Der Leistungssportler unter den Rockmusikern: Campino von den Toten Hosen Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Mit Pathos, Spott und Rock’n’Roll haben Die Toten Hosen am Samstag 65 000 Besucher auf dem Cannstatter Wasen begeistert. Es war das erste Konzert der Band nach der Zwangspause, die sie nach dem Hörsturz des Sängers Campino einlegen musste. Und der schonte sich wieder einmal überhaupt nicht.

Stuttgart - Campino sprintet über die Bühne: „Wir sind aus Düsseldorf!“, ruft er. „Wir sind die Jungs von der Opel-Gang!“ Die Toten Hosen legen los, die Gitarren greifen an, der erste Song des Abends heißt wie immer eben so: „Die Opel-Gang“. Er stammt von ihrem ersten Album; Deutschlands erfolgreichste Punk-Band veröffentlichte es 1983.

Die Fans der Toten Hosen hatten bis zu diesem Augenblick allen Grund besorgt zu sein: Campino erlitt vor Wochen einen Hörsturz; große Festivals, Konzerte wurden abgesagt, wenige Tage vor dem Stuttgarter Auftritt meldete sich der Sänger gesund zurück. „Es ist unser erstes Konzert seit mehr als fünf Wochen“, ruft er am Samstagabend auf der Wasen-Bühne. „Ich freue mich, heute wieder bei euch zurück zu sein.“ Die Freude wird man ihm anmerken, in den nahezu zweieinhalb Stunden, die nun folgen: Campino fegt über die Bühne, er hüpft, er beugt sich weit hinaus ins Meer der Feiernden, durchmisst den großen Bühnenraum wieder und wieder: ein 56-jähriger, der sich nicht schont und für den jeder Auftritt Leistungsport ist.

Campino keift, spuckt und singt selige Hymnen

Campino ist also wieder fit, aber was ist mit dem Wetter? Obwohl es scheinbar rundherum überall regnet, bleibt es auf dem Wasen trocken – und die Hosen, unfreiwillig bühnenabstinent für Wochen, toben sich aus, ein echter Glücksfall für ihr Publikum. Die Bildwände um die Bühne leuchten in den Farben des Albums „Laune der Natur“, aber das Energiezentrum liegt tiefer: Campino, Andreas von Holst und Michael Breitkopf an den E-Gitarren, Andreas Meurer am E-Bass, Vom Ritchie hinterm Schlagzeug sind von der ersten Minute an ganz präsent, ständig in Bewegung.

Hier feiert eine Band, die das Publikum braucht, die ihre Fans liebt. Campino reizt seine Stimme wieder ganz aus, lässt sie röhren, kippen, krachen, kehlig, wüst; er keift und spuckt und singt selige Hymnen. Als drittes Stück des Abends schon kommt „Laune der Natur“ – und der Cannstatter Wasen fällt mit den Toten Hosen in den Refrain ein. Schlag auf Schlag dann all die Songs, die die Stimmung weiter heben – „Niemals einer Meinung“, „Alles mit nach Hause“, das „Liebeslied“ zu dem die Toten Hosen sich von Straßenschlachten in Berlin inspirieren ließen.

Für Stuttgart gibt es nur gute Worte

Über Politik will Campino eigentlich nicht bei der Party sprechen. Viel später wird er es dennoch tun, sich stark machen für den Berliner Verein „Sea-Watch“: „Ich bin entsetzt darüber, dass Leute kriminalisiert werden, die nichts anderes versuchen, als Menschen im Mittelmeer zu retten“, sagt er. Und die Toten Hosen spielen dazu ihren Song „Europa“, erschienen schon vor sechs Jahren auf „Ballast der Republik“.

„Bonnie and Clyde“ widmet Campino seiner Schwester Judith Frege, die lange für das Stuttgarter Ballett tanzte; für Stuttgart, „diese Stadt, in der man die Kultur zu würdigen weiß“, hat er überhaupt nur gute Worte übrig. Ganz frei von Ironie lobt er Kollegen wie Helene Fischer, Lenny Kravitz und die Fantastischen Vier, die am selben Wochenende andere Hallen und Plätze Stuttgarts füllen. Einem Fan, der jüngst tragisch verstarb, widmet er einen Song, und in den ersten Reihen vor der Bühne erblickt er zwei, die ihm lebendiger erscheinen als alle. Lisa und Christian sind aus Biberach gekommen, um die Toten Hosen zu sehen – „Schaut euch an, wie diese beiden sich anlächeln!“, sagt Campino und singt für sie „Alles aus Liebe“.

Wechselbad aus Pathos, Spott und Rock’n’Roll

Bei „Steh auf“ dann liegt der Sänger auf dem Rücken, die Kamera zeigt ihn in grobkörnigem Schwarzweiß, zeigt die Menge, die vor der Bühne tanzt. „Disco“ heißt ein Stück von 2008 – im Video tragen die Toten Hosen feinen Zwirn. Schon im Dezember 2017, als sie in der ausverkauften Schleyerhalle spielten, holten die Toten Hosen für einige Stücke ein kleines Streicher-Ensemble auf die Bühne, eine kuriose Geste, die auf dem Cannstatter Wasen, vor 65 000 Zuschauern, ganz verunglücken könnte – aber ihre Fans tragen auch diese Ironie mit, feiern mit ihnen auch die elegischen Momente, die Songs, in denen sie trotzig und tapfer nachdenken über das Vergehen der Zeit. Bei „Hier kommt Alex“ und „Wünsch dir was“ freilich steigt die Stimmung am höchsten: das Konzert ist ein Wechselbad aus Pathos, Spott und Rock ’n’ Roll. Iggy Pops „The Passenger“ fehlt auch dieses Mal nicht – Campino faucht es wie der Teufel, längst ist die Nacht angebrochen

Zum Schluss „You’ll Never Walk Alone“

Mit „Schönen Gruß, auf Wiedersehen“ scheint dann das Ende der langen Party gekommen. Aber die Hosen kehren zurück auf ihre bunte Bühne für eine letzte Zugabe: „Ein letztes Lied, ein letzter Tanz… alles passiert, wie es passieren muss“ - dann die Cover-Version eines AC/DC-Songs, dann „Tage wie diese“, viele Monate in den Hitparaden im Jahr 2012. Noch einmal röhrt Campinos Stimme durch die Zeilen, beißen die Gitarren, knallt das Schlagzeug, schlägt die Stimmung Purzelbäume. „Und immer wieder / sind es die selben Lieder / die sich anfühlen / als würde die Zeit stillstehen“ - so heißt es im Hosen-Song „Altes Fieber“.

Die Toten Hosen haben sich auf dem Cannstatter Wasen durch ihr Repertoire gespielt, haben all die großen Momente ihrer langen Karriere abgeklopft, haben sehr viele Songs gespielt von „Ballast der Republik“ und „Laune der Natur“, den Erfolgsalben jüngerer Jahre: ein Konzert, ganz typisch für die Band, die seit 36 Jahren immer noch da ist und die größte Party garantiert. Campino schickt die Fans nach Hause mit der Hymne aller Fußballstadien: „You’ll Never Walk Alone“. Sie gehen nicht alleine, und nur in den letzten Minuten der langen Show schließlich beginnt der Regen zu fallen, gerade so als habe die Energie der Toten Hosen den Himmel bis dahin abgeschlossen.

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