Wie viel Nähe und wie viel Distanz brauchen Kunstschaffende aus einer Familie, um sich frei entfalten können? Die Malerin Andrea Eitel, Mutter des prominenten Malers Tim Eitel, gibt Einblicke in eine komplexe Beziehung.
In Künstlerfamilien kann es zuweilen ordentlich krachen. Als der Maler José Ruiz y Blasco einsah, dass die Kritiker ihn in der Mittelmäßigkeit verorteten, seinen Sohn Pablo Ruiz Picasso hingegen als Genie bezeichneten, schmiss er den Bettel hin. Als Arthur Schopenhauer seine Mutter, ebenfalls Schriftstellerin und eine Freundin Goethes, mit herablassender Kritik traktierte, vielleicht weil er ihr den Erfolg nicht gönnte, verbannte sie ihn aus ihrem Haus. Aber es geht auch anders.
In der Familie Eitel sind Mutter und Sohn die Kunstschaffenden, wobei der Sohn, Jahrgang 1971 und gebürtiger Leonberger, zu den erfolgreichsten deutschen Malern der Gegenwart zählt. Tim Eitels Bilder erzielten auf Auktionen zeitweise sechsstellige Summen und haben es in die Wiener Albertina und andere renommierte Museen geschafft. Das Werk seiner Mutter Andrea, Jahrgang 1942, ist ebenfalls weit über Stuttgart hinaus bekannt, reicht aber an seinen Erfolg nicht heran. Wie geht sie damit um? „Das halte ich gut aus“, sagt sie. „Wir schätzen uns gegenseitig. Auch als Künstler.“ Wie haben die beiden das bloß hingekriegt?
Gegenseitige Inspiration, aber eigene Wege
Andrea Eitels Staffelei steht im obersten Stockwerk des Atelierhauses des Bundes Bildender Künstlerinnen Württemberg, einem prächtigen Anwesen aus der Gründerzeit am Stuttgarter Eugens-platz, mit altem Baumbestand und Panoramablick über den Kessel. Sie hat sich hochgearbeitet. Davor malte sie in Ateliers in maroden Gebäuden in Bad Cannstatt, die eins ums andere der Abrissbirne zum Opfer gefallen sind.
Das erste Bild, das die Malerin zeigen möchte, ist ein Porträt ihres Sohnes. Auf dem Ölgemälde steht Tim Eitel in seiner Pariser Galerie im Schatten einer Tür. „Ich finde ja, man erkennt ihn sofort“, sagt sie. Das Gemälde spiegelt all die Facetten ihrer Beziehung zum Sohn wider: mütterliche Liebe, die Bewunderung seiner Kunst, aber auch das Selbstbewusstsein, eine unabhängige Malerin zu sein. „Er hat mich sicherlich inspiriert. Aber meinen Weg bin ich selbst gegangen.“
Zweifellos hat zuerst sie ihn inspiriert. Tim Eitel wächst in einer Familie auf, in der die Kunst einen festen Platz im Alltag hat. Zwar gehen die Eltern gewöhnlichen Berufen im Verlagswesen nach. Aber in der Freizeit spielen sie Jazz, sie am Klavier, er an der Klarinette. „Und an den Wochenenden wurden die Söhne ins Museum geschleppt.“
Im Sommerurlaub in England im Jahr 1985 entdeckt Andrea Eitel das Werk von William Turner, einem Meister der Aquarellmalerei. Gleich nach ihrer Rückkehr beansprucht sie eine Ecke des Schlafzimmers, kauft Pinsel und Aquarellfarben und versucht, Turners Bilder zu kopieren. Ihre ersten Bilder finden Platz im Büro ihres Mannes, in Hotels und Kirchen. Tim hilft ihr ab und zu beim Rahmen der Bilder. Ansonsten zeichnet der 14-Jährige in seinem Zimmer nebenan Comicfiguren. Kurz darauf hat er ein ähnliches Schlüsselerlebnis wie seine Mutter. Er sieht Werke von Francis Bacon in einer Retrospektive in der Stuttgarter Staatsgalerie. „Ich spürte zum ersten Mal, dass Kunst körperlich wirken kann. Es war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt er in einem Interview.
Erst mit dem Auszug der Söhne gönnt sie sich ein eigenes Atelier
Tim beginnt sich fürs Malen zu begeistern und wählt in der Oberstufe Kunst als Leistungsfach. Noch in der Schulzeit fangen Mutter und Sohn an, sich über Farben und Maltechniken auszutauschen. Als sie klagt, die Pastellkreiden und Acrylfarben würden immer so schnell trocknen, rät er ihr, es doch mal mit Öl zu probieren. Da könne man ewig korrigieren. Ölmalerei gilt als Königsdisziplin in der Kunst. „Ich dachte, das sei viel zu anspruchsvoll für mich“, sagt Andrea Eitel. Seither malt sie mit nichts anderem.
