Die Passantenzahlen auf der Stuttgarter Königstraße liegen derzeit teils 90 Prozent unter dem Niveau normaler Tage. Foto: dpa/Marijan Murat

Die erzwungene Schließung der meisten Geschäfte trifft die Königstraße hart. Unsere Datenauswertung zeigt anschaulich, wie der Shutdown Stuttgarts bisherige Shoppingmeile entvölkert hat.

Stuttgart - Die typische Woche auf der Stuttgarter Königstraße ähnelt einem reichlich bewegten Gewässer und verläuft in Wellen. Von Montag bis Freitag wachsen die Wellen stets auf ähnliche Weise an: mit einem ersten Höhepunkt zwischen 13 und 14 Uhr und Höchstwerten am frühen Abend zwischen 17 und 18 Uhr. Sie werden von Tag zu Tag höher, ehe am Samstag die höchste Welle über Stuttgarts Einkaufsmeile schwappt. Der Sonntag verläuft dann ziemlich ruhig, ehe es am Montag wieder von vorn losgeht.

Dieses Bild entstammt nicht der Fantasie eines von zweieinhalb Wochen Lockdown derangierten Redakteurs, sondern dem Datenportal Hystreet. Das dahinter steckende Kölner Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, in Einkaufsstraßen per Laserscanner Passantenströme zu messen – in Stuttgart etwa an zwei Standorten in der Königstraße sowie in der Stiftstraße. In Baden-Württemberg werden außerdem der Münsterplatz in Ulm oder die Wilhelmstraße in Reutlingen erfasst, dazu die großen Einkaufsstraßen in Hamburg, München, Düsseldorf, Berlin und anderen Städten, in denen der Einzelhandel viel Umsatz macht – normalerweise.

Die Zeiten sind aber nicht normal. Und deshalb ähnelt die Linie mit den Passantenströmen auf den Einkaufsmeilen keineswegs einer Welle, höchstens einem sanften Wogen. In Zahlen ausgedrückt: statt bis zu 6000 (unter der Woche) beziehungsweise mehr als 10 000 Menschen (samstags) sind selbst in Spitzenzeiten derzeit höchstens 1000 Menschen pro Stunde auf der Königstraße unterwegs. Das verwundert natürlich nicht, schließlich gibt es nur wenig Gründe für den Besuch einer Einkaufsstraße mit geschlossenen Geschäften – aber es ist die Zahl zur Coronakrise: Der Shutdown kostet bis zu 90 Prozent der Passanten – und mindestens ebenso viel Umsatz. In anderen Städten, etwa auf der Frankfurter Zeil, sieht die Kurve genauso aus.

Wie viel in der Stuttgarter City täglich umgesetzt wird, weiß so genau niemand. In der Branche wird überschlägig vermutet, dass es pro Woche vierzig bis fünfzig Millionen Euro sind. Jedenfalls wird da gerade sehr viel Geld nicht verdient, während viele Kosten etwa für Miete und Personal weiterlaufen – den Wertverlust etwa bei den Frühjahrskollektionen von Textilhändlern nicht eingerechnet. „In höchster Not“ wendete sich jüngst die City-Initiative Stuttgart (CIS), ein Zusammenschluss lokaler Händler und Kulturinstitutionen, per ganzseitiger Zeitungsanzeige an den Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit der Bitte um Unterstützung. Bereits zuvor habe man sich mit Stadtverwaltung und Kommunalpolitikern zusammengesetzt und „die Bücher geöffnet“, berichtet Hahn. Für etliche Einzelhändler „geht es nicht darum, wieder ein bisschen Umsatz zu machen“, so Hahn, „für die geht es darum: Wie läuft das wieder normal an?“

Der letzte „normale“ Tag

Zumal der Ausnahmezustand in der Innenstadt schon vor dem Shutdown begonnen hat. Ausweislich der Daten von Hystreet war der 11. März, ein Mittwoch, der letzte „normale“ Tag auf der Königstraße mit bis zu 4800 Passanten pro Stunde – was der im März üblichen Frequenz entspricht. Am darauffolgenden Samstag waren die Passantenströme nur noch etwa halb so stark; in der Summe fehlten in der Einkaufszeit zwischen 10 und 20 Uhr rund 35 000 Passanten.

Wie viel Umsatz allein dieser Rückgang kostet, lässt sich ebenfalls nur schätzen. Der City-Manager Sven Hahn kennt Zahlen des Handelsverbands, laut denen einer von zwanzig Passanten tatsächlich etwas kauft und im Schnitt 100 Euro ausgibt. Am darauffolgenden Samstag (21. März) war die Königstraße bei Regen und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt dann mit maximal 300 Passanten pro Stunde praktisch tot. Vermutlich lägen die Zahlen noch niedriger, wenn nicht wie derzeit an drei Tagen die Woche Markt wäre.

Wenn man der CIS und ihrem Chef Sven Hahn glauben darf, geht es für die Königstraße insgesamt ums Überleben. „Die Königstraße funktioniert nur als Ganzes und nur mit der normalen Frequenz“, sagt Hahn, „der Kleine lebt vom Großen und umgekehrt“. Entsprechend sind die Kurven mit den Passantenzahlen ein Menetekel, nicht zuletzt weil daran auch Jobs und Gewerbesteuereinnahmen hängen. Sollte der Shutdown irgendwann beendet sein, wird aus den sanften Wogen wieder eine Welle – hoffentlich.

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