Begehrt: Die Tickets für die Jazz Open ebenso wie die Bänke für die Zaungäster auf dem Schlossplatz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die City brummt: Jazz Open, Hamburger Fischmarkt und Sommerfestival der Kulturen locken die Massen. Die Begeisterung in der Innenstadt ist groß. Was alles passiert, hat unser Autor Uwe Bogen beobachtet.

Stuttgart - Zwischen denen drinnen und denen draußen ist quer über den Schlossplatz ein schwarzer Zaun gezogen. Menschen, die nicht reingelassen werden, weil sie sich den Eintritt sparen wollen, werden trotzdem Gäste genannt. Sie sind Zaungäste. Mit distanziertem Blick verfolgen sie das Geschehen – und werden bei den Jazz Open zum Teil des Geschehens.

Um das Geschehen zu beschreiben, reichen fünf Worte: Im Feiern ist Stuttgart Spitze! Selten sieht man zwischen Neuem Schloss und Rathaus so viele zufriedene Gesichter wie in diesen Tagen. In der von Baustellen, Staus und dicker Luft genervten Stadt ist doch noch viel Spaß vorhanden. Die City brummt im Party-Dreieck von Jazz Open, Fischmarkt auf dem Karlsplatz sowie dem eintrittsfreien und daher zaungastlosen Sommerfestival der Kulturen auf dem endlich mal nicht mehr mausetoten Marktplatz. Von „Oberknallertagen“ schwärmt Anne Rehberg, die Sprecherin der Hamburger Schausteller. Am Donnerstagabend gab es kaum ein Durchkommen – auch beim internationalen Fest vorm Rathaus nicht. Dessen Sprecherin Verena Ströbele freut sich über einen „Umsatzrekord“.

Jamie Cullum begeistert seine Fans

Über eine Bank des Schlossplatzes haben Sabrina und Wolfgang eine Wolldecke gelegt. Die markante Stimme von Jamie Cullum, einem ausverkauften Höhepunkt der 24. Jazz Open, donnert zu ­ihnen nach draußen. Immer wieder ruft er kraftvoll „Schduuutgart“ – davon verliert sich nichts am Zaun. So klar es ist, dass dieser „Schduuutgart“-Fan jeden Sommer (seit vier Jahren) auf der schönsten Freiluftbühne der Stadt die Herzen des Publikums erobert, so sicher verabreden sich Sabrina und Wolfgang jedes Jahr mit Picknickfreunden am Zaun. Nächstes Mal, beschließen sie in der Euphorie dieser Nacht, wollen sie erstmals