blumenbörsen und in den Gartencentern von heute.

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