Die Botschaft bleibt nebulös, doch der Unterhaltungswert ist enorm: Die Stuttgarter Oper zeigt bei einer Prozession durch die Stadt Valentin Schwarz’ Musiktheaterprojekt „(Demo)kratie, ein Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor“
Stuttgart - Schon gegen halb vier, eine halbe Stunde vor dem annoncierten Beginn, hat sich ein erkleckliches Häufchen Menschen am Schillerplatz versammelt. Noch weiß keiner so recht, was da genau passieren wird. Als „(Demo)kratie, ein Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor“ wurde die Veranstaltung angekündigt, um Richard Wagner soll es gehen in dem vom Regiejungstar Valentin Schwarz geplanten Projekt. Vor dem Schillerdenkmal liegen Holzstangen mit weißen Schildern, Kreidekreuze auf dem Pflaster lassen eine Raumdramaturgie erahnen.
Dann kommt Bewegung in die Szene. Aus einem Lautsprecher ertönt Musik aus Wagners „Parsifal“, die Mitglieder des Opernchors, die sich unbemerkt formiert haben, heben an zu singen, derweil hat sich hinter dem Denkmal ein in schwarzes Leder gewandeter Mann von einem Hubwagen in die Höhe heben lassen. Wer diesen nicht schon am charakteristischen Barett auf dem Kopf und dem Backenbart erkennt, dem dürften die Buchstaben auf die Sprünge helfen, die das vor ihm drapierte Tuch zieren: R. W.
Richard Wagner geistert durch die Szenerie
Peer Oscar Musinowski vom Schauspiel Stuttgart gibt hier Richard Wagner, der sehr laut sprechen, fast schreien muss, um noch aus luftiger Höhe verstanden zu werden, zumal die Hintergrundmusik während seiner Suada weiterläuft. „Kommt näher, ihr Jünger der Kunst“, ruft er den Menschen auf dem mittlerweile gut gefüllten Schillerplatz zu, nicht ohne der Aufforderung ein coronaschutzbedingtes „Abstand wahren!“ folgen zu lassen. Doch selbst wer näher ans Denkmal rückt, versteht oft nur Satzfetzen. Neben einem biografischen Abriss, soviel wird immerhin klar, geht es um Kunst und Revolution. Wagner wurde ja schon als 17-Jähriger durch die Pariser Julirevolution 1830 regelrecht entflammt und entwickelte dann, befeuert durch Schriften sozialistischer Autoren und den Kontakt mit dem russischen Revolutionär Michail Bakunin, eine umstürzlerische Energie, die ihn zu einem Protagonisten des gescheiterten Maiaufstands 1849 in Dresden machte.
Die Rettung – oder sollte man Erlösung sagen? - konnte für Wagner aber nicht allein durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse kommen. Es war die Kunst, die die Welt bessern sollte. Allerdings musste es eine neue, revolutionäre Kunst sein, nicht jene, deren traurige Außenansicht Wagner in seiner Novelle „Ein glücklicher Abend“ beschrieben hat und die Peer Oscar Musinowski, begleitet von Klängen aus dem „Parsifal“, über den Schillerplatz deklamiert: Es gebe, so heißt es da, „nichts Prosaischeres als den Anblick der greulich aufgeblasenen Backen und verzerrten Physiognomien der Bläser, des unästhetischen Bekrabbelns der Kontrabässe und Violoncelli, ja selbst des langweiligen Hinundherziehens der Violinbögen.“ Jahrzehnte später wird Wagner im Festspielhaus von Bayreuth mittels Schalldeckel das Orchester verstecken.
Schilder nebst Anweisungen
Auf dem Schillerplatz bemalen die Sänger erst mal Schilder mit Partitur- und Regieanweisungen, die offenbar aus wagnerschen Werken stammen. „Stumm mit sich kämpfend“ steht da, „Gleitet langsam zu Boden“ oder „Mit überwältigend wonnigem Gefühle“. Dazu bekommen sie Kutten und lustige Kopfbedeckungen aus der Requisite gereicht, Römerhelme und Mützen, während Wagner wieder auf dem Boden gelandet ist und, megafonverstärkt und von seinen Chorjüngern heftig akklamiert, weiter Parolen von Freiheit, Liebe und Kunst von sich gibt.
Schließlich nimmt R. W. auf einem Anhänger Platz und lässt sich, gefolgt von Chor und Publikum, in Richtung Eckensee ziehen. „Folgt der Prozession“ ruft er, während der Tross an verdutzt dreinschauenden Gästen im Café Künstlerbund vorbeizieht. Am Rande des Eckensees steigt er ab, der Chor marschiert weiter zum Opernhaus.
Wagner brüllt fast ins Megafon, einige Enten ziehen sich verschreckt zurück, insgesamt versteht man wenig. Es geht um „Revolution“ und dass „kein Flecken übrig bleibt“, und irgendwann vernimmt man den Ruf „Lohengrin“, was der mittlerweile vor dem Opernhaus angekommene Chor als Aufforderung begreift.
Dann wird es chaotisch, man hat Mühe, dem Geschehen zu folgen. Wagner, nun ebenfalls am Opernhaus angekommen, fordert seine Jünger auf, die Grundsteine seines „Theaters der Zukunft“ zu legen, was zunächst von einigen auch befolgt wird, aber rasch in einen Aufstand mündet. Die plötzlich zu Wutjüngern mutierten schmeißen ihm Schilder und Kutten vor die Füße und rufen „Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden“.
Der Musikfürst flüchtet
Wagner flüchtet sich auf das Dach der Orpheus-Box und klagt, dass niemand seine Oper aufführen wollte, die er seit zwei Jahren fertig habe, was auf den Lohengrin passen würde – Wagner wurde in Sachsen noch steckbrieflich gesucht, als Liszt den Lohengrin 1850 in Weimar uraufführte. Gesungen werden dann „Steuermann, lass die Wacht“ aus dem „Fliegenden Holländer“ und anschließend der wohl berühmteste aller Wagnerchöre, „Freudig begrüßen wir die edle Halle“ aus „Tannhäuser“, zu dem sich der nun offenbar geläuterte Wagner vor dem Chor auf den Boden wirft. Zum Schluss verschwinden die Sänger im Opernhaus, um anschließend ein Banner mit der Aufschrift „Gemeinsam Kunst“ von der Empore herunterzulassen, was man wohl, ganz aktuell, als kollektiven Wunsch verstehen darf.
Das Ganze dauert ungefähr eine Stunde und hat erheblichen Unterhaltungswert, nicht zuletzt da man den von vielen Opernfreunden schmerzlich vermissten Opernchor wieder einmal in Aktion erleben darf und den Sängern dabei sogar näher sein kann als bei regulären Opernaufführungen. Was letztlich die Botschaft des Regisseurs sein soll, bleibt dagegen, sofern es eine gibt, einigermaßen nebulös.
Auch ein Revoluzzer ist, so könnte man über dieses Projekt vielleicht resümieren, selber nicht vor Aufständen gefeit. In der Weltgeschichte jedenfalls ließen sich dafür reichlich Belege finden.
Info: Weitere Aufführungen unter freiem Himmel am 15. und 16. Juli, jeweils um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, Voranmeldungen sind nicht nötig.