Pädagogen der Konrad-Widerholt-Schule Kirchheim stehen der inklusiven Beschulung an Regelschulen kritisch gegenüber.
Inklusion ist nicht so einfach, sagen Sonderpädagogen von der Konrad-Widerholt-Schule Kirchheim. Susanne Schöllkopf spricht von einer ideologisch gefärbten Debatte, die davon ausgehe, alles werde gut, wenn alle Kinder durch die gleiche Schultür gehen. Die Rektorin am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum Kirchheim (SBBZ) mit Schwerpunkt Lernen erinnert an die Unterschiede, die es zwischen Menschen nun einmal gebe und das Recht auf Bildung, das ein SBBZ unter bestimmten Umständen eher gewährleisten könne als ein inklusives Bildungsangebot an einer allgemeinen Schule, das seit 2009 auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention garantiert wird.
Neun Stunden sind zu wenig
Die inklusive Beschulung mit neun Wochenstunden durch Sonderpädagogen in der Regelschule bringe den Kindern einfach zu wenig, erklärt Schöllkopf. Lernbehinderte Kinder bräuchten ein bestimmtes Setting wie direkte Ansprache, klare Ansagen und Regeln, eine feste Bindung und vor allem praktisches Lernen. „Wenn sich Eltern weniger über die Leistung ihrer Kinder definieren würden, wären wir einen großen Schritt weiter bei der Inklusion, denn die findet im Kopf statt, sagt die Rektorin. Für sie ist es keine Frage, dass Menschen unterschiedlich begabt sind. Es sei doch kein Versagen, wenn ein Schüler oder eine Schülerin den Hauptschul- statt den Realschulabschluss oder das Abitur mache. Das SBBZ versteht Schöllkopf als Chance: „Jeder soll kriegen, was er braucht“, formuliert sie die unterschiedlichen Bedarfe. Das SBBZ bereite die Schüler mit vielen fachpraktischen Inhalten auf die Zukunft vor. Zu erleben „das habe ich selbst gemacht“ sei eine wichtige Erfahrung für Kinder und Jugendliche, die in Mathe und Deutsch schwach sind. Gleichzeitig verlören praktische Fähigkeiten gesellschaftlich betrachtet aber immer mehr an Wert.
Häufig sei die Regelschule nicht der richtige Weg für Kinder mit Lernbehinderung: Sie spüren, dass sie nicht mithalten können und leiden darunter“, beschreibt die Pädagogin das Geschehen. Und wenn sie nach einiger Zeit doch auf ein SBBZ wechselten, brauche es teils Jahre, um ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Ihre Kollegin Gaby Müllner ergänzt, soziale Teilhabe finde nicht selbstverständlich statt. Wenn Kinder in irgendeiner Weise auffällig seien, bekämen die das zu spüren, würden nicht zu Geburtstagen eingeladen und erlebten sich als Außenseiter. Auch die familiäre Situation spiele eine große Rolle, wenn das Kind nicht zur Einladung gebracht werden könne oder Eltern nicht im Stande seien, sich um Gastkinder zu kümmern.
Ein langer Trauerprozess für Eltern
All das gehe nicht spurlos an Familien vorbei. Schöllkopf spricht von Eltern, die sich jahrelang nicht damit abfinden konnten, dass ihre Kinder das SBBZ besuchen. Für viele Eltern sei das ein langer Trauerprozess. Vor allem Mittelstandseltern hätten zusätzlich das Problem, dass sie bei anderen Eltern „nicht so gut andocken können“, zumal es oft Sprachbarrieren gebe. Dazu komme die Stigmatisierung der Schulart seit Jahrzehnten, meint der Fachlehrer Christian Pomplun. Früher habe es beispielsweise geheißen: „Streng dich an, sonst kommst du auf die Sonderschule.“
Diesem Zerrbild wollen die Pädagogen ihre Auffassung von Schule entgegensetzen. „Hier wird das Recht auf Bildung eingelöst und hier findet echte Teilhabe statt“, erklärt Monika Basler und die Sonderpädagogin ergänzt, an der Konrad-Widerholt-Schule seien die Schüler sehr sozial und es gebe eine hohe Toleranz, weil die Kinder wüssten, dass jeder sein Päckchen zu tragen habe.