Alexandra Kirschner in ihrer Wohnung im Stuttgarter Norden Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für Alexandra Kirschner haben Zahlen einen Charakter und Wochentage sind bunt – sie nimmt synästhetisch wahr. Diese Gabe hilft ihr im Alltag und bei der Arbeit. Sie kann aber auch eine Bürde sein.

Stuttgart - Elias atmet noch einmal tief ein. Dann steigt seine Stimme aus dem Bauch empor, vorbei an der Kehle, die Tonleiter rauf und wieder runter. „Dub dub dub du-hu-hu-a“, tönt es aus seinem weit geöffneten Mund. Von dort kriecht der Schall in Alexandra Kirschners Ohren und erscheint schließlich vor ihrem inneren Auge. Sie sieht eine verbogene Linie, die durchhängt und dunkler ist als sonst. Eigentlich müsste alles schön gerade und cremefarben sein. Aber da war etwas in Elias’ Stimme, eine feine Veränderung, ein falscher Ton. Alexandra Kirschner hat ihn gehört, und sie hat ihn gesehen. Mithilfe ihrer Synästhesie.

Synästhesie, das ist keine Krankheit, sondern ein neurologisches Phänomen. Es bewirkt, dass Menschen äußere Reize anders wahrnehmen. Deshalb kann Alexandra Kirschner die Stimme von Elias auch sehen, wenn er singt. Als Stimmbildnerin bei den Aurelius Sängerknaben Calw hilft ihr die Synästhesie – aber manchmal führt sie auch dazu, dass Alexandra Kirschner von Reizüberflutungen erdrückt wird.

Die Stimmbildnerin sitzt zu Hause in Stuttgart-Nord an ihrem Klavier und schaut fragend in die Webcam. Welcher Ton war falsch? Ihr Schüler Elias steht 35 Kilometer entfernt in seinem Kinderzimmer vor dem Computer. Er sieht seine Stimmbildnerin jetzt nur noch per Skype, denn Stimmbildung findet in Corona-Zeiten online statt. Elias versucht, sich an einen Fehler in der Tonfolge zu erinnern, zuckt mit den Schultern und lacht verlegen. Weil Elias so wahrnimmt, wie der Großteil der Menschen, hat er den Ausrutscher in seiner Stimme nicht bemerkt.

Halbkreise bei Himbeerkuchen

Bei den meisten Menschen reagiert nur ein einziges Sinnesorgan auf einen Reiz: Sie hören eine Stimme oder schmecken einen Kuchen. Bei Synästhetikern hingegen sind bestimmte Hirnregionen miteinander verknüpft und deshalb löst ein einziger Reiz gleich mehrere Reaktionen aus. Wenn Alexandra Kirschner die Stimme von Elias hört, dann sieht sie auch eine Farbe. Himbeerkuchen schmeckt für sie süß und lässt vor ihrem inneren Auge gezeichnete Halbkreise und Stöckchen auftauchen. Wochentage haben für sie Farben und Zahlen einen Charakter.

Wissenschaftler vermuten, dass es insgesamt mehr als 80 Formen der Synästhesie gibt. Alexandra Kirschner hat schon 16 Arten erlebt – darunter auch die sogenannte One-Shot-Synästhesie. Das ist eine Wahrnehmung, die meist nur einmal im Leben und ganz spontan auftaucht. In einer Nacht hörte Alexandra Kirschner im Halbschlaf einen Knall und sah plötzlich vor ihrem inneren Auge einen springenden Kreis, der seinen Arm neben sich herschwang. Danach hat sie dieses Bild nie wieder vor Augen gehabt.

Alexandra Kirschner ist 58, eine geduldige Frau mit braunen Rehaugen und einer sanften Stimme. An ihren zarten Beinen trägt sie Doc-Martens-Stiefel, und wenn sie spricht, drückt sie sich gewählt aus.

