Nach dem Krieg wurde die Rote Straße komplett umgebaut. Dank der Bilder aus unserem Projekt Stuttgart 1942 können wir eine Straße durchschreiten, die es nicht mehr gibt – bis auf ein Gebäude.
Stuttgart - Und plötzlich steht da das Gewerkschaftshaus. Noch im Jahr 1942 wirkt der in früheren Jahren errichtete Bau, damals belegt durch die von den Nazis gleichgeschaltete „Deutschen Arbeitsfront“, wie ein Fremdkörper am Ende der Roten Straße.
Der Name mag passen, doch 1942 bricht die bis heute avantgardistisch wirkende Architektur des Gewerkschaftshauses den Charakter der restlichen Roten Straße. Sie ist Teil der Oberen Vorstadt, die sich einst von der Königstraße – dem alten Stadtgraben – Richtung Westen entwickelte und hat sich den frühneuzeitlichen Charakter auch im Jahr 1942 weitgehend erhalten.
Am ehesten erinnert sie an die Calwer Straße mit ihren teilweise renovierten Bürgerhäusern. Tatsächlich aber ist diese Straße aus dem Stadtbild verschwunden. Vermutlich können die wenigsten Leser mit dem Namen überhaupt etwas anfangen, denn seit 1963 gibt es nicht einmal mehr eine Rote Straße in Stuttgart – sie wurde kurz nach dem Tod des ersten Bundespräsidenten in Theodor-Heuss-Straße umbenannt.
Neubau wurde nicht erst nach 1945 geplant
Anhand der Bilder, die wir für unser gemeinsames Projekt mit dem Stadtarchiv auswerten, können wir durch die Rote Straße im Jahr 1942 spazieren. Es gibt außer dem Gewerkschaftshaus keinen Punkt, an dem heutige Betrachter den Blick festmachen könnten – was die Bomben im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört hatten, wurde in den Folgejahren abgerissen für die als Stadtautobahn konzipierte Theodor-Heuss-Straße. Sie trennt heute das Hospitalviertel von dem Bereich um die Königstraße ab; 1942 waren diese Teile der Stadt noch fest zusammengewachsen. Damals endete die Rote Straße ungefähr da, wo heute der „Palast der Republik“ steht. Im dortigen Areal verliefen die Straßen großteils anders als heute, wie ein Blick auf den 1942er-Stadtplan im Stadtlexikon zeigt.
So wie bei den anderen virtuellen Spaziergängen, etwa durch die Johannesstraße oder die Tübinger Straße, zeigt sich auch dieser Teil Stuttgarts auf den 1942er-Fotos von der Gestaltung früherer Jahrhunderte geprägt, also mithin deutlich idyllischer als heutzutage. Man darf freilich annehmen, dass der damalige Baubestand teilweise nicht mehr den Ansprüchen genügte. Jedenfalls hatten schon die nationalsozialistischen Machthaber geplant, die Rote Straße massiv zu verbreitern und umzubauen – so wie viele andere Aspekte der „autogerechten Stadt“ nicht im luftleeren Raum nach 1945 entstanden sind, sondern bereits bestehende Pläne modifizierten.
Immerhin sind die Namen der meisten übrigen Straßen im Hospitalviertel bis heute die gleichen. Zumindest auf diese Weise können sich heutige Betrachter in der Bilderstrecke orientieren.