Gegen ihr Image hat sie nichts einzuwenden: In „Vögel“, der Erfolgsproduktion des Stuttgarter Schauspiels, glänzt die aus Weißrussland stammende, in Israel lebende Evgenia Dodina als verzweifelte Zynikerin.
Stuttgart - Eine Intendanz mit einem unbekannten Stück und Autor zu eröffnen, noch dazu in vier Sprachen, ist ein Risiko. Nicht jeder Theatermann würde es eingehen, zu viel steht auf dem Spiel, aber Burkhard Kosminski hat es in Stuttgart gewagt: Die Nahost-Tragödie „Vögel“ von Wajdi Mouawad ist bei Kritik und Publikum ein Erfolg, der nicht zuletzt der starken Besetzung zu verdanken ist. Silke Bodenbender und Itay Tiran spielen Norah und David, ein in Berlin lebendes deutsch-jüdisches Paar, das aufgrund familiärer Verwicklungen nach Israel reisen muss. Dort treffen sie Davids Eltern, die im Dauerclinch miteinander liegen – und Dov Glickmann trägt als weicher, humorvoller Vater ebenso zum Triumph der Inszenierung bei wie die tolle Evgenia Dodina als Mutter: Aus ihrer Leah macht sie eine Zynikerin, die Schmerz und Trauer hinter einem Seelenpanzer versteckt.
An diesem Wochenende, wenn „Vögel“ wieder im Schauspielhaus läuft, kann man die auf alt geschminkte Evgenia Dodina zum letzten Mal in dieser Saison bestaunen: In schwarzer Hose und Bluse steht sie mit Schmuck behängt auf der Bühne, eine stolze Misanthropin, die ihren Mann mindestens so hasst wie sich selbst. Mit böser Intelligenz und verletzender Schlagfertigkeit teilt ihre Hebräisch sprechende Leah nach allen Seiten aus, der Lebenslügen müde, aber hellwach in ihren Attacken. Dass ihr Mann nur noch ihr Ex-Mann ist, verwundert nicht, zu sehr lebt diese Frau von Krisen und Konflikten. Sie braucht den Privatkrieg der Schmähungen und Beleidigungen, sie liebt ihn und blüht darin auf bis zur Selbstzerstörung. „Ich habe das Image einer Drama-Queen“, sagt Evgenia Dodina beim Treffen in der Theaterkantine, „dagegen habe ich auch gar nichts einzuwenden“ – wobei offenbleibt, ob ihre großen Erregungsauftritte tatsächlich allein der Bühne vorbehalten sind. Auf einnehmende Weise impulsiv ist die Frau allemal.
Abenteuer Israel
Von wegweisenden Impulsen ist das ganze Leben der Evgenia Dodina geprägt. 1964 in Weißrussland als Tochter jüdischer Eltern geboren, ging sie, die alle nur Shenja nennen, mit 17 Jahren nach Moskau und studierte Schauspielerei. Bei ihrem ersten Engagement im renommierten Majakowski-Theater traf sie den Regisseur Yevgney Arye, der – es herrschte politisches Tauwetter in der Sowjetunion – einen Plan im Kopf hatte: Auswandern nach Israel, um dort ein russisches Theater zu gründen. Obwohl die „jüdische Identität“, anders als bei Arye, nie ihr Thema gewesen sei, sagt Dodina, ging sie mit: „Als junge Frau lockte mich die Aussicht, etwas Neues zu beginnen“ – und dass damals, zum Jahreswechsel 1990/91, im Nahen Osten gerade der Krieg gegen den Irak vorbereitet wurde, der Kuwait besetzt hatte, schreckte die Drama-Queen nicht im Geringsten.
Also war sie dabei, als in Tel Aviv das später zur Berühmtheit gelangte Gesher-Theater gegründet wurde, in dem auf Russisch, aber auch auf Hebräisch gespielt wurde, einer Sprache, die sie noch nicht beherrschte. Sich die rastlose Künstlerin über ein Lehrbuch gebeugt vorzustellen fällt schwer. „Ich habe meine hebräischen Theatersätze auswendig gelernt und sie im Alltag getestet“, sagt sie. Bei manchen ihrer zufällig ausgewählten Testpersonen führte diese Methode zu Irritationen, etwa bei dem Taxifahrer, den sie furchtlos und unvermittelt mit dem Satz „Ich bitte dich, gehorche deinem Schicksal“ konfrontierte. „Welchem Schicksal?“, fragte er verblüfft zurück und stoppte den Wagen. Okay, er hatte verstanden, was auch immer – ein Erfolgserlebnis war es auf jeden Fall. „Heute träume ich sogar auf Hebräisch“, sagt die 54-jährige Schauspielerin, die mittlerweile dem Habima-Theater angehört, viele Filme dreht und eine feste Größe der israelischen Kunstszene ist.
Engagement ohne Casting, aber mit Kaffee
Und jetzt kommt im Leben der Evgenia Dodina auch Itay Tiran ins Spiel, der einflussreiche, bestens vernetzte „Theaterkönig von Tel Aviv“, den Kosminski bereits ins Stuttgarter Ensemble geholt hatte: Auf seinen Rat hin verpflichtete der Intendant auch die international ohnehin erfahrene Schauspielerin für seine „Vögel“. Blind, ohne Vorsprechen oder sonstiges Casting besetzte er sie als Leah. „Wir haben in Tel Aviv eine Tasse Kaffee getrunken, später auch ein Glas Wein, dann waren wir uns einig“ – wobei die Tatsache, dass Dodina gerade in Deutschland schon häufiger gearbeitet hat, die Entscheidung erleichtert haben mag. Bereits 2012 war sie im Münchner Residenztheater in „Persona“ von Ingmar Bergman zu sehen und euphorisierte als stumme Elisabet den Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“. Evgenia Dodina sei „eine Frau mit einem wunderschönen altmodischen Gesicht, aus dem Schmerz und Qual rinnen wie dröhnend laute, aber nicht zu hörende Schreie“. An ihrer Seite damals, als sprechende Alma: Juliane Köhler, mit der sie schon vier Jahre zuvor in einem Film zusammengearbeitet hatte, 2008 in der internationalen Kinoproduktion „Adam resurrected“ des US-Regisseurs Paul Schrader.
Und das Kino ist es auch, das dem deutschen Publikum zuletzt Gelegenheit bot, dem „altmodischen Gesicht“ zu begegnen. In der Bestseller-Verfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gehörte Dodina zum Starensemble um Bruno Ganz, Alexander Fehling und Angela Winkler. Sie spielte die Russin Irina, die im Krieg als Sanitäterin bei der Roten Armee gedient und einen Deutschen geheiratet hatte. Im Ostberlin der Wendejahre säuft sie sich zu Tode – und wenn man sich nun ihre Irina, ihre Elisabet und ihre Leah anschaut, dieses Kabinett aus Alkoholikerin, Schmerzensfrau und Zynikerin, weiß man auch, welche Rollen ihr am besten liegen: gebrochene, mit sich hadernde, an ihren Widersprüchen und Leidenschaften scheiternde Frauen, die Evgenia Dodina so präzise, intensiv und kraftvoll spielt, dass sie zum heimlichen Zentrum einer Inszenierung werden können.
An diesem Samstag und Sonntag ist es mit der Schauspielkunst wieder so weit – und obwohl Itay Tiran das Stuttgarter Ensemble verlassen wird und ans Wiener Burgtheater geht, ist „Vögel“ in unveränderter Besetzung auch in der kommenden Saison wieder zu sehen: Leah hat ihren Sarkasmus noch lange nicht ausgeschöpft.