Silea führt eine eindrucksvolle Schrecknummer vor: das angeblich scheiternde Verspeisen von Rasierklingen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im Friedrichsbau beweist die Show „Circus Circus“, dass Manegenfaszination keine Wildtiere braucht. Erstklassige Artisten bieten einen Mix aus Nervenkitzel, Humor und Freakshow.

Stuttgart - Während der Circus Krone die Stuttgarter Stadträte noch dazu bewegen will, das Wildtierverbot zu überdenken, weiß am Pragsattel eine Show ganz ohne animalische Hilfe zu beeindrucken. Die Rede ist vom Friedrichsbau-Varieté: Dort feierte „Circus Circus“, die neue Regiearbeit von Ralph Sun, am Freitag Premiere. Die Rolle des Conférenciers übernimmt der Weißclown Merlin, dessen Konterfei auch auf den Plakaten in der Innenstadt zu bestaunen ist. Für den Auftakt sorgt indes Olga Golubeva: An einer beweglichen Straßenlaterne schwingt sich die Russin empor, wirbelt herum und lässt sich in die Höhe ziehen.

Die „Circus Follies“ evozieren, der Name verrät es, klassische Zirkusatmosphäre. Das Duo, bestehend aus Jacopo Candeloro und Flor Luludì, beherrscht sämtliche Manegenkünste: Auf einem mannshohen Einrad kreiselt etwa Luludì umher und trifft auf Candeloro, der mit den Füßen auf einem Medizinball balanciert. Die Keulen werfen sie sich dabei gegenseitig lässig zu.

Piccolos und Rasierklingen

Die Inszenierung wiegt ab zwischen leisen Tönen und Freakshow-Highlights. Die vielseitige Künstlerin Silea kann mit französischem Akzent amüsieren, wenn sie ihren Hang zum Alkoholkonsum andeutet und kurz danach einbeinig auf einem Piccolöchen steht. Später beschert sie den dramaturgischen Höhepunkt des Abends. Rasierklingen schiebt sie sich wie Chips zwischen die Lefzen, aus denen kurz darauf Blut auf ihr weißes Kleid tropft. Bei der Premierenfeier im Anschluss wirkte sie aber unversehrt.

Ähnlich irre agiert auch die Australierin namens Lucky Hell. Von Kopf bis Fuß tätowiert, stellt sie ihren Körper freilich gerne zur Schau. Das Faszinierendste ist jedoch nicht sichtbar, passiert im Innern der bepinselten Hülle: Die Frau schluckt Schwerter, die beinahe so lang wie ihre Beine sind. Schon beim Zusehen kratzt es im Hals.

Hervorragende Artisten gibt’s in „Circus Circus“ neben diesen Sonderlingen auch. „Tito & Du“, zwei Könner aus Spanien und Brasilien, beherrschen ihr Handwerk so gut, dass sie ganz nebenbei auch Slapstick-Nummern einbauen. Schleudert der eine den anderen zum Salto Mortale in die Luft, findet der noch Zeit, dem Partner die Hose von den Hüften zu reißen. Schreckensjapser und Erleichterungslacher im fliegenden Wechsel.

Sturz in die Käseplatte

Dass der Nervenkitzel Facettenreichtum kennt, beweist die französische Equilibristin Nanou. Auf einer wackligen, etwa zweieinhalb Meter hohen Konstruktion geht sie in den Handstand. Allein: Das passiert zwischen den Reihen, also mitten im Publikum. Die Angst, sie könnte einem direktemang in die Käseplatte krachen, ist womöglich noch gewaltiger als die Sorge um ihre klingenverzehrenden Kolleginnen.

Den schönen, melancholischen Schlusspunkt setzt Merlin. Nach vielen atemraubenden Momenten seiner Kollegen wischt er die Lichter still von der Bühne. Vielleicht muss der Zirkus der Zukunft ja gar keine Wildkatzen durchs Feuer jagen. Beim menschgemachten Spektakel im Friedrichsbau-Varieté vermisst man derlei Getier jedenfalls nicht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: