Im Ortskern wirkt Walldorf wie eine beschauliche badische Kleinstadt. Doch ein paar Hundert Meter weiter sieht es aus wie im Silicon Valley. Foto: Steve Przybilla

Walldorf muss glücklich sein. Die Kleinstadt im Rhein-Neckar-Kreis ist Hauptsitz des Weltunternehmens SAP und schwimmt förmlich in Geld. Doch mit jedem neuen Umsatzrekord des Software-Riesen vergrößert sich auch die Abhängigkeit der Kommune.

Walldorf - Christiane Staab hat ein Luxusproblem: Zu viele Unternehmen wollen sich in ihrer Stadt ansiedeln. Die Bürgermeisterin von Walldorf sitzt im Rathaus vor einem riesigen Stadtplan, der an der Wand hängt. „Wir haben einfach keinen Platz mehr“, sagt die CDU-Politikerin und zeigt auf die Grenzen ihrer Gemeinde: Im Westen liegt die A 5, im Süden die A 6 und im Norden ein geschützter Wald. Dazwischen Industriegebiete, Wohnhäuser und Landwirte, die schon jetzt protestieren, weil sie nicht noch mehr Flächen an die Bauwirtschaft abtreten wollen.

Walldorf, eine Kleinstadt zwischen Heidelberg und Karlsruhe, die gerade einmal 16 000 Einwohner hat, wächst weiter. Und das in rasantem Tempo. Verantwortlich dafür ist der Weltkonzern SAP, der seit 1977 in Walldorf seinen Hauptsitz hat. Das Softwareunternehmen beschäftigt weltweit 84 000 Mitarbeiter, hat Kunden in 180 Ländern und machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 22 Milliarden Euro. Der IT-Riese verdient sein Geld in vielen Sparten, vor allem mit Buchhaltungssoftware und Cloud-Systemen. Internationalität, Schnelligkeit, Vernetzung – das ist das tägliche Geschäft, mit dem SAP weltweit jongliert. In der Kleinstadt Walldorf hingegen geht es gemächlicher zu. Dort gibt es nicht einmal eine Straßenbahn.

Trotzdem fühlt sich der Global Player in der Provinz zu Hause. „SAP durchdringt diese Stadt, das spüren wir überall“, sagt Bürgermeisterin Staab, und sie meint das durchaus positiv. Dass SAP seinen Hauptsitz in Walldorf hat, beschere der Gemeinde jedes Jahr Steuereinnahmen in Höhe von – nein, das dürfe sie nicht sagen, unterbricht sich Staab selbst. Steuergeheimnis. Dass Walldorf eine der reichsten Städte Baden-Württembergs ist, versteht sich aber von selbst. 2017 rechnet die Stadt mit Einnahmen von 181 Millionen Euro. Ein Kindergartenplatz in Walldorf kostet überschaubare 15 Euro im Monat. Eine neue Schulmensa mit Sporthalle für 25 Millionen Euro befindet sich gerade im Bau. Am Bahnhof, an dem sogar Fernzüge halten, steht ein Fahrradparkhaus. Abgesehen von diesen Besonderheiten wirkt der Ortskern badisch-beschaulich.

Weinstuben-Gemütlichkeit neben Cloud-Systemen

SAP und Walldorf, das sind zwei Welten, getrennt durch eine Brücke, die über die Landesstraße 723 führt. Auf der einen Seite: die Altstadt samt Kirchturm, Buswendeschleife und Doppelhaushälften. Hier sieht es aus wie in vielen Kleinstädten, in die sich ab und zu mal Touristen verirren: Weinstuben, Sonnenschirme, öffentliche Bücherregale. Am Marktplatz plätschert ein Wasserspiel vor sich hin. Gesprochen wird hauptsächlich Dialekt.

Auf der anderen Seite der Brücke, hinter einer Schranke, sieht es anders aus, nämlich so wie im Silicon Valley. Auf 440 000 Quadratmetern erstreckt sich ein SAP-Campus mit 55 Gebäuden, die teilweise auf der Gemarkung der Nachbargemeinde St. Leon-Rot liegen. Es gibt sieben Kantinen, zwei Gästecasinos, 12 000 Parkplätze, ein eigenes Blockheizkraftwerk, Tennis-, Beachvolleyball- und Basketballanlagen. Und natürlich Rechenzentren. Im Schatten der Gebäudeklötze, die von oben wie Sterne aussehen, laufen Mitarbeiter mit Umhängetaschen und großen Kopfhörern umher. Vor dem Hauptgebäude steht ein Schild mit der Aufschrift „Building 1“ – auf dem SAP-Campus geht es international zu.

