Schildkröten können viel wegstecken, die Folgen von falscher Haltung und Ernährung sieht man ihnen aber an. Christin Kern kümmert sich – mitten im Weilimdorfer Wohngebiet – um Notfälle, die es besonders hart erwischt hat.
Stuttgart - Man muss kein Psychologe sein, um zu sehen: Goliath bräuchte dringend eine Therapie. Er ist bissig. Kein Schuh ist vor ihm sicher. Sobald sich etwas bewegt, beißt er zu – und zwar kräftig. Aber Goliath hat Glück. Er ist eine Breitrandschildkröte. Und Christin Kern hat ein sehr großes Herz für Schildkröten, ob sie nun schön sind oder nicht, krank, quietschfidel oder psychisch auffällig. Weil Christin Kern es gut mit dem bissigen Goliath meint, hat sie ihm eine liebevoll dekorierte Erlebnislandschaft eingerichtet. Wenn sie das Futter serviert, muss sie allerdings schnell sein. Sonst wäre der Zeh weg.
„Goliath ist fehlgeprägt“, sagt Christin Kern. Sie muss es wissen, kaum jemand kennt sich vermutlich so gut mit Schildkröten aus wie sie. An die siebzig Tiere leben derzeit in den Gehegen rund um das Einfamilienhaus der Familie Kern in Weilimdorf. Im Vorgarten wuseln die kleinen Griechen, im Gewächshaus wohnen die stattlichen afrikanischen Exemplare. Die Garage hat Christin Kern in einen Dschungel verwandelt für ihre südamerikanischen Bewohner, die es gern warm, feucht, waldig, moosig haben. Auch hinterm Haus befinden sich statt Garten mehrere Gehege, während die Familie sich mit der Terrasse begnügt. „Das muss man wollen“, sagt Christin Kern. Sie will.
Geplant war es nicht, es hat sich aber so ergeben, dass Christin Kern seit mehr als zehn Jahren eine Auffangstation für Schildkröten betreibt. Sie besaß schon als Dreijährige eine griechische Landschildkröte, wobei man hierzulande eigentliche alle Schildkröten für griechische Landschildkröten hält.
Dabei gibt es so viele unterschiedliche Sorten, maurische und russische Landschildkröten oder die hübsch gemusterten indischen Sternschildkröten. „Das wird immer in einen Topf geworfen“, sagt Christin Kern. Was fatal ist, denn die Tiere müssten ihren Lebensräumen entsprechend gehalten werden.
Xaver ist 90 Jahre alt
Um zu wissen, was ihre Bewohner benötigen, hat Christin Kern Klimadaten studiert, sich über Bodenbeschaffenheit und Vegetation informiert. Inzwischen weiß sie sehr genau, was die Tiere fressen sollten – und vor allem, was nicht. Wenn bei ihr wieder eine Schildkröte mit verdicktem Panzer eingeliefert wird, kann sie sicher sein: Das Tier hat auf einer Fußbodenheizung gelebt. Wenn sich Schildkröten kaum bewegen, wurden sie vermutlich mit Erdbeeren, Tomaten oder Bananen gefüttert, die ihnen die Energie rauben.
Zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren wurden hunderttausende Schildkröten nach Deutschland geholt. Schildkröten sind hart im Nehmen und können selbst bei schlechter Haltung sehr alt werden: Xaver, der Senior im Hause Kern, muss an die 90 Jahre alt sein. Da aber bis heute Tiere nachkommen, steigt die Zahl unaufhörlich. In Hochzeiten rufen bei Christin Kern täglich bis zu acht Halter an, die ihre Tiere loswerden wollen. Oft seien sie verzweifelt, erzählt Kern. Sie kann aber nur noch Notfälle aufnehmen – Tiere, die der Zoll beschlagnahmt hat, weil sie unter verheerenden Bedingungen gehalten wurden. Die arme Paula zum Beispiel wurde schwer verletzt in einem Wildtiergehege gefunden. Ein Wildschwein hat ihr das Hinterteil abgebissen, deshalb kann sie nur schwer laufen.
So fröhlich Xaver und Mogli heute durch die Gegend marschieren, Schildi und Kröte, Socke und Brezel, die meisten Tiere kamen in schlechtem Zustand bei Kern an. „Sie bringen viele Probleme mit“, erzählt sie, seien oft verwirrt, liefen wenig und versteckten sich – vor allem jene, die von Kindern viel durch die Gegend getragen wurden oder in Terrarien saßen, ohne sich schützen zu können.
