Deutschlands größte Social-Media-Stars über ihren Film „Get up“, das Zwillingsdasein und was sich geändert hat, seit Lena überfallen wurde.
Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte im Doppelpack: 19 Millionen Instagram-Follower, 13 Millionen Tiktok-Fans. Nun wechseln die Stuttgarter Influencerinnen Lena und Lisa Mantler von der Social-Media-Welt ins Kino. Ihr erster Film „Get Up“ erzählt von vier Skaterinnen und dem letzten Sommer der Jugend.
Lena und Lisa, ich freue mich, Sie kennenzulernen, und besonders freue ich mich, dass der Anlass so ein überraschend guter Film ist.
Lisa: Danke!
Lena: Und danke, dass Sie „überraschend“ sagen! Das ist so ein Kompliment! Wir wollten ja überraschen.
Was ich meinte: Wenn zwei Instagram-Zwillinge ihren ersten Film drehen, könnte man ein Starvehikel befürchten. Und das ist der Skaterfilm „Get Up“ gerade nicht geworden.
Lena: Eben – wir haben nicht ohne Grund zwei Jahre Schauspielunterricht genommen. Wir wollten nicht einfach nur einen schnellen Influencer-Film drehen. Und wir wollten nicht diese kitschige Geschichte von Zwillingen spielen, die alle reinlegen und immer gut drauf sind. Wo bleibt der Abnabelungsprozess? Kindergarten, Schule, Arbeit – wir waren immer zu zweit. Wenn man als Zwilling groß wird und nie allein war, ist es nicht so leicht, sich selbst zu finden. Zu einer Zwillingsgeschichte gehört das auch dazu.
Haben Sie dann überhaupt noch Lust, gemeinsam Interviews zu geben?
Lisa: Wir machen das gern zusammen. Den Film haben wir ja auch zusammen gedreht. Er ist erst mal unser letztes gemeinsames Projekt und wir genießen noch mal alles, was wir zusammen machen. Danach wollen wir jeder für uns arbeiten; und dafür müssen wir erst mal rausfinden: Wer bin ich eigentlich ohne Lena beziehungsweise Lisa, wenn ich allein bin?
Der Film erzählt von einer Teenager-Welt, in der man viel Zeit mit Freunden verbringt, alles Mögliche ausprobiert und immer wieder scheitert. Ist das das Leben, das Sie wegen Ihres frühen Erfolgs verpasst haben?
Lena: Ich bin eigentlich dankbar, dass alles so früh passiert ist. Mir wurde schneller klar, auf was es im Leben ankommt. Wir sind sehr früh in eine Erwachsenenwelt gekommen und haben viel gelernt, was wir sonst erst jetzt mit 21 Jahren gelernt hätten. Als wir in der Social-Media-Welt bekannt wurden, war Tiktok – das damals noch Musical.ly hieß – keinem ein Begriff, genauso wenig wie Influencer. Wir sind da so reingerutscht und haben erst dabei gelernt, was das alles bedeutet.
Lisa: Und wir hatten Mama und Papa dabei, die auf uns aufgepasst haben. Wir haben nicht alles gemacht, was möglich war. Unsere Eltern haben darauf geachtet, dass es nicht zu viel wird. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Eltern, die ihre Kids jedes Angebot annehmen lassen. Für unsere war das Wichtigste, wie es uns geht.
Bei Instagram erreichen Sie ein junges Publikum. Die Elterngeneration dürfte Sie das erste Mal wahrgenommen haben, als Sie bei „Wetten, dass . .?“ hinter den Kulissen mitmoderiert haben. Wollten Sie ein neues Publikum erreichen?
Lisa: Wir haben nie eine Strategie – wir machen einfach. Jedes Management rollt darüber mit den Augen. Aber wir sind gut damit durchgekommen. „Wetten, dass . .?“ haben wir immer mit der Family angeschaut. Es war cool, dabei zu sein. Uns wird viel angeboten, was strategisch besser wäre. Vor Jahren wollte Disney mit uns arbeiten. Aber damals hat es nicht gepasst, und dann sagen wir eben ab.