Und dann ist Tim von der Bildfläche verschwunden. Er geht in den Osten zum Studieren, zuerst nach Halle, dann nach Leipzig. wo er zunächst zwei Mal abgelehnt wird. Es folgen Stationen in Los Angeles, New York, Berlin, Paris. „Er machte sein Ding“, sagt sie. Und sie machte ihrs. Erst nach dem Auszug ihrer Söhne hat Andrea Eitel den Mut und die Muße, ein eigenes Atelier anzumieten und sich voll auf die Malerei zu konzentrieren. Und auch sie hat Meilensteine: die Aufnahme in die großen württembergischen Künstlerverbände, ein dreimonatiges Stipendium am Bodensee, Großeinkäufe der Landesbank Baden-Württemberg, den ersten Galeristen.
Sie bleibt Autodidaktin. Aber sie hat einen Wegbegleiter: ihren älteren Sohn Lutz Eitel, Jahrgang 1968, ein Kunstwissenschaftler. „Er ist mein schärfster Kritiker.“ Seine Ratschläge waren oft schmerzhaft: „Wenn dir das Bild so gelingt wie dieser Ausschnitt“, und er zeigte auf ein kleines Eck ihres Bildes, „dann könnte das was werden.“ Oder er sagte: „Das muss weg“, ausgerechnet zu einem Detail, das sie viel Zeit und Mühe gekostet hat. Und fast immer behielt er Recht.
Mit Tim sei es anders. „Er äußert sich selten zu meinen Bildern.“ Da kommen höchstens mal kurze Anmerkungen wie: „Mal doch mehr Porträts“, wenn ihm eines gut gefiel. Manchmal stört er sich an „Anleihen“ aus seinem Werk – eine Schräge im Bild, die er auch mal verwendet hat, oder eine ähnliche Perspektive. Dann macht er schon mal einen bissigen Kommentar. Andrea Eitel nimmt es gelassen. Schon früher seien sie bei Ausstellungen vor denselben Werken stehen geblieben, erzählt sie. „Das ist nun mal der Familienanteil.“ Und: „Ist das nicht natürlich, wenn das Werk von Mutter und Sohn Parallelen aufweist?“
Sie liest in seinen neuen Bildern, was ihn zurzeit umtreibt
Sie haben sich beide für figurative Kunst entschieden, für reale Motive und damit gegen die in Stuttgart so wertgeschätzte abstrakte Kunst. Beide ziehen los mit der Kamera und verwenden Fotografien als Grundlage für ihre Bilder. Sie malen beide meist scharf konturiert und spielen mit dem Bildraum. Und wenngleich ihren Werken nachgesagt wird, beiden wohne eine gewisse Kühle und Distanz inne, so tragen sie doch jeweils ihre eigene Handschrift.
Wenn Andrea Eitel ein neues Bild fertig gemalt hat, stellt sie es meist in ihren Familienchat. Auch jene, mit denen sie nicht so glücklich ist. „Fehlt da vielleicht was?“, fragt sie dann. Oder: „Ist da was zu viel?“ Sie fragt auch Freunde und Nachbarn. „Ich bin froh über jede ehrliche Meinung.“
Tims neue Bilder kriegt sie dagegen nur auf Ausstellungen zu Gesicht oder bei Besuchen in seinem Atelier. „Ich sage dann immer nur, welches mir am besten gefällt.“ Dabei steht sie oft mit Staunen vor seinen neueren Werken, entdeckt in ihnen, was sich derzeit in seinem Inneren abspielt, zuletzt in der Kunsthalle Rostock, die zurzeit seine Bilder aus dem letzten Jahrzehnt zeigt. „Während die Personen früher nur mit der Rückseite zu sehen waren, mit abgewandten Gesichtern, blicken sie auf den jüngeren Bildern auch mal in die Richtung des Betrachters“, so ihre Beobachtung. „Und das freut mich riesig.“ Diese Hinwendung zum Menschen, die Lust auf Nähe sei auch eine Folge der Coronaphase.
Andrea Eitel lässt keine Ausstellung ihres Sohnes aus. Da sei sie ganz Mutter. Sie leidet mit ihm, wenn die Presse sich despektierlich äußert, und freut sich über jede Anerkennung. Stolz erfüllte sie, als die einschlägigen Medien die Ausstellung „deutschemalerei 2003“ im Frankfurter Kunstverein besprach und hierfür eines seiner Bilder wählten. Wenige Zeit später teilte er seinen Eltern mit, sie bräuchten ihm eigentlich kein Geld mehr zu überweisen.
Die Karriere ihres Sohnes hat sie aber nicht nur erfreut. Sie hat auch ihren Ehrgeiz entfacht. „Der Tim hat mir gezeigt, dass die gegenständliche Malerei nicht tot ist, wie einst angenommen, sondern dass man darin seinen Ausdruck finden kann. Und auch Erfolg haben kann.“
Was möchte Andrea Eitel mit ihrem Werk ausdrücken? Bei dieser Frage sei sie früher immer etwas unruhig geworden, gesteht sie. „Tim empfahl mir mal, mir für Fragen dieser Art eine gute Antwort zurechtzulegen.“ Sie lautet: „Eigentlich kommen meine Bilder ohne irgendwelche Botschaften aus. Ich möchte einfach nur schöne Bilder malen.“ Und schön sind sie dann, wenn sie aufrichtig sind, authentisch und schnörkellos. So wie die Künstlerin.