Der neue Mann auf dem Chefsessel des Stuttgarter Balletts kennt dessen Betrieb seit mehr als 40 Jahren: Tamas Detrich vor dem Stuttgarter Opernhaus Foto: dpa

Wie bringt man Vergangenheit und Zukunft zusammen? Dieser Spagat ist für einen Ex-Tänzer wie Tamas Detrich ein Leichtes. Der designierte Intendant des Stuttgarter Balletts will in seiner ersten Spielzeit eigene Akzente setzen und viele alte Bekannte begrüßen.

Stuttgart - Seit Marcia Haydée hier für alle die „Big Mama“ war, ist der Sinn des Stuttgarter Balletts fürs Familiäre legendär. Und so darf man sich den aktuellen Intendantenwechsel ein bisschen wie in einem Familienunternehmen vorstellen: Der Vater übergibt nach 22 Jahren auf dem Chefsessel an den Sohn, der selbst bereits seit 40 Jahren den Betrieb auf allen möglichen Positionen kennengelernt hat. So sind die Veränderungen, mit denen sich die Ballettfans bei der Amtsübergabe von Reid Anderson an seinen Nachfolger Tamas Detrich konfrontiert sehen, eigentlich marginal – auch wenn mit Reid Anderson die Ära der Stuttgarter Ballettchefs zu Ende geht, die noch persönlich mit John Cranko zusammengearbeitet haben.

Dass das Stuttgarter Ballet auch unter Tamas Detrich ein „Traditionsunternehmen seit 1961“ bleibt, machte der designierte Intendant gleich bei der Spielplankonferenz deutlich. Als Zehnjähriger hat der gebürtige New Yorker, wie er berichtet, über die Plakate in der Stadt gestaunt, die 1969 für „the superb Stuttgart Ballet“ warben. Deshalb lässt er die Kompanie nun mit neuem Schriftzug als „Das Stuttgarter Ballett“ firmieren.

Neue Akzente aus dem zeitgenössischen Tanz

„Wir gehen in eine neue Ära, aber wir vergessen nie, woher wir kommen“, sagt Tamas Detrich, der wie die Intendanten vor ihm den Spagat schaffen will, Vergangenheit und Zukunft zusammenzubringen, der aber auch eigene Akzente setzen will. Die sollen nach der Trennung vom Stuttgarter Haus-Choreografen Marco Goecke, durch die dem Stuttgarter Ballett ein Alleinstellungsmerkmal fehlt, aus dem Tanzbereich kommen: Akram Khan, britischer Choreograf mit Wurzeln im indischen Tanz, wird mit seinem 16 Jahre alten Tanzhit „Kaash“ den Ballettabend „Atem-Beraubend“ im Juni 2019 bereichern, der seinen Titel Johan Ingers „Out of Breath“ verdankt; den Abend im Opernhaus ergänzt die Wiederaufnahme von Itzik Galilis „Hikarizato“ zum Dreiteiler. Noch mehr Tanzakzente setzt die niederländische Choreografin Nanine Linning, die mit Katarzyna Kozielska und Edward Clug unter dem Titel „Aufbruch!“ im März 2019 mit einem Abend, der die Uraufführungen der Saison bündelt, dem Bauhaus zum 100. Geburtstag gratulieren wird, und zwar in Stuttgart im Schauspielhaus und dank einer Koproduktion mit dem dortigen Nationaltheater auch in Weimar.

An gute alte Zeiten, als alle Staatstheater-Sparten für „König Arthur“ gemeinsame Sache machten, knüpfen die drei neuen Intendanten an, wenn sie im Februar 2019 im Schauspielhaus zusammen „Die sieben Todsünden“ angehen. Regie führt Anna-Sophie Mahler, die musikalische Leitung hat Stefan Schreiber, choreografisch und konzeptionell liegt das Projekt in den Händen von Louis Stiens. Der hat bei einem choreografischen Workshop im Kammertheater sein Performance-Talent bereits unter Beweis gestellt und soll im Winter in der Ausstellung „In Extase“ das Publikum im Kunstmuseum in einen Tanzrausch versetzen.

Eröffnung im Dialog mit dem Publikum

Eröffnen will Tamas Detrich die Spielzeit im Dialog mit dem Publikum: Beim „Blick hinter die Kulissen“ geht es um den ersten Ballettabend „Shades of White“, der dann im Oktober alte Bekannte wie Crankos „Konzert für Flöte und Harfe“ und Balanchines „Sinfonie in C“ zurückbringt, dazu den Schattenakt aus Natalja Makarowas „Bayadère“-Version. Ein Wiedersehen gibt es mit Jirí Kylián, der seinen 1998 entstandenen Abendfüller „One of a Kind“ erstmals nach Stuttgart bringt und die Vorstellungen im Opernhaus mit einer Installation im Kammertheater flankieren will, und mit dem Bühnenbildner Jürgen Rose, der ja bereits mit John Cranko arbeitete. Unter Tamas Detrich soll er im Mai 2019 die Ausstattung für eine Neuproduktion von Kenneth MacMillans 1978 uraufgeführtem, blaublütigem Psycho-Drama „Mayerling“ übernehmen.

Eine zweiwöchige Japan-Tournee des Stuttgarter Balletts überbrückt im November ein Gastspiel des Béjart-Balletts. Und wer etwas in der Spielzeit verpasst hat, kann es am Ende der Saison bei einer Ballettwoche nachholen, die an neun Abenden Premieren und die wieder aufgenommenen Ballette „Romeo und Julia“ und „Kameliendame“ bündelt.

Mit Ami Morita und Adhonay Soares da Silva hat das Stuttgarter Ballett zwei neue Erste Solisten, Rocio Aleman und Alexander McGowan tanzen fortan als Solisten, Fernanda De Souza Lopes, Daiana Ruiz und Fabio Adorisio steigen aus der Gruppe zu Halbsolisten auf. Unter den sechs Tänzern, die das Stuttgarter Ballett verlassen, ist auch Katarzyna Kozielska, die sich fortan auf ihre Karriere als Choreografin konzentrieren will.

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