Christiane Staab, die Bürgermeisterin, hat die Aufgabe, diese beiden Welten zu vereinen. Sie sagt Sätze, die anderen Stadtoberhäuptern nicht so locker über die Lippen kommen würden. Zum Beispiel: „Es ist unsere Pflicht, zu schauen, dass es dem Unternehmen SAP gut geht.“ Oder: „Walldörfer können gut mit Vielfalt umgehen. Durch SAP haben wir schon immer eine ganz bunte Bevölkerung.“

Mit jedem Umsatzrekord wächst die Abhängigkeit

In der Tat haben die Walldörfer allen Grund, sich über das heimatverbundene Unternehmen zu freuen. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: eine Abhängigkeit, die sich mit jedem neuen Gebäude, mit jedem Umsatzrekord weiter vergrößert. Zwar sorgt der börsennotierte Konzern für einen steten Fluss an Gewerbesteuern, doch dafür erwartet man gewisse Gegenleistungen: schicke Wohngebiete und genügend Kindergartenplätze beispielsweise. Aber auch den Ausbau der L 723, auf der die 13 000 SAP-Mitarbeiter jeden Morgen im Stau stehen. Direkt angesprochen werden solche Forderungen von der Unternehmensführung angeblich nicht – was aber auch gar nicht nötig ist: Immerhin versteht sich die Walldorfer Kommunalpolitik ohnehin als eine Art Dienstleister des Konzerns.

„Wir haben vor Ort das Verständnis für die Bedürfnisse eines großen Unternehmens“, sagt Staab. Und so wird eine Lösung für jedes Problem gefunden, selbst wenn die Umsetzung einiges kostet.

Doch Geld ist schließlich kein Problem in Walldorf. Als SAP kürzlich ein Grundstück für ein neues Rechenzentrum benötigte, erhielt die Firma schon nach kurzer Zeit ein Areal am Waldesrand. Es musste schnell gehen, eine ausführliche ökologische Verträglichkeitsprüfung hätte zu lange gedauert. Also zahlte die Stadt einfach den höchstmöglichen Ausgleich, ganz gleich, ob auf dem Grundstück nun geschützte Tierarten leben oder nicht.

Nicht nur SAP selbst, auch Initiativen aus dem Umkreis der Firma sind in Walldorf und der Umgebung aktiv. So hat etwa die Dietmar-Hopp-Stiftung (benannt nach einem der SAP-Gründer) nach eigenen Angaben knapp 600 Millionen Euro an gemeinnützige Projekte gespendet, seit sie 1995 gegründet wurde. Etwa 90 Prozent des Geldes seien dabei in die Rhein-Neckar-Region geflossen. Heute gibt es zwei Hopp-Stifte, einen Dietmar-Hopp-Sportpark und 19 Alla-Hopp-Bewegungsparks in der Region, um nur einige Beispiele zu nennen. Warum der Milliardär all das macht? „Er ist hier geboren und aufgewachsen, und hier ist die Wiege seines Erfolgs“, sagt Katrin Tönshoff, die Leiterin der Stiftungsgeschäftsstelle. „Deshalb gibt er gern an die Region zurück.“

Sparen für schlechte Zeiten

So nützlich das soziale Engagement für Walldorf auch ist, so groß ist die Gefahr, dass die Stadt zunehmend von ihren mächtigen Förderern abhängig wird. Die Dietmar-Hopp-Stiftung weist dies vehement zurück, und auch Bürgermeisterin Staab sagt, sie fühle sich bei ihren Entscheidungen nicht unter Druck gesetzt. Dass es aber Abhängigkeiten gibt, räumt sie unumwunden ein. „Sonst wäre ich ja blind“, sagt Staab. „Hier wehen keine SAP-Fahnen in der Stadt, aber der Einfluss ist spürbar.“

Über allem schwebt zudem ein Schreckensgespenst, über das in Walldorf niemand gerne spricht. Was, wenn der IT-Riese irgendwann entscheiden würde, seinen Hauptsitz zu wechseln? Wenn der Global Player die Provinz gegen eine Metropole tauschen würde? „An so was denkt man vielleicht mal in einer schlaflosen Nacht“, sagt Staab. Sie weiß, wie schnell eine solche Entscheidung fallen kann. Bevor sie in Walldorf zur Bürgermeisterin gewählt wurde, hat sie als Stadträtin in Karlsruhe den Abzug des Pharmakonzerns Pfizer erlebt. Eine schmerzliche Erfahrung, aber verkraftbar in einer Metropole mit vielen anderen Einnahmequellen. Für Walldorf wäre ein Wegzug katastrophal. Für alle Fälle legt die Kommune deshalb schon heute Geld zur Seite. 400 Millionen Euro hat Walldorf für schlechte Zeiten gespart – die hoffentlich niemals kommen.

