Immer mehr gelbe Streetscooter mit Elektroantrieb sind für die Post und DHL unterwegs. Foto: dpa

Der Brief- und Paketriese Deutsche Post DHL wildert in den Gefilden der Autobauer. Die Tochter Streetscooter will mit dem Verkauf von Elektro-Transportern kräftig expandieren.

Stuttgart - Vor sechs Jahren ließ sich die Bundeskanzlerin bei ihrem Rundgang über die Stände der Automesse IAA bei Porsche den neuen 911er zeigen, bei Daimler begutachtete Angela Merkel eine Elektro-Variante der B-Klasse, bei VW den kleinen Up. Die Kanzlerin interessierte sich jedoch nicht nur für die Neuheiten der etablierten Konzerne, sondern nahm sich auch viel Zeit für den Newcomer Streetscooter. Das an der Aachener RWTH – der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule – entstandene Start-up hatte damals in nur knapp anderthalb Jahren ein kompaktes Elektroauto auf die Räder gestellt und auch bereits einen Entwicklungsauftrag für ein Zustellfahrzeug der Post ergattert. Das sei ja ein „tolles Projekt“ lobte Merkel dieses unternehmerische Wagnis.

Seit dieser Frankfurter Messe-Premiere hat das Aachener Jungunternehmen mit Unterstützung des Brief- und Paketriesen Deutsche Post DHL eine Erfolgsgeschichte geschrieben. „Uns war frühzeitig klar: Unsere Fahrzeuge müssen nicht nur wirtschaftlich und den harten Belastungen des Postalltags gewachsen sein, sondern auch mehr und mehr emissionsfrei. Aber genau solche Fahrzeuge gab es nicht auf dem Markt“, erzählt ein Sprecher des gelben Riesen, wie es zu dieser ungewöhnlichen Allianz kam. Gemeinsam mit dem Aachener Start-up sei es gelungen, nach nur drei Jahren ein für den Postbetrieb maßgeschneidertes und günstiges Elektroauto zu entwickeln. Im Dezember 2014 übernahm der gelbe Riese den grünen Zwerg. Auf mittlere Sicht will der Brief- und Paketlieferant die gesamte deutsche Zustellflotte – rund 47 000 Fahrzeuge – auf Elektroantrieb umstellen.

Die deutschen Autobauer nehmen einen neuen Anlauf

Die Deutsche Post habe mit dem Streetscooter ein interessantes Segment eröffnet, meint der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, der das Duisburger Forschungsinstitut Car leitet. „Das ist kein Ruhmesblatt für die deutsche Autoindustrie“, so Ferdinand Dudenhöffers wenig positives Urteil. Es zeige sich hier erneut – wie bereits im Wettbewerb mit dem Hersteller Tesla – dass die PS-Branche zu stark der Tradition verhaftet sei und neue Technologien oft nur zaghaft anpacke.

Die Autobauer haben zwar immer wieder mit Elektrotransportern experimentiert und Pilotprojekte gestartet, die jedoch nie in eine Serienproduktion mündeten. Heute bieten hierzulande neben Streetscooter nur Importeure wie Iveco oder Renault sowie kleine Exoten, die Verbrenner in Stromer umbauen, Lieferwagen serienmäßig mit E-Antrieb an. Der Vorstoß der Post, die Fortschritte bei der Batterietechnik sowie die anhaltende Diskussion über Fahrverbote für Dieselautos führen jedoch dazu, dass die deutschen Autobauer einen neuen Anlauf nehmen. So hat Daimler im März eine strategische Allianz mit dem Paketlieferanten Hermes vereinbart. Bis 2020 will Hermes insgesamt 1500 Sprinter- und Vito-Transporter mit Elektrobetrieb einsetzen, VW hat für dieses Jahr die Serienproduktion des Transporters Crafter mit Elektroantrieb verkündet.

Der Branchenverband BIEK beurteilt die Marktchancen skeptisch

Der Bundesverband Paket & Expresslogistik (BIEK), in dem Post-Konkurrenten wie Hermes und UPS zusammengeschlossen sind, beurteilt die Marktchancen von Elektrotransportern indes skeptisch. Wegen der hohen Anschaffungskosten, die um das zwei- bis dreifache über entsprechenden Dieselfahrzeugen liegen, so heißt es in der jüngsten Nachhaltigkeitsstudie, seien die bisher auf dem Markt verfügbaren Modelle noch sehr weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt.

Für die Streetscooter-Modelle gelte dies jedoch nicht, versichert ein Sprecher der Deutschen Post DHL. „Wenn man die Lebensdauer des Fahrzeugs betrachtet, haben wir gegenüber konventionellen Fahrzeugen vergleichbare Kosten im Betrieb“, so der Sprecher. Die höheren Anschaffungskosten würden durch geringere Energiekosten ausgeglichen.

Streetscooter will die Produktionskapazität verdoppeln

Streetscooter hat mittlerweile drei Elektro-Varianten mit unterschiedlich großem Ladevolumen im Angebot. Nach dem zunächst gestarteten leichten Modell Streetscooter Work mit einem Basispreis von 32 000 Euro, gibt es die mittlere Variante Work L mit einem doppelt so großen Ladevolumen und einem Nettopreis von 39 000 Euro. In diesem Monat soll in Aachen die Fertigung des bisher größten Modells anlaufen, bei dem Ford das Fahrgestell des Transit zuliefert, das dann von Streetscooter mit einem Elektroantrieb und einem speziellen Fahrzeugaufbau von Post und DHL ausgestattet wird. Bis Ende 2018 will der Brief- und Paketkonzern mindestens 2500 dieser gemeinsam mit Ford produzierten Transporter einsetzen. Bis zum Ende dieses Jahres soll die Produktionskapazität für alle Modelle auf 20 000 Fahrzeuge im Jahr verdoppelt werden. Dafür soll neben Aachen eine zweite Fabrik in Nordrhein-Westfalen entstehen.

Der gelbe Riese will die Stromer nicht nur für den eigenen Bedarf produzieren, sondern auch an externe Kunden verkaufen. Als Pilotkunde hat die Bremerhavener Fischmanufaktur Deutsche See 80 Elektro-Lieferwagen bestellt. Verhandlungen mit weiteren Kunden laufen. „Grundsätzlich stellen wir ein großes Interesse an unseren Fahrzeugen bei Flottenbetreibern, Industrieunternehmen, Handwerksbetrieben und Kommunen fest“, berichtet ein Sprecher des Unternehmens.

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