Heute will niemand mehr alt sein, weder die SPD noch der gemeine Stuttgarter. Aber wehe eine 58-Jährige will cool sein und fotografiert ihre bunten Sneaker.
Stuttgart - Sage keiner, es interessiere sich niemand mehr für Mode oder die Sozialdemokratie. Bevor Saskia Esken letztens zum SPD-Parteitag in einer Berliner Messehalle aufbricht, um dort zur Co-Vorsitzenden gewählt zu werden, kramt sie ihr Smartphone hervor und macht ein Foto von ihren Füßen. Wäre Willy Brandt 1964 vor seiner anstehenden Wahl zum SPD-Vorsitzenden auf eine ähnliche Idee gekommen, Herbert Wehner hätte wahrscheinlich sofort einen Notarzt gerufen.
Sixpack-Show am Josef-Hirn-Platz
Doch heute ist das Fotografieren der eigenen Füße oder anderer aufregender Körperteile selbst in der SPD oder auf der Stuttgarter Königstraße ein alltäglicher Vorgang. Wer samstagabends am Josef-Hirn-Platz vorbeischlendert und das närrische Treiben beobachtet, wundert sich nicht, wenn zwei Jungs einfach so ihre Pullover lüpfen, um ihre Sixpacks oder eine Ahnung davon abzulichten und in die Welt zu posten.
Bunte Sneakers
Und diese Auskunftsfreude ist möglicherweise auch gut so. Spaß muss sein. Auf Saskia Eskens Foto etwa erkennt man rote Hosenbeine, anthrazitfarbene Fliesen und ausgesprochen buntgescheckte Sneakers, vulgo: Turnschuhe. Ein mindestens vieldeutiges, wenn nicht für die Überlebenschancen der SPD symptomatisches Motiv. Die 58-Jährige postet das Bild auf dem Kurznachrichtendienst Twitter samt folgendem Kommentar: „Als ich die in San Francisco gekauft habe, hätte ich nicht gedacht, wo sie mich hintragen.“
Dekadente Shopper
Keine gute Idee. Der Shitstorm in den sozialen Medien lässt nicht lange auf sich warten. Die SPD hat nun neben der Groko-Unverträglichkeit auch ein lästiges Fußproblem. Saskia Eskens zahlreiche Kritiker werfen ihr Scheinheiligkeit vor, tagelang empört man sich über ihre angeblich schlechte Ökobilanz und das dekadente Shoppingverhalten. Ein User formuliert es so: „Ich bin extrem neugierig, was @EskenSaskia den Bürgern demnächst als Nachbesserung am #Klimapaket nahebringen wird, die San Francisco zeitlebens nur aus dem Fernsehen kennen und sich dort keine #theseBoots kaufen. Auf den Fernseher verzichten, wahrscheinlich.“
Alles falsch
Wie man’s macht, macht man’s falsch. Und macht man’s falsch, ist’s auch nicht richtig. Vielleicht wäre das ein gutes Motto für den nächsten Parteitag der SPD. Und für all die etwas älteren Menschen, die im Urlaub shoppen gehen und hernach ihre Füße fotografieren, wie dieses twitternde Tugendvolk von Junggebliebenen, das selbstredend im Gegensatz zur SPD-Vorsitzenden eine makellose Ökobilanz vorzuweisen hat.
Baumfällerhemd mit 80
Gut möglich, dass es nur scheinbar ums Klima geht. Seit Menschengedenken ist es in Mode, sich jünger zu geben, als man in Wirklichkeit ist. Und nicht selten blamiert man sich damit. Heute kleiden sich 70-Jährige wie ihre Enkelinnen, sie tragen keine Strümpfe zu Gummischlappen und riskieren Blasenentzündungen. Plötzlich trägt der eigene Vater mit über 80 ein Baumfällerhemd über der Jeans. Oder man begegnet einem altersrenitenten Bekannten, der auch schon die 50er-Marke gerissen hat und wie damals vor dreißig Jahren auf dem Kleinen Schlossplatz mit dem Skateboard und einer ins Gesicht gerutschten zu großen Wollmütze lärmend Tauben und Touristen verscheucht. Herrje.
Niemand will altern
War die Jugend einstmals eine Phase, die mit 20 endete, ist sie heute oft mit 30 noch in vollem Gange. Nicht selten hört die Pubertät erst nach dem ersten Bandscheibenvorfall auf. Niemand will mehr alt sein, auch die Turnschuh tragende SPD-Chefin Saskia Esken nicht. Es regiert die Altersscham. Übrigens trägt auch Eskens Vize Kevin Kühnert auf Parteitagen Sneaker von Adidas, die vermutlich in Asien mit einer miesen Ökobilanz zusammengeklebt wurden. Aber da regt sich niemand auf. Der Mann ist ja auch erst 30. Im Grunde ein halbes Kind.