Kinder suchen mit Vergnügen und großem Eifer nach Ammoniten und Katzengold – wie hier vor einigen Jahren auf dem Geoparkfest. Foto: Gemeinde Bad Boll

Hauptsache draußen: in Bad Boll ist gut Steine Klopfen. Und das Gestein wird medizinisch eingesetzt.

Bad Boll - Der Schiefer in Bad Boll (Kreis Göppingen) hat es in sich. Der ganze Ort ist mehr oder weniger auf der grauschwarzen Gesteinsschicht gebaut. Sie ist reich an Fossilien und ölhaltig – zwei gute Gründe, das vor 180 Millionen Jahren entstandene Gestein abzubauen. Im Boller Jurafango-Werk wird das im großen und im kleinen Stil gemacht – seit mittlerweile mehr als 80 Jahren. Dabei ist die kleine Schiefergrube am südwestlichen Ortsrand immer noch ein Geheimtipp, vor allem für Familien. Ab und an öffnet die Grube für Fossilienjäger ihre Tore, beispielsweise am Freitag zum Fossilientag.

Große Funde seien kaum zu erwarten, beteuern Reinhold Schön und Nicola Bühler, die Betreiber der Firma Dr. Heberer Naturheilmittel. Pyrit, das glitzernde Katzengold, findet sich jedoch zum Vergnügen der Kinder auf Schritt und Tritt, und auch bei der Suche nach versteinerten Schnecken, Muscheln oder Tintenfischen muss kaum Geduld aufgebracht werden. Auf nahezu jedem Gesteinsbröckchen zeichnen sich Fossilien ab, und mit etwas Ausdauer stoßen Sammler auch auf Fischschuppen, Lilien oder Saurierreste. Größere Funde müssten allerdings doch gemeldet werden. Gänzlich ausgeschlossen ist das nicht, denn schließlich ist Bad Boll einer der Geburtsorte der Paläontologie.

In den 1920er Jahren kam die Heilerde groß in Mode

Mit dem Bau des Boller Kurbads hatte Ende des 16. Jahrhunderts auch das Sammeln von Fossilien begonnen. Johannes Bauhinus, der im Sommer 1596 auf Geheiß des württembergischen Herzogs die Schwefelquelle von Bad Boll erkunden sollte, untersuchte und katalogisierte nebenbei auch als einer der ersten die Versteinerungen der Umgebung. Viele Fossilien aus dem Posidonienschiefer tragen daher die lateinische Zusatzbezeichnung bollensis, wie Ptycholepis bollensis, ein Fisch aus dem Jurameer.

Besonders häufig gefunden wird im versteinerten Schlick des urzeitlichen Jurameers allerdings eine kleine Muschel, die fälschlicherweise der Familie der Posidoniiden zugeordnet war und dem Gestein seinen Namen gab.

Das Kurhaus und die Boller Fossilien – bis heute dauert die enge Verbindung beider an. Denn die Schiefergrube birgt vor allem eines: neben Schwefel und Thermalwasser das dritte Heilmittel des Kurorts, den Jurafango. Dieser wird seit den dreißiger Jahren im größeren Stil produziert. Die Heilerde trat zu Beginn der 1920er Jahre ihren Siegeszug von Italien aus an. Touristen, die die Abano-Therme in Italien besucht hatten, berichteten von der neuen Mode in der Kur, auf Italienisch Fango (was zunächst schlicht nur Schlamm bedeutet). Allerdings handelt es sich dabei in der Regel um Heilerde vulkanischen Ursprungs, die schon die Römer in der Antike zu schätzen wussten. In Boll wollte man dem nicht nachstehen. Zunächst nutzte man den Schwefelsand aus den Thermalquellen, bald aber auch die Schiefersteinbrüche. Denn auch der Jurafango besitzt heilende Inhaltsstoffe wie das Ichthyol, die auch in schwarzen Zugsalben ihr Werk tun, oder eben die Gabe, Wärme zu speichern.

Der ölhaltige Schiefer muss lange austrocknen

Die Verarbeitung von der Schieferplatte bis zur Fangopackung ist jedoch eher eine grobe Sache. Ab und an karrt ein Bagger im Fango-Werk schaufelweise Gesteinsplatten in die Halle auf dem Gelände. Dort muss der ölhaltige Schiefer austrocknen. Das Steinöl ist dabei nicht ganz pflegeleicht und auch nicht ungefährlich. Es gab Zeiten, da brannte der Schiefer unter der Erde: ein heißes Feuer, das mit Wasser nicht zu löschen ist. So soll Schiefer mit einem Ölgehalt von bis zu 4,5 Prozent vor rund 70 Jahren in einem Steinbruch bei Holzmaden (Kreis Esslingen) gleich eineinhalb Jahre lang gebrannt haben; bei Bad Boll soll Ende des 17. Jahrhunderts das Feuer einer zehn Meter mächtigen Schieferschicht erst nach sechs Jahren eingedämmt worden sein.

Im Fango-Werk wird der Schiefer allerdings aus einem anderen Grund vor der Weiterverarbeitung getrocknet: Er würde sonst die Mühle verkleben, in der das Material zu einem feinen Pulver zermahlen wird. Anschließend wird das Pulver in handliche Baumwollsäckchen abgefüllt, von Hand, wie Reinhold Schön und seine Nichte Nicola Bühler von Dr. Heberer Naturheilmittel gerne demonstrieren.

Die im Gestein enthaltenen Mineralien und Öle helfen sowohl bei degenerativen Erkrankungen wie Arthrose als auch bei Entzündungen. Sie gelten als lindernd bei rheumatischen Beschwerden, Gallenleiden und Koliken, Verstauchungen, Verrenkungen oder Abszessen.

Das neuste Jurafango-Produkt aus dem Bad Boller Schieferbruch ist übrigens eine Handwaschsalbe, die pflegt und heilt – und womöglich ganz nebenbei noch die Hände, nach einem langen Klopftag auf Fossilienjagd, reinigt.

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