Seit zwanzig Jahren führt Claudia Leutner die Buchhandlung im Literaturhaus und hat daraus eine bibliophile Wunderkammer gemacht. Doch ihre Tage sind gezählt. Das Ende ist aber gleichzeitig ein neuer Anfang.
Stuttgart - Immer wieder sind Leute in den Laden gekommen, die sich erst einmal erstaunt umgesehen haben, um sich dann hilfesuchend mit der Frage „Gibt es hier keine normalen Bücher?“ an Claudia Leutner zu wenden. So erzählt sie es lachend an diesem Morgen. Um genau zu sein, müsste man allerdings sofort noch ein weinend hinzufügen. Denn die Stimmung ist durchaus gemischt, geht es doch im strengen Sinn um den Ausverkauf ihres Lebenswerks. So kann man die Buchhandlung im Literaturhaus getrost bezeichnen. Ende des Jahres verabschiedet sie sich in den Ruhestand, ihre Kunden dürften dem in eindeutigerer Gemütsverfassung entgegensehen: mit zwei weinenden Augen.
Es gibt in der Stadt nicht mehr viele Orte wie diesen. Manches an der bibliophilen Wunderkammer erinnert an den legendären Wendelin Niedlich, zumindest das Ordnungssystem: Wer sucht, der findet immer etwas anderes. Und das ist mehr als das „normale Buch“ der Bestsellerlisten, das es hier natürlich auch gibt. Aber wo könnte man sich sonst noch durch die handgebundenen Preziosen des Warmbronner Verlegers Ulrich Keicher wühlen? Und wer sonst hätte die zwölf Bände von Anthony Powells „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ vorrätig, ein Werk das immer wieder mit Marcel Proust verglichen wird, an dessen Edition sich der kleine Elfenbein Verlag gewagt hat? Nicht nur Leser werden Claudia Leutner eine Träne nachweinen, auch die kleinen Verlage.
Büchertische und Baustellenrumor
Noch ist es ruhig im Laden, doch die ersten Kunden stöbern schon. An manchen Stellen dünnt sich das reizvolle Dickicht aus unnormal schönen Büchern schon merklich aus. Noch bis zum 23. Dezember verschleudert Claudia Leutner ihre Schätze zum halben Preis. Ende des Monats muss alles geräumt sein. Der Nachfolger, die Büchergilde Gutenberg, will nichts übernehmen. Es ist nicht so leicht aufzuhören, umso mehr, wenn man etwas von null an aufgebaut hat, zusammen mit dem ersten Leiter des Literaturhauses Florian Höllerer und dem Architekten Roland Ostertag. „Er hat hier alles eingerichtet, die Regale zusammengestellt, alles aus einem Guss, ohne Ostertag wäre das nicht gegangen“, sagt die Buchhändlerin.
Alles fing mit einer Annonce in der Stuttgarter Zeitung an. Außer Claudia Leutner, die damals noch das linksalternative „Provinzbuch“ in Esslingen betrieb, hatte sich niemand beworben. Schnell wurde sie mit Höllerer einig, auch wenn sie zunächst nur Büchertische bestellen konnte. Dort wo jetzt der Laden ist, dröhnte noch Baustellenrumor, der die ersten Lesungen bisweilen empfindlich gestört hat.
Kochrezepte der Avantgarde
Viele Kunden halten ihr seit 20 Jahren die Treue: „Deren Lesebiografien habe ich begleitet.“ Oft hört sie die Frage, „Was muss ich gelesen haben?“. Müssen tun sie gar nichts, antwortet Claudia Leutner dann und empfiehlt etwas – die Leute kommen immer wieder. Non-Book-Nippes sucht man vergeblich, und wenn sich hier einmal ein Kochbuch in die Reihen verirrt, enthält es mindestens Rezepte von Gertrude Stein und ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas – Avantgarde-Küche.
Claudia Leutner hat über die Jahre von den Lesungen im Haus gelebt, sie bestückte die Bücherwand im Schauspiel, war in der Stadtbibliothek präsent, im Merlin und anderen Veranstaltungsorten. Sie hat alles alleine gestemmt, allenfalls unterstützt von Praktikantinnen des Literaturhauses. Mehr hätte das Geschäft nicht getragen, aber so kam sie über die Runden. Durch Corona gab es schwere Einschnitte. Der Bioladen gegenüber hat zugemacht, keine Konzerte, wenig Publikumsverkehr – sie hat es überlebt, allerdings mit staatlicher Überbrückungshilfe, ohne wäre es schwer geworden. Auch wenn während dieser Zeit viele Leute aus Solidarität zu ihr kamen, soweit es möglich war.
Die letzten Kostbarkeiten
Unter den Kunden ist gerade auch der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau eingetrudelt, dem wie anderen Lokalmatadoren eigens eine kleine Ecke gewidmet ist. Mehr als für seine eigenen Romane interessiert er sich im Moment für die noch übrig gebliebenen Raritäten.
Gibt es Schätze, die sie am liebsten gar nicht verkaufen würde? Die Robert-Walser-Ausgabe im Stroemfeld Verlag, auch Hans Magnus Enzensbergers „Requiem für eine romantische Frau“, ein Sammlerstück aus der frühen Friedenauer Presse, das sie schon seit ihrer Esslinger Zeit begleitet. „Leider hat mir gestern jemand Roberto Zapperis ,Alle Wege führen nach Rom‘ weggeschnappt“. Diese Einstellung dürfte für eine Buchhändlerin mindestens so besonders sein wie der ganze Laden.
Auch für Claudia Leutner könnten die Wege künftig öfter nach Rom führen. Bisher war ihre Reisezeit auf die wenigen Wochen im August beschränkt, in denen das Literaturhaus geschlossen war. Andererseits: „Versäumt habe ich nichts im Leben – ich stehe nicht in den Startlöchern, um von jetzt an alles anders zu machen.“ In Esslingen organisiert sie seit vielen Jahren Konzerte im Jazz-Keller. In Zukunft könnten es ein paar mehr werden.
Info
Schlussverkauf
Noch bis zum 23. Dezember kann man von 12 bis 19 Uhr in dem Angebot der Buchhandlung stöbern und viele Titel zu Sonderpreisen erstehen.
Nachfolge
Am 1. Februar zieht Gabi Kolwe vom Buchtreff Büchergilde mit neuem Konzept und schönen Büchern von der Charlottenstraße in das Literaturhaus.