Helena Bonham Carter spielt in „Eleanor & Colette“ eine psychisch kranke Frau. Ganz normale und biedere Figuren hat sie lange schon hinter sich gelassen. Foto: Elsani Film

Die extravagante britische Schauspielerin Helena Bonham Carter erfindet sich gerade zum dritten Mal neu: Im Kinoneustart „Eleanor & Colette“ spielt sie eine streitbare psychisch Kranke. Wir blicken zurück auf ihre ungewöhnliche Karriere.

Stuttgart - Auf einem bunt gemusterten Sofa thront eine Frau mit Wuschelkopf und wunden Beinen. Sie lächelt stolz in die Kamera. Eleanor Riese hat sich gerade eine neue Wohnzimmergarnitur ­gekauft – als Belohnung dafür, dass sie vor Gericht erreichen konnte, dass psychisch kranke Patienten nur noch Medikamente bekommen, zu denen sie vorher ausdrücklich Ja gesagt haben. Jahrelang wurde die schizophrene Britin in einem Krankenhaus nämlich selbst falsch behandelt – und das gegen ihren Willen. Doch die geplagte, zerfurchte Frau, die in Bille Augusts aktuellem Filmdrama „Eleanor & Colette“ auf dem Sofa sitzt, hat nun ein ganz neues Gesicht: das einer Ikone.

Man muss zweimal hinsehen, um in ihren Zügen die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter zu entdecken – erwartet hätte man die extravagante Tim-Burton-Muse hier nicht. Zwar ist die 52-Jährige, die mit ihrem wallenden, dunklen Auftreten immer ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt, durchaus eine der spannendsten Künstlerinnen Großbritanniens. Doch gleichzeitig verbindet man sie wie kaum eine andere mit einem prägnanten Image.

Mädchen aus gutem Hause

Dabei ist die Rolle der schrägen Gothic-Ikone keineswegs die erste, die Helena Bonham Carter im Laufe ihrer Karriere aufgedrückt wird. Als sie mit 16 Jahren das erste Mal öffentlich auftrat, stilisierte die britische Presse die angehende Schauspielerin direkt zum Postergirl der „englischen Rose“. Ein poshes, schönes Mädchen aus gutem Elternhaus, der Urgroßvater britischer Premier, die Mutter eine Nichte der Rothschild-Dynastie. Als „Queen of Corset“ wurde sie so zum Star tiefschürfender Historienschinken wie „Die Flügel der Taube“ und „Zimmer mit Aussicht“.

Ganz so rosig, wie die Titelblätter der Boulevardpresse es gerne gehabt hätten, sah es bei den Bonham Carters ­allerdings trotz Landhaus und Polit-Opa nie aus. Als Helena drei Jahre alt war, erlitt ihre Mutter, die anschließend als Psychotherapeutin arbeitete, einen schweren Zusammenbruch, von dem sie sich nur langsam erholte. ­Einige Jahre später dann wurde der Vater, erfolgreicher Banker, von einem Schlaganfall getroffen und erholte sich überhaupt nicht mehr.

Doch erst mit der Rolle in David Finchers „Fight Club“ entkam Bonham Carter auch öffentlich dem Image der Vorzeige-Britin. Aus der zarten Rose wurde eine fluchende Amerikanerin, die sich schäbig anzog und noch schäbiger verhielt.

In Tim Burtons Traumwelten

Die zweite Ära ihrer Karriere zog mit Kultregisseur Tim Burton buchstäblich ins Haus nebenan ein. Kennengelernt hatten die beiden sich bei den Dreharbeiten zu „Planet der Affen“ – und wurden nicht nur privat zu einem ikonischen Doppel. Unter Burtons Einfluss avancierte Bonham Carter schnell zur „Queen of Weirdness“ und verzauberte mit ihrer grazilen Skurrilität die Massen.

Sie brachte ihre ganz eigene Leichtigkeit in die schrägsten Charaktere der Burton’schen Traumwelten: die Herzkönigin in „Alice im Wunderland“, die traurige Emily in „Corpse ­Bride“, die serienmordende Dr. Julia Hoffmann in „Dark Shadows“. Der Höhepunkt des Imagewandels fand aber ohne Burton statt: Als Bellatrix Lestrange führte sie in der „Harry Potter“-Reihe mit massivem Haarnest und wildem Blick die Armee der Irren an, Lord Voldemorts Todesser – und wurde so zum Albtraum einer ganzen ­Generation.

Abseits der Komfortzone

Die Beziehung zu Tim Burton ist Geschichte, Bonham Carter erfindet sich gerade zum dritten Mal neu. Mit ihrer Hauptrolle in „Eleanor & Colette“ positioniert sie sich nun weit abseits ihrer schrullig-surrealen Komfortzone. Als schizophrene Eleanor bietet sie mit schwankendem Gang und fahrigen Gesten vielmehr ein beeindruckend realistisches Bild der psychisch Kranken. Der Däne Bille August („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, „Silent Heart“)) lässt ihr viel Raum, die Figur auszuforschen, und rekapituliert den realen Präzedenzfall in angenehm eindringlicher Weise. Gleichzeitig beschönigt er jedoch die Symptome nicht und zeichnet ein fast schon zärtliches Bild der Freundschaft zwischen Eleanor und ihrer „katholischen Anwältin“ Colette Hughes (Hilary Swank).

Eleanor & Colette. USA 2017. Regie: Bille August. Mit Helena Bonham Carter, Hilary Swank. 115 Minuten. Ab 12 Jahren.