Die Stimmbildnerin erklärt ihrem Schüler Elias, wo seine Stimme eben falsch lag. Beim zweiten Ton war’s, der war zu tief. Dann kommt die nächste Übung zum Einsingen: Ein lang gezogenes „siiiiiiii“. Elias’ Stimme wandert in die hohe Tonlage und fällt dann wieder nach unten. Der Mund muss weit geöffnet und schön rund sein. „Die Hände in die Flanken stützen“, rät Alexandra Kirschner, so spüre man seine Atmung besser. Während Elias singt, wärmen sich seine Stimmbänder und die Muskeln um seinen Kehlkopf auf.

„Die Sieben ist gelb“

Alexandra Kirschner spielt einen Akkord auf dem Klavier und gibt damit die nächste Tonlage vor. Diesmal soll Elias ein lang gezogenes „tuuah“ singen. Die Stimmbildnerin macht es vor: Mit dem T stößt sie einen kleinen Luftstrom aus, dann hebt sie ihre Stimme und senkt sie wieder. Den Luftstoß sieht sie mithilfe ihrer Synästhesie aus ihrem Mund fließen. „Eigentlich nehme ich Synästhesie nur vor dem inneren Auge wahr. Aber bei dieser Übung ist es anders. Da findet sie außerhalb meines Körpers statt“, sagt die Stimmbildnerin.

Fast 40 Jahre lang dachte Alexandra Kirschner, dass jeder so wahrnimmt wie sie. Irgendwann las sie zufällig einen Artikel über Synästhesie. Darin stand, dass die Sieben für manche Menschen blau sei. „Das stimmt doch gar nicht“, dachte Alexandra Kirschner, „die Sieben ist doch gelb.“ Und dann las Alexandra Kirschner, dass nicht alle Menschen Zahlen farbig sehen. Laut der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft nehmen nur etwa vier Prozent der Menschen so wahr.

Elias singt seiner Stimmbildnerin das „tuuah“ nach. Seine Stimme schwingt zwischen tiefen, vibrierenden und hohen Tönen hin und her wie eine Schaukel. Oder anders beschrieben: Seine Stimme klingt erst dunkelblau, dann grau, wird langsam braun und geht schließlich über in Orange und Gelb. Singt Elias zu tief, dann sieht der Ton für Alexandra Kirschner dunkler aus. Wenn er zu hoch klingt, sieht sie ihn heller. Aber diesmal hat alles gestimmt. „Bravo!“, lobt sie.

Alexandra Kirschner studierte Gesang und Musikgeschichte. „Musik war immer die Hauptperson in meinem Leben“, sagt sie. Musik konnte sie schon immer sehr berühren. Wenn ihre Mutter eine schöne Schallplatte auflegte, begann sie oft zu weinen. Als sie sechs Jahre alt war, weckte ihre Mutter sie spätabends auf, führte sie ins Wohnzimmer und zeigte ihr den Auftritt eines jungen Solisten. Seitdem ist Alexandra Kirschner fasziniert von Knabenstimmen. Kinder sängen einfach munter drauflos, sie belegten ihre Stimmen nicht künstlich mit Emotionen, sie klängen rein.

Bachs Klarheit

Alexandra Kirschner liebt auch die Klarheit in den Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Sie fühlt sich wohl in der Weißenhofsiedlung mit ihren klaren Formen. Sie liebt flache Landschaft und einen weiten Blick über die Felder. Und sie mag die Postkarte mit dem Gemälde Tango von Jasper Johns, die an ihrem Kühlschrank hängt. Man sieht darauf nur eine blaue Fläche.

Wo etwas nicht so rein und klar ist, da sind Alexandra Kirschners Reize schnell überflutet. An Orten wie dem Stuttgarter Gerberviertel, wo die Häuser sie von rechts und links einkesseln, fühlt sie Beklemmung. Wenn sie in einem Restaurant sitzt, sieht sie jede Bewegung, hört jedes Geräusch und kann sich nur schwer auf ihr Gegenüber konzentrieren. Und manchen Geruch hält sie kaum aus. Am schlimmsten ist das Rosenöl von Weleda. Das stinkt dunkelrot mit schwarzer Schraffierung.