Thomas Gottschalk hat mehrfach betont, wie schwer er sich mit Influencern und Reality-Stars tut, weil er diese Welt nicht kennt und nicht an ihre Haltbarkeit glaubt. Umgekehrt mussten Sie Gottschalk aber nicht googeln, oder?
Lisa: Ich nehme das Gottschalk gar nicht übel. Wenn man Social Media nicht nutzt, lernt man auch keine Social-Media-Leute kennen. Außerdem soll das nicht für immer unser Beruf sein. Social Media war unser Türöffner, Schauspielerei und Moderation machen uns aber viel mehr Spaß.
Was Gottschalk ausdrückt, empfinden wahrscheinlich viele: Innerhalb einer Generation haben Sie eine fast hundertprozentige Bekanntheit – aber Älteren müssten Sie sich erklären.
Lisa: Ich finde es gut, wenn ich mich Leuten noch vorstellen kann. Wenn du denkst, dass jeder dich kennen müsste, hast du ein Problem.
Zu Instagram gehört es, dass man sich nahbar gibt. Gibt es Momente, in denen Fans Ihnen zu nah kommen?
Lena: Wir haben früh gelernt, Grenzen zu ziehen. Die Leute wissen, was zu weit geht. Natürlich wird man trotzdem mit zu privaten Fragen konfrontiert. Die beantworten wir dann einfach nicht.
Trotzdem ist es schon zu einer massiven Grenzüberschreitung gekommen: Lena wurde angegriffen.
Lena: Ganz gecheckt habe ich die Situation, glaube ich, immer noch nicht. Wahrscheinlich hätte das jedem passieren können. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal angegriffen werde. So was liest man in der Zeitung. Das passiert einem nicht selbst. Ob es daran lag, dass ich bekannt bin, weiß ich bis heute nicht.
Lisa: Wir wussten immer, dass unsere Präsenz so was provozieren kann. Es hacken ja auch Leute in den sozialen Medien auf einem rum. Dass Lena das passiert ist, war trotzdem ein Schock – für uns beide. Aber wir wollen uns nicht verstecken. Ich bin so stolz darauf, wie offen Lena damit umgeht. Es gibt Leute, die solche Sachen machen, und es ist wichtig, aufeinander aufzupassen.
Sichern Sie sich seitdem mehr ab?
Lena: Wir sind 21 Jahre alt. Ich will nicht für den Rest meines Lebens mit Security rumlaufen.
Lisa: Wir fahren immer noch mit der Bahn, aber bewusster. Vorher gab es mal eine Situation, in der eine Männergruppe sich über uns lustig gemacht hat. Damals bin ich noch auf die zugegangen und habe gefragt: „Was war das? Sagt mir das noch mal ins Gesicht!“ Das traue ich mich heute nicht mehr, weil ich Schiss habe, dass die auf mich losgehen.
Was ist damals eigentlich passiert?
Lena: Ich wurde einfach auf der Straße verprügelt. Und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist. Eine Sache ist mir daran wichtig, und deshalb spreche ich auch darüber: Wir müssen so was ernst nehmen. Ich konnte die Situation damals nicht reflektieren. Ich war total verloren und hatte beim Job niemanden, der es ernst genommen hätte. Ich hatte ein blaues Auge und ein geschwollenes Gesicht – und es ging nur darum, wie man das überschminkt. Auf eine Weise bin ich sogar froh, dass es passiert ist. Das war ein Weckruf. In diesem Business schafft man es nur mit Werten. Ich weiß, dass es keiner böse gemeint hat. Aber nach der Erfahrung habe ich bei relativ vielen Leuten einen Schnitt gemacht. Ich habe damals noch drei Tage durchgearbeitet – mit einer Gehirnerschütterung und einem geprellten Jochbein. Wann wird man ernst genommen? Erst, wenn man im Krankenhaus liegt?
Für viele 13-Jährige sind Sie Vorbilder. Was geben Sie denen mit?
Lisa: Wir wollen erzählen, wie wichtig Selbstfindung ist. Viele hocken nur noch vor Social Media. Und denen wollen wir sagen: Hey, legt euer Handy weg. Habt Freunde, am besten ganz verschiedene. Bleibt dran, steht wieder auf, wenn ihr hinfallt. Geht raus und lebt draußen.