VfB-Interimscoach Jürgen Kramny: Zurück ins Glied? Foto: dpa

Was kann jetzt noch helfen? Die VfB-Bosse geschlossen vor die Tür setzen, den Verein umbenennen, pilgern auf dem Jakobsweg, für ein Wunder beten? Oder ist es einfach nur klug, jetzt kühlen Kopf zu bewahren?

Stuttgart - Weil es kurz vor Weihnachten ist und das Licht der Hoffnung am VfB-Baum noch immer mehr flackert als leuchtet, kommt dem einen oder anderen Leidensgenossen unser Sportsfreund Bruno Labbadia wieder in den Sinn. Es war vor fünf Jahren: Der VfB holte sich mit ihm als neuem Coach in Pokal und Liga noch zwei deftige Backpfeifen gegen den FC Bayern München ab (3:6/3:5) und ging kleinlaut in die Winterpause. Mit zwölf kümmerlichen Pünktchen.

Und weil wie immer der finanzielle Notstand herrschte, reichte es nicht für Cristiano Ronaldo und Messi, aber gerade noch für Tamas Hajnal und Shinji Okazaki. Beide so groß, dass man ihnen eine Trittleiter in den Strafraum stellen wollte. Aber unbeschwert von den Lasten der bleiernen Vorrunde lieferten die beiden der Mannschaft die Impulse, die das Räderwerk des Spiels wieder ins Laufen brachten. Das funktionierte nicht ohne Rückschläge, aber es reichte immerhin zum Klassenverbleib.

So oder so ähnlich dürfte es sich die weiß-rote Schicksalsgemeinschaft zum Jahreswechsel wieder wünschen. Erneut stellt sich allerdings die Frage, wie man einem nackten Mann noch einmal in die Tasche greifen kann. Und als grüße aus Bad Cannstatt jährlich das Murmeltier, diskutiert die Entourage von 1893 schon wieder routiniert darüber, wer es denn nun sein könnte, der die Rettung verspricht.

Alexander Zorniger jedenfalls war schneller verbrannt als eine Wunderkerze am Weihnachtsbaum. Vor ihm verglühten Thomas Schneider und Armin Veh. Und der doppelte Huub Stevens wirkte nach seinen Gastspielen jedes Mal so, als sei er auf Monate ein schwerer Fall für betreutes Wohnen.

Zermürbende Wechselspiele

Die zermürbenden Wechselspiele mit dem Führungspersonal gehören im Neckarpark seit Jahren zum Programm wie der rote Brustring zum Trikot. Und weil die weiß-rote Gemeinde mit rollenden Köpfen Übung hat, fordert sie reflexartig immer mal wieder auch einen Skalp der Bosse. Neuer Präsident, neuer Sportvorstand, neue Spieler.

Zur dauerhaften Genesung hat bisher nichts davon beigetragen. Und wer in den zweifelhaften Genuss der Darbietung beim 1:1 gegen den SV Werder Bremen gekommen ist, wird in seine Überlegungen unweigerlich mit einbeziehen müssen, dass selbst José Mourinho im Verein mit Pep Guardiola nicht reichen würde, um die begrenzt talentierte Zweckgemeinschaft binnen kurzem zu einem funktionierenden Gefüge zu formen.

Das allerdings ist schon deshalb ein bisschen ungerecht, weil der minderbemittelte VfB nicht der reiche FC Chelsea ist und beim FC Bayern nur kicken darf, wer einen Ball unfallfrei stoppen und passen kann. So betrachtet ist womöglich Jürgen Kramny, aller Suchaktionen zum Trotz, doch der passende Übungsleiter. Weil der U-23-Trainer, frei von allen Ideologien und gesegnet mit gesundem Menschenverstand, seine Helden davon überzeugte, dass es sich leichter spielt, wenn die Hosen nicht ganz so voll sind. Das reichte gegen Werder Bremen immerhin für eine Halbzeit und das 1:0.

Danach roch es wieder ein wenig streng, aber ernst zunehmende Experten wähnen die Mannschaft auf dem Weg der Besserung. „Er trifft den richtigen Ton, macht einfache Dinge und hat eine gewisse Struktur reingebracht“, lobt VfB-Sportvorstand Robin Dutt. Mit anderen Worten: Kramny hat Ahnung davon, wie man eine Mannschaft auf den Platz stellt. Weshalb es vermutlich klug ist, jetzt nicht Trainernamen ans VfB-Logo zu hängen wie Christbaumkugeln an die Nordmanntanne.

Und nach allem was man hört, haben selbst hart gesottene Traditionalisten auf dem Cannstatter Wasen nicht zum Ziel, mit Felix Magath zurück in die Steinzeit zu stürzen. Der Schweizer Pierluigi Tami (Grashopper Zürich) verfügt zwar über einen Namen, der enorm nach Koryphäe klingt, hat aber außer guter Arbeit im Nachwuchsbereich nur ein Jahr erste Liga im Heidiland vorzuweisen. Bleiben also noch die üblichen Verdächtigen wie Tayfun Korkut, Jos Luhukay, Mirko Slomka und – wie immer – der unbekannte Dritte, womöglich aus dem deutschsprachigen Ausland. Auf jeden Fall stellt sich aber die Frage, was der Kandidat x oder y kann, wozu der Notnagel Kramny partout nicht in der Lage sein sollte.

Kramny bleibt bis zur Winterpause

Weshalb zweierlei anzunehmen ist: Nichts ist so beständig wie ein Provisorium. Und es würde gar nicht so sehr wundern, wenn die Fallensteller um Dutt weiter an einem dicken Brett namens Lucien Favre bohren, während das Ratespiel mit den Trainernamen für Kurzweil an den Stammtischen sorgt. Bis in die Winterpause, darauf deuten alle Zeichen, wird der schnörkellose Kramny die Reste der Zorniger-Ideologien aus den Spielerköpfen kehren. Ein paar Punkte würden seiner Bewerbung auch nicht schaden. Und sollte danach tatsächlich Favre seine Schritte auf wundersame Weise gen Stuttgart lenken, würde Kramny wohl ohne zu murren zurück ins Glied marschieren.

Nicht weniger bedeutend als die Trainerfrage ist aber die nach der Befindlichkeit der Mannschaft, die gegen Werder nach einer Stunde ganz den Eindruck machte, als hätte ihr jemand die Luft aus den Reifen gelassen. Hat Zornigers Powerplay zu viele Körner gekostet? Kein Fehler wäre es, auch einmal darüber nachzudenken, ob es nicht höchste Zeit ist, die Qualität der Mannschaft dauerhaft zu erhöhen. Was nützen neue Präsidenten, Sportvorstände oder auch Trainer, wenn jeder Transfer zum Griff in die Keksdose wird? Wenn das Kapital fehlt, um Scouting und Nachwuchsabteilung zu reformieren?

Keine Denkverbote

Der VfB Stuttgart braucht dringend die Millionen, um seine Substanz zu stärken, kann aber keine Bank überfallen. Die Ausgliederung scheitert nach Lage der Dinge am Widerstand einiger Lordsiegelbewahrer aus der Cannstatter Kurve. Bis der letzte von ihnen von der Notwendigkeit der Kapitalisierung überzeugt ist, fließt der Neckar vermutlich rückwärts. Doch es gibt andere Möglichkeiten, sich rasch zu kapitalisieren. Hilft es, einen Teil der Vermarktungs- oder Transferrechte an einen Investor zu verkaufen? Nach Informationen unserer Zeitung gibt es ernsthafte Interessenten. Und die Lage ist viel zu ernst, um sich jetzt noch Denkverbote zu leisten.

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