Kommt die letzte Mahnung, ist das schnell bei Wirtschaftsauskunfteien vermerkt. Auch immer mehr Stuttgarter haben Probleme, ihre Rechnungen zu bezahlen. Foto: factum

Der Anteil von überschuldeten Menschen liegt in der Landeshauptstadt deutlich über dem Landesdurchschnitt. Mehr als ein Drittel aller Alleinerziehenden hat nach den neuesten Zahlen massive Finanzprobleme.

Stuttgart - Immer mehr Menschen in Stuttgart haben Schuldenprobleme. Die Schuldnerquote in Stuttgart steigt zwar nur langsam, aber kontinuierlich. Nach den neuesten Erhebungen der Unternehmensgruppe Creditreform, die Wolfgang Schrankenmüller von der Zentralen Schuldnerberatung im Bezirksbeirat Stuttgart-Ost vorgestellt hat, ist etwa jeder neunte Einwohner der Landeshauptstadt überschuldet. Das sind insgesamt mehr als 53 555 Menschen, was einer Schuldnerquote von 10,72 Prozent entspricht. Als überschuldet gilt jemand, der entweder massive Probleme hat, seine Rechnungen zu bezahlen, oder es gar nicht mehr kann und Gefahr läuft, Privatinsolvenz anmelden zu müssen. Von der Schuldenproblematik sind vor allem Alleinerziehende betroffen. Jeder Dritte ist demnach überschuldet, die Quote liegt bei mehr als 38 Prozent.

Im Bundesvergleich gehört Stuttgart nicht zu den am höchsten verschuldeten Großstädten. Spitzenreiter in dieser Rangliste ist Duisburg mit einer Quote von 15,36 Prozent, auf dem zehnten Platz liegt die Hansestadt Hamburg mit 10,92 Prozent. Allerdings liegt die Landeshauptstadt mit ihrer Quote deutlich über dem Landes- (7,87 Prozent) und Bundesdurchschnitt (9,81 Prozent).

Große Unterschiede zwischen den Stadtbezirken

Innerhalb der Landeshauptstadt gibt es gewaltige Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtbezirken. So sind beispielsweise in den Innenstadtbezirken relativ viele Menschen verschuldet. Im Stuttgarter Westen ist es nach den neuesten Zahlen bei einer Quote von 18,3 Prozent etwa jeder sechste Einwohner, in Stuttgart-Mitte sind es 17,7 Prozent, im Osten 13,5 Prozent. In Degerloch dagegen liegt die Schuldnerquote bei nur 6,11 Prozent.

Auch in den Stadtbezirken sind die Unterschiede je nach Wohngegend groß. Im Stadtbezirk Stuttgart-Ost beispielsweise sind die Einwohner im Postleitzahlenbereich 70190, zu dem die Stadtteile Stöckach und Berg und auch das Quartier Raitelsberg gehören, am höchsten verschuldet. Dort lag die Quote im vergangenen Jahr bei 15,55 Prozent, 2011 waren es noch 14,26 Prozent. Im Postleitzahlenbereich 70186 (Gablenberg, Gaisburg) stieg die Quote von 10,25 Prozent im Jahr 2011 auf jetzt 11,49 Prozent.

Die Stadt selbst hat keine Zahlen zur Überschuldung

Auch in den Stuttgarter Halbhöhenlagen liegt der Anteil an überschuldeten Menschen nach Angaben von Schrankenmüller über dem Landesdurchschnitt. Im Postleitzahlengebiet 70184 mit den Stadtteilen Gänsheide, Frauenkopf und Bopser hatte im vergangenen Jahr nach diesen Erhebungen etwa jeder elfte Einwohner Zahlungsprobleme (Quote 9,45 Prozent).

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat selbst keine Zahlen zur Überschuldung ihrer Einwohner, sondern ist dabei auf Dritte angewiesen. Die Zahlen stammen von Unternehmen wie Creditreform oder Schufa, die Auskunfteien sind und eng mit zahlreichen Unternehmen zusammenarbeiten. Die Schufa-Auskünfte beispielsweise basieren auf „rund 655 Informationen zu etwa 66,2 Millionen Menschen – das sind fast alle voll geschäftsfähigen Bürger in Deutschland“ heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Diese Informationen bekommen die Auskunfteien zum Beispiel dadurch, dass Unternehmen ihnen die Daten von Kunden übermitteln, die mit der Bezahlung ihrer Rechnungen in Verzug sind. Allerdings legen die Unternehmen nicht offen, wie etwa die Kreditwürdigkeit eines Menschen berechnet wird. Das zählt zu den Geschäftsgeheimnissen – und muss auch nicht offengelegt werden, wie der Bundesgerichtshof erst vor wenigen Tagen entschieden hat.

Ehrenamtliche Finanzpaten an den Schulen

Auch die Bezirksbeiräte von Stuttgart-Ost hätten gerne mehr über die Datenerhebung der Auskunfteien gewusst. Die vielen kleinen Einzelhändler oder Selbstständige beispielsweise würden nicht mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten, sondern regelten Fälle von Zahlungsschwierigkeiten oder –verzug direkt mit ihren Kunden, sagte Jörg Trüdinger, der Sprecher der SPD-Bezirksbeiratsfraktion und Miteigentümer des großen Trödelladens Such & Find im Stuttgarter-Süden ist.

Die Schuldnerberatung kann nach Angaben von Wolfgang Schrankenmüller den Andrang von Ratsuchenden kaum noch bewältigen: „Wir haben 14 Beraterstellen, es gibt aber trotzdem Wartelisten.“ Um schon frühzeitig etwas gegen eine mögliche Überschuldung vor allem von Jugendlichen zu tun, bietet die Zentrale Schuldnerberatung Stuttgart, die unter anderem vom Caritasverband und der Evangelischen Gesellschaft getragen wird, seit etwa einem Jahr das Projekt Ehrenamtliche Finanzpaten an Stuttgarter Schulen an. Sie betreuen jeweils eine Schule, bieten ergänzende Unterrichtseinheiten zu bestehenden Lehrinhalten an und stehen Schülern, Eltern und Lehrern als Berater zum Thema Verschuldung zur Verfügung. In Stuttgart-Ost gibt es solche Finanzpaten beispielsweise für die Cotta-Schule und die Raichberg-Realschule, in Kürze auch für die Ameisenbergschule. Das Projekt wird von Creditreform finanziell unterstützt.

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