Foto: Kraufmann

Es ist der Morgen nach Münte. Der SPD-Chef Franz Müntefering, der eine Bruchlandung überlebt und danach unbeeindruckt eine zündende Wahlkampfrede auf der Feuerbacher Kirbe gehalten hat, beherrscht die Schlagzeilen im Boulevard.

Stuttgart - Es ist der Morgen nach Münte. Der SPD-Chef Franz Müntefering, der eine Bruchlandung überlebt und danach unbeeindruckt eine zündende Wahlkampfrede auf der Feuerbacher Kirbe gehalten hat, beherrscht die Schlagzeilen im Boulevard. Es ist 5.30 Uhr. Am Bahnhof Feuerbach hasten die Schaffer von Bosch vorbei, mittendrin leuchtet der rote Haarschopf von Ute Kumpf. Anpacken für unser Land, steht auf ihren Handzetteln. Ein Arbeiter klopft der SPD-Abgeordneten im Vorbeigehen auf die Schulter. „Münte muss Kanzler werden.“ Einige Männer nicken, dann eilen sie weiter.

"Eigentlich müsste ich hier die ,Bild'-Zeitung verteilen", sagt Ute Kumpf. Endlich mal positive Schlagzeilen. Gestern hieß es noch: Yes, we gähn! Heute dominiert Münte, der Held. Souverän hilft er vor dem rauchenden Flugzeugwrack einer Frau von der Notrutsche. Ein Sozialdemokrat alter Schule: edel, hilfreich und cool. So wird ein Unglück zum Glücksfall im Wahlkampf.

9.30 Uhr, Wochenmarkt in Weilimdorf. Hier eilt niemand zur Stechuhr, hier haben die Menschen Zeit. Zeit auch für ein Schwätzchen mit der Ute. Unverkrampft ist sie, glaubwürdig kommt sie rüber. "Sie kann halt mit de Leut", lobt ein Mann. Kein Wunder: Ute Kumpf, 62, geboren in Lenting bei Ingolstadt, hat einst in der elterlichen Gaststätte Bier ausgeschenkt. Seither kann sie nicht nur mit Stammtischgeschwätz souverän umgehen, sondern auch den Anhängern des politischen Gegners ein freundliches Gesicht zeigen.

Einschulung, Afghanistan, Milchpreis, Stuttgart 21, Kinderbetreuung, Mindestlohn, Bildungschancen, Mobilfunkstrahlung. Das Themenbündel der Fragen ist ähnlich reich bestückt wie der Rosenstrauß in Ute Kumpfs Körbchen. 60 Blumen wechseln in 90 Minuten den Besitzer, jeder der Beschenkten nimmt außerdem ein persönliches Wort und ein Lächeln mit.

"Die Akzeptanz ist groß", sagt Ute Kumpf. "Ob es sich allerdings bei den Stimmen auswirkt?" Die Abgeordnete, die dreimal hintereinander das Direktmandat erobert hat, glaubt, dass bei der Wahl auch andere Faktoren mitspielen. "Ich habe vier Jahre für den Wahlkreis geackert und mich ständig hier sehen lassen", sagt sie, "ich hoffe, das zahlt sich aus."

Andere Wahlkampfaktionen von Ute Kumpf geschehen eher im Verborgenen und von den Medien kaum registriert. Im Altersheim hat sie gearbeitet, im Weinberg Reben geschnitten. "Es geht mir darum, was die Menschen direkt bewegt."

Bei einem Glas- und Gebäudereiniger, der Mitarbeiter aus 26 Nationen beschäftigt, hat sie ein Praktikum gemacht. "Ich musste den Boden im Weißen Saal im Neuen Schloss polieren."

Und was hat sie dabei außer über den Mindestlohn, die Entsenderichtlinien und die Schwarzarbeit noch gelernt? "An der Decke des Weißen Saals hängen jede Menge Spinnweben."

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