Alexandra Kirschner zupft an den Notenblättern, die seitlich in die Webcam ragen. Hinter ihr reicht ein Bücherregal bis fast unter die Decke. Darin tummeln sich Bücher über medizinische Fachbegriffe, Neurologie, das Bauhaus und Gedichte von Christian Morgenstern. Am Fenster hinter dem Klavier klebt eine Postkarte mit einem Porträt von Johann Sebastian Bach. Wenn Alexandra Kirschners Finger über die Tastatur gleiten, schaut ihr Lieblingskomponist dabei zu. Auf ihrem Laptopbildschirm nickt Elias, er ist bereit für seinen Einsatz. Alexandra Kirschner beginnt zu spielen: Mozart, ein Stück aus der Zauberflöte, Elias’ Lieblingsoper.

Schon seit mehr als zehn Jahren feilt Elias mit Alexandra Kirschner an seiner Stimme. Er ist 16, liebt barocke Musik, Stücke aus der Romantik – und Ed Sheeran. Seit er denken kann, singt er im Chor, doch vor zwei Jahren kam er in den Stimmbruch. Ein Schock, weil auf einmal kein Ton mehr so kam, wie Elias es wollte. Seit diesem Sommer ist seine Männerstimme endlich voll da, aber an den neuen Klang muss er sich erst noch gewöhnen.

Die einfühlsame Stimmbildnerin

Früher hat ihm bei der Stimmbildung seine eigene Synästhesie geholfen. Töne hatten für Elias Formen, unterschiedliche Farben und zum Teil auch einen Charakter. Ein tiefer Ton war breit, wie ein großes Quadrat und vor seinem inneren Auge sah er dieses Quadrat wackeln, wenn der Ton unsauber klang. Das ist jetzt nicht mehr so, denn während der Pubertät hat Elias eine Synästhesie verloren.

Wissenschaftler sind sich uneinig darüber, woher Synästhesie kommt. Die einen denken, dass Synästhesie vererbt wird. Andere vermuten, dass alle Menschen mit synästhetischer Wahrnehmung geboren werden. Sie glauben, dass bei Säuglingen bestimmte Hirnregionen so miteinander verknüpft sind, wie bei Synästhetikern. Erst im Laufe der Kindheit oder Pubertät, wenn das Gehirn einer Baustelle gleicht, gingen die Verbindungen bei den meisten Menschen verloren – wie bei Elias.

Er trägt dicke Kopfhörer über den Ohren und wartet auf seinen Einsatz, während Alexandra Kirschner noch die ersten Takte auf dem Klavier spielt. Dann setzt Elias’ Stimme ein, er singt „O Isis und Osiris“ aus der „Zauberflöte“. Ein Stück, in dem seine Stimme so tief nach unten wandert, dass sie fast brummt. Dann schnellt sie wieder in die Höhe – aber einen Tick zu hoch. Alexandra Kirschner nimmt die Finger von den Tasten und unterbricht ihn: „Da hing der Ton jetzt höher, als er sollte, und sah heller aus“, sagt sie. „Noch mal tief einatmen und dann probieren wir’s noch mal.“ Dann stimmen die Töne und die Farben, alles sieht harmonisch aus.

Alexandra Kirschner ist auch wegen ihrer Synästhesie eine präzise und einfühlsame Stimmbildnerin. Doch die Synästhesie macht ihr auch zu schaffen. Alles, was um sie passiert, nimmt sie doppelt wahr: Töne hört und sieht sie, Gestank riecht und sieht sie. Ihre Eindrücke kann sie nicht einfach ausblenden. „Synästhesie, das ist eine andere Weise zu begreifen, wie sich das anhört, was man singt“, sagt ihr Schüler Elias. Für Alexandra Kirschner ist Synästhesie hingegen ihre Art, die ganze Welt zu begreifen.

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