Auch an anderer Stelle ist Walldorf nicht das Schlaraffenland, für das es viele Außenstehende im ersten Moment halten. 1100 SAP-Mitarbeiter wohnen direkt in der Stadt. Viele Alteingesessene können sich die stark gestiegenen Mieten deshalb kaum noch leisten. Die Walldorfer Tafel gibt zweimal pro Woche Lebensmittel und Drogerieartikel an Bedürftige aus. „Es verwundert natürlich, dass es Armut in einer so reichen Stadt gibt“, sagt Hans Klemm, Vorsitzender der Walldorfer Tafel. Aber: „Der Wohnungsmarkt ist einfach wie leer gefegt.“ Vor allem Rentner, ausländische Mitbürger und Flüchtlinge kämen in die Ausgabestelle, berichtet Klemm. „Die Bedürftigkeit hat zugenommen.“

Doch selbst bei der Tafel taucht sie wieder auf, die Verflechtung mit SAP. Einzelne Vorstandsmitglieder organisieren Grillfeste, spenden Fahrzeuge, bezahlen den Umbau neuer Räumlichkeiten. „Ohne dieses Engagement hätten wir vor neun Jahren nicht starten können“, sagt Hans Klemm und lobt das Softwareunternehmen in höchsten Tönen.

„Wir wachsen hier weiter“

Im SAP-Hauptgebäude, dem „Building 1“, spricht man erstaunlich offen über den eigenen Einfluss auf die kleine badische Gemeinde. „Natürlich sind Abhängigkeiten gegeben, allein durch die Gewerbesteuer“, sagt SAP-Vorstandsmitglied Michael Kleinemeier. „Aber Walldorf profitiert gut davon.“ Und dann zählt er auf, was ihm an der Kleinstadt gefällt: Die Firma dürfe in Walldorf wachsen, Baugenehmigungen würden zügig erteilt, es gebe ein partnerschaftliches Verhältnis. Dass Walldorf den niedrigsten Gewerbesteuer-Hebesatz in ganz Baden-Württemberg hat, erwähnt Kleinemeier nicht.

„Natürlich haben wir uns am Anfang gefragt, wie wir die Leute hier hinlocken“, sagt Kleinemeier. Walldorf sei eben nicht Berlin. „Trotzdem sind wir eine Metropolregion mit drei Millionen Einwohnern. Da fühle ich mich nicht in die Provinz versetzt.“ Dementsprechend energisch weist er die Frage zurück, ob SAP irgendwann einmal umziehen könnte. „Die Standortfrage wird immer wieder an uns gestellt“, sagt Kleinemeier. „Es gibt aber keinen Grund, Walldorf zu verlassen – im Gegenteil. Wir wachsen hier weiter.“

Sollte sich Walldorf also glücklich schätzen? Oder müsste der Stadt bange werden angesichts des noch stärker werdenden Einflusses des Unternehmens SAP? Paul Witt, Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, beschäftigt sich schon lange mit derartigen Fragen. „Kommunalpolitisch ist es immer schwierig, wenn man nur einen großen Steuerzahler hat“, sagt Witt. In Baden-Württemberg sei eine solche Konstellation nicht nur in Walldorf, sondern etwa auch im südbadischen Rust gegeben, wo sich Deutschlands größter Freizeitpark befindet. „Es ist immer besser, wenn man auf mehrere Einnahmequellen zurückgreifen kann“, betont Witt. „Dann tut es am Ende nicht so weh, falls eine Firma wegbricht.“

Zur Not gibt es ja noch die Einkommenssteuer

Solche Extrembeispiele gebe es aber recht selten, betont Witt. „Dass eine Stadt so stark von einem einzigen Gewerbesteuerzahler abhängig ist, trifft auf weniger als zehn Prozent der Kommunen in Baden-Württemberg zu.“ Und selbst dann sei eine Stadt nicht von heute auf morgen pleite: „Es gibt für Gemeinden noch andere Einnahmequellen, zum Beispiel den Anteil der Einkommenssteuer oder die Schlüsselzuweisungen vom Land.“

Dass Großunternehmen die Lokalpolitik beeinflussen können, stellt Witt nicht in Abrede. Es sei von außen aber schwer zu beurteilen, welche Macht die Konzerne letztendlich hätten. „Ich war früher bei der Rechtsaufsicht des Regierungspräsidiums Freiburg beschäftigt“, erzählt Witt. „Dabei habe ich nie erlebt, dass eine Firma so sehr Druck macht, dass es illegal wird.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: