Die SWR Bigband wird 65 Das Team ist der Star

Von Thomas Staiber 

Ein starkes Ensemble: die SWR Big Band Foto: SWR
Ein starkes Ensemble: die SWR Big Band Foto: SWR

Ganz im Geiste ihres großen Gründers Erwin Lehn hat die SWR Bigband im Theaterhaus ihren 65. Geburtstag gefeiert. Seit dessen Rücktritt 1991 hat das Ensemble keinen festen Leiter mehr. „Das Team ist der Star – eine Mörderband“, sagt Manager Hans-Peter Zachary.

Stuttgart - „Eine Musik, die nicht swingt, ist nicht lebendig“ – das Credo ihres Gründers Erwin Lehn hielt die SWR Big Band hoch, als sie am Dienstagabend im Theaterhaus ihren 65. Geburtstag feiert. Die Bühne: verdunkelt. Ein Lichtstrahl fällt auf ein altes Grammofon. Eine Schellackplatte dreht sich, und aus dem Trichter ertönt knisternd die Originalaufnahme „Let’s Dance“ von Benny Goodmans, dem umschwärmten „King Of Swing“. Plötzlich erhellt sich die Szenerie, und die SWR Bigband legt los und spielt mit großer Strahlkraft die populäre Swing-Nummer weiter. Wuchtig, präzise und locker agiert das Jazzorchester unter der Leitung des ausgezeichneten Altsaxofonisten Klaus Graf, der mit Quincy Jones’ „Quintessence“ solistisch glänzt. Eine musikalische Institution im Südwesten wird 65. Die SWR Bigband ist zwar im Rentenalter angelangt, aber mit ihrem Klangkörper präsentiert sie sich durchtrainiert, aprilfrisch und quicklebendig.

Anfang April 1951 gab der Süddeutsche Rundfunk einem 32-jährigen Musiker den Auftrag, in Stuttgart ein Tanzorchester für Radiosendungen und öffentliche Auftritte zu formieren. Der Namen des Orchesterchefs kannte im Land bald jedes Kind: Erwin Lehn. Der machte sich mit klarem Kopf und unermüdlichem Eifer daran, Radio- und Musikgeschichte zu schreiben. Das Südfunktanzorchester, das zunächst im Gasthof Krone in Obertürkheim probte, spielte bald in den Shows von Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff oder Marika Rökk und war in über fünfzig Spielfilmen zu hören. Im Radio, das vor der Verbreitung des Fernsehens im Alltag der Menschen eine große Rolle spielte, hieß es mindestens einmal am Tag: „Meine Damen und Herren, hören Sie nun Erwin Lehn und sein Südfunktanzorchester.“

Das spielte beim legendären Funkball und auch beim Landespresseball, es begleitete Schlagerstars wie Freddy Quinn, Gerhard Wendland, Bully Bulhan oder Bibi Johns. Eine Menge Jazz in der Stimme hatten damals Roberto Blanco, Bill Ramsey und Catarina Valente . Über 9000 Tonaufnahmen und ebenso viele Arrangements in 17-facher handgeschriebener Notierung für jeden einzelnen Orchestermusiker lagern heute noch in den Funkarchiven. Ein Schatz.

Erwin Lehn hatte ein glückliches Händchen und holte die Besten nach Stuttgart:

Kulturgeschichte schrieb Lehn aber weniger mit gepflegter Unterhaltungsmusik, sondern mit Jazz, der Musik der Freiheit. Das war kurz nach der Nazizeit, als Jazz verfemt und Swingtanzen verboten war, eine Pioniertat. In Deutschland kompetente Jazzer zu finden war nicht selbstverständlich. Die meisten waren Autodidakten. Doch Erwin Lehn hatte ein glückliches Händchen und holte die Besten (oft aus Berlin) nach Stuttgart: Ernst Mosch, den Melodiker unter den Posaunisten – und späteren Egerländer Musikanten, dessen Erbe nun der aktuelle Posaunist Ernst Hutter angetreten hat – , den temperamentvoll attackierenden Trompeter Horst Fischer, den swingenden Bassisten Peter Witte, Power-Drummer Charlie Antolini, den Pianisten Horst Jankowski, den Saxofonisten und Arrangeur Bernd Rabe sowie viele andere, deren Namen in den Ohren älterer Jazzfreunde wohl klingen.

Neben der „Woche der leichten Musik“ von Wolfram Röhrig, Dieter Zimmer und Erwin Lehn wurde der „Treffpunkt Jazz“ im Alten Sendesaal der Villa Berg eingerichtet. Auf diesem Boden gedieh das zarte Pflänzlein Jazz prächtig. Und im AT, dem Jazzclub in der Stuttgarter Innenstadt, wurde nach der Disziplin fordernden Bigband-Arbeit nächtelang wild gejammt, bis die Wände wackelten. Die Gaststars dieser renommierten Rundfunkkapelle konnten sich hören und sehen lassen: Der coole Frauenschwarm Miles Davis kam mehrmals nach Stuttgart, ebenso Lester Young, Chick Corea, Toots Thielemans oder Chet Baker.