Die Weilimdorfer Dschungelgarage
Schaut man die Tiere an, erkennt man die vielen Deformationen, die falsche Haltung und Ernährung verursacht haben. Die Panzer haben Dellen, sind zu stark gewölbt oder auch zu flach, so dass die Organe schmerzhaft gequetscht werden. Mogli hat jahrelang in einem Becken mit Katzenstreu gelebt, bei der armen Kugelraupe ist der Panzer zu kurz, wie gestaucht. Sie saß bei Christin Kern die ersten eineinhalb Jahre nur in der Ecke, dann fing sie allmählich wieder an zu laufen. Als sie nach fünf Jahren Eier legte, wusste Christin Kern: Es geht ihr besser.
„Ich bin keine aggressive Tierschützerin“, sagt Christin Kern. Aber sie sagt doch sehr deutlich: „Wenn die Tiere Schmerzlaute hätten, wäre es sehr laut in unseren Straßen.“ Das versucht sie zu ändern – „auf meine Art“. Und die meint: aufklären, sensibilisieren, bewusst machen. Deshalb bietet Kern regelmäßig Führungen an und gibt Handreichungen, wie man ein Gehege baut. Sie gibt einen Newsletter heraus und macht einen jährlichen Schildkrötentag mit Expertenvorträgen. Die vielen Urkunden für ihr Engagement hängen zwischen den üppig wuchernden Pflanzen des tropischen Garagendschungels in Weilimdorf.
So ist aus der Leidenschaft längst ein hochprofessionelles Unternehmen geworden, wenn auch ein ehrenamtliches, für das die selbstständige Kauffrau ihren Beruf aufgegeben hat. Es kostet viel Zeit, die Gehege zu reinigen, die Tiere zu füttern, zu fühlen, ob sich jemand kalt anfühlt und also angeschlagen ist. Einige Kandidaten setzt Kern immer wieder bewusst in die Sonne, damit sie „Vitamin D synthetisieren“, wie sie erklärt. Nur die weichen Teile reagieren auf Sonnenlicht, deshalb strecken die kleinen Patienten brav Kopf und Gliedmaßen weit aus dem Panzer heraus.
Mr. Big kann einem die Finger brechen
Wenn mal keine Schulklasse an die Tür klopft und auch kein Tier zum Arzt gefahren werden muss, dann kann man sicher sein, dass Christin Kern ihren Schildkrötenerlebnispark weiterentwickelt, den sie weitgehend selbst gebaut hat. Sie hat tief in die Erde gegraben, Hasendraht gegen die Fressfeinde von unten verlegt und ein Quartier für den Winterschlaf eingerichtet.
Hier hat sie Heizstrahler und Wärmelampen montiert, dort Schattenplätze eingerichtet, damit die Tiere keinen Hitzschlag erleiden. Sie hat aber auch Lavendel und Zierahorn gepflanzt und reichlich Dekoration arrangiert – rostige Hufeisen, alte Amphoren, Buddhas und natürlich Schildkröten aus Stein.
Im Vorgarten der Nachbarn wächst seit Kurzem auch eine Futterwiese, weil Schildkröten keineswegs immer nur Obst und Gemüse fressen sollten, wie es Generationen von Haltern glaubten. Sie bekommen bei Kern Disteln, Wegwarte, Huflattich oder Vogelmiere, die allesamt sehr faserig sind. Mehr benötigen die Tiere für einen gesunden Stoffwechsel nicht. Und so hat Mr. Big schon stattlich zugelegt. Die Spornschildkröte wiegt bereits 16 Kilo. Wenn er ausgewachsen ist, wird Mr. Big an die 100 Kilo auf die Waage bringen. Er war in seiner Entwicklung deutlich verzögert, als er einzog. Jetzt habe er schon „Bärenkräfte“, erzählt Kern nicht ohne Stolz. „Er kann einem den Finger brechen.“
Szabo, der Kavalier alter Schule
Wie nebenbei räumt Christin Kern bei ihren Besuchern mit dem Mythos auf, dass Schildkröten langsam oder gar langweilig sein könnten. Im Gegenteil: Sie sind sehr flink, können klettern, graben und sogar Zäune erklimmen, auch wenn das oft verhängnisvoll endet, weil sie sich im Draht verfangen oder auf der anderen Seite kopfüber auf den Boden stürzen. Schildkröten haben auch sehr unterschiedliche Charaktere, können forsch oder zurückhaltend sein. Deshalb nervt Pünktchen häufiger seine Mitbewohner, während Szabo ein „Kavalier alter Schule“ ist.
Christin Kern sagt: „Schildkröten gehören zu den am meisten unterschätzten Tieren.“ Nur eins kann man mit ihnen nicht: kuscheln. Dafür hat sie ihre Hunde – und natürlich ihren Mann. Was sagt der zur kriechenden Großfamilie? Ach, meint Kern, er sei schon sehr stolz auf das, was sie aufgebaut habe.