Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber ist die unumstrittene Frontfrau im deutschen Tennis. Foto: AFP

Im deutschen Frauentennis tut sich hinter Angelique Kerber und Julia Görges eine große Lücke auf. Dass der Nachwuchs nicht auf Touren kommt, hat viele Gründe – darunter auch die Pflege der sozialen Netzwerke.

Stuttgart - Neulich hat Carina Witthöft ihre knapp 70 000 Fans bei Instagram wieder einmal mit einem Hochglanz-Selfie erfreut. Ihr schwarzes Spaghettiträgertop ließ tief blicken, ihre Fingernägel waren rosa lackiert, die langen Haare blond gesträhnt. Strahlend ihr Lächeln – viel strahlender jedenfalls, als man es inzwischen vom Tennisplatz kennt.

Carina Witthöft (23) hat in diesem Jahr erst ein Spiel bestritten: Bei den Australian Open gab die zweimalige WTA-Turniersiegerin in der ersten Qualifikationsrunde gegen eine Schweizerin namens Conny Perrin beim Stand von 1:5 auf. Nicht viel besser erging es ihr vergangenes Jahr: Zu 27 Turnieren auf vier Kontinenten reiste die modebewusste Frau aus Hamburg – und schied 20 Mal in der ersten Runde aus. Auch bei den Ladies Open des TC Hechingen. „Es wäre schön, wenn Carina nicht nur in den sozialen Netzwerken so aktiv wäre, sondern auch mal wieder professionell trainieren würde“, sagt Barbara Rittner, Chefin der deutschen Tennisfrauen und jahrelange Förderin von Witthöft: „Leider hat sie den Fokus fürs Tennis total verloren.“

Ohne Kerber und Görges steht das deutsche Fedcup-Team auf verlorenem Posten

Carina Witthöft, Anfang 2018 noch Nummer 48 der Weltrangliste und inzwischen auf Platz 185 durchgereicht, ist allerdings nur eines der Probleme im deutschen Frauentennis. Noch schwerer wiegt, dass sich auch ansonsten hinter Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber (31) und Julia Görges (30) die große Leere auftut. Ohne die beiden Frontfrauen ging das Fedcup-Team am Wochenende in Braunschweig mit 0:4 gegen Weißrussland unter und muss am 20./21. April um den Verbleib in der Weltgruppe kämpfen.

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Die lange verletzte Andrea Petkovic (31), Tatjana Maria (31), Laura Siegemund (30) in den Einzeln sowie Anna-Lena Grönefeld (33) und Mona Barthel (28) im Doppel gaben ihr Bestes – und waren gegen die jungen Weißrussinnen um Aryna Sabalenka (20) trotzdem chancenlos. „Bessere haben wir nun mal nicht“, sagt Rittner.

Die Hoffnungen ruhen gezwungenermaßen auch weiterhin auf der Ü-30-Generation

Es ist die bittere Erkenntnis einer Frau, die mit der finanziellen Unterstützung von Porsche seit Jahren dem deutschen Tennisnachwuchs auf die Sprünge zu verhelfen versucht – ihre Hoffnungen aber auch weiterhin in die Ü-30-Generation um Kerber und Görges setzen muss. „Wir können nur hoffen, dass Angie und Jule noch ein paar Jahre durchhalten. Solche Erfolge werden so schnell nicht mehr kommen. Es ist ja offensichtlich, dass die Lücke dahinter eher größer als kleiner ist.“

An Enttäuschungen hat sich Rittner nicht nur im Fall Witthöft gewöhnen müssen. Annika Beck (24), mit 17 Junioren-Siegerin bei den French Open, mit 21 Weltranglisten-37., hat im Oktober ihr Karriereende verkündet und studiert nun Zahnmedizin. Sie wolle „keine Sekunde meines Tennislebens missen“, sagte sie dem „Tennis-Magazin“, „aber für mich gibt es noch ein anderes Leben.“ Verletzungsprobleme waren bei Dinah Pfizenmaier (27) der Grund, warum die einstige Tennishoffnung ebenfalls frühzeitig abgetreten ist.

Antonia Lottner wartet bislang vergeblich auf den Durchbruch

Geblieben sind Spielerinnen, denen bald das Etikett „ewiges Talent“ anzuhaften droht. Anna-Lena Friedsam (25) war mit Anfang 20 unter den Top 50 – und arbeitet nach zwei Operationen an der Schulter derzeit an einem Comeback. Antonia Lottner (22) wurde schon mit 15 als künftiger Topstar gehandelt – und versucht seit Jahren trotz allen Talents vergeblich, unter die besten 100 zu kommen. Derzeit liegt die Arzttochter aus Düsseldorf auf Position 184. „Ich glaube auch weiterhin an sie“, sagt Barbara Rittner, „aber sie muss jetzt langsam mehr Härte und Disziplin entwickeln.“

Nicht nur im Tennis gilt: Nach ganz oben kommt nur, wer alles dafür gibt und sein Leben dem Sport unterordnet. Kein Zufall ist es, dass von den besten 25 Tennisspielerinnen der Welt elf aus Osteuropa kommen, wo die Sportkarriere häufig das Ticket in eine bessere Welt bedeutet. Dort, aber auch in den USA reisen schon Jugendliche auf bis zu 40 Turniere im Jahr und „leben wie kleine Profis“, sagt Rittner. In Deutschland hingegen „tut sich die Gesellschaft schwer, alles auf eine Karte zu setzen.“ Wer erst nach dem Abitur richtig loslege, habe eine Menge Rückstand aufzuholen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz. Zehn Spielerinnen aus den Top 25 sind erst 24 oder noch jünger.

Barbara Rittner will die Hoffnung auf ein neues deutsches Tenniswunder dennoch nicht aufgeben. Unter den 14- bis 17-jährigen Mädchen gebe es „sehr vielversprechende Talente“. Doch weiß sie auch: „Sie haben einen sehr weiten Weg vor sich.“

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