Erwin Lehn, der bescheiden auftretende „Gentleman des deutschen Jazz“, der aber mit harter Hand sein Orchester regierte, lud manche dieser Stars in sein helles Haus nach Stuttgart-Schönberg. Das hatte Paul Stohrer, der Architekt des Stuttgarter Rathauses, sinnigerweise nach dem Bild eines geöffneten Flügels entworfen. Drinnen bewirtete Frau Lydia die Gäste. Catarina Valente, Bibi Johns, die Patentante der Lehn-Tochter Georgia, oder Roberto Blanco ließen sich Linsen, Spätzle und Saitenwürstle schmecken. Blanco machte sich danach gern auf den Weg zum Weißenhof, um ein Tennisturnier anzuschauen.

Mit seinem Freund Blacky Fuchsberger schrieb Erwin Lehn die Hymne für die Stuttgarter Kickers

Erwin Lehn und Freund Blacky Fuchsberger bevorzugten nach einem Mittagsschläfchen den Fußball. Sie schlenderten durch den Degerlocher Wald zum Stadion der Stuttgarter Kickers. Das Lied „Blau und Weiß sind unsere Farben“ entstand nach dem Genuss einiger geistiger Verdauungsgetränke an Lehns Hausbar. Fuchsberger textete, Lehn komponierte – fertig war die Hymne. Bis zu seinem 90. Geburtstag am 8. Juni 2009 ließ es sich Lehn nicht nehmen, die Heimspiele der Blauen auf der Haupttribüne zu verfolgen. Einen Monat später dirigierte er beim Festival Jazzopen 2009 nach 20 Jahren Ruhestand zum letzten Mal seine geliebte Bigband: „Strike Up The Band“. Ein für alle Zuschauer bewegender Moment. Am 20. März 2010 starb der gebürtige Pfälzer Erwin Lehn in seiner Wahlheimat Stuttgart.

Vier Grammy-Nominierungen in Hollywood kann die SWR-Bigband vorweisen. Nach Lehns Abschied 1991 hat sie keinen festen Leiter mehr. „Das Team ist der Star, eine Mörderband“, sagt Manager Hans-Peter Zachary. Den Taktstock schwingen außer Pianist Klaus Wagenleiter internationale Größen wie Sammy Nestico. Die Projekte reichen von Bebop bis Hiphop, von Soul-Jazz und Fusion bis hin zu südafrikanischen Tunes. Gaststars sind Vokalisten wie die Brasilianerin Paula Morelenbaum, der Brite Paul Carrack oder die fließend Deutsch sprechende Amerikanerin Helen Schneider. Heute gilt es – nach einer gewissen Phase der Behäbigkeit deutscher Jazzorchester – wieder ausgesprochen „cool“, mit der SWR Bigband aufzutreten. Die junge Schweizer Sängerin Stefanie Heinzmann hat jüngst angeklopft, und viele renommierte Musiker wie Pat Metheny, Roy Hargrove oder Joo Kraus reagieren ausgesprochen erfreut, wenn sie angefragt werden.

Beim Geburtstagskonzert im Theaterhaus nimmt die SWR Big Band ihr Publikum mit auf eine Reise in die 1930-er und 1940-er Jahre, in eine Epoche, als Jazz für junge Leute die mitreißendste Musik der Welt war, als in den Ballrooms von New York und Los Angeles die besten Bigbands spielten und getanzt wurde wie wild. Schwungvolle Tanzpaare aus Schweden führen im Theaterhaus den Lindy Hop vor, einen rasanten Vorläufer des Boogie-Woogie, während die makellos intonierende Jazzsängerin Fola Dada einfühlsam Songs von Sarah Vaughan und Billie Holiday interpretiert, „Honeysuckle Rose“, „Love Me Or Leave Me“ und auch „Strange Fruit“, das traurige Lied über Lynchmorde in den Südstaaten. Posaunist Ernst Hutter spielt ein butterweiches Solo bei „I’m Getting Sentimental Over You“, die Band lässt den „A-Train“ vorbeidonnern, und Hits wie „Sing Sing Sing“ und „Feeling Good“ reißen das Publikum mit, das sich tatsächlich gut fühlt und begeistert mitgeht. Nach einer temporeichen Jazzrevue verabschieden sich mit Ellingtons süßem Jazzstandard „In A Sentimental Mood“ Moderator Frank Stöckle und die 17-köpfige SWR Big Band, „der Daimler unter den Jazzorchestern“, auf das man hierzulande stolz sein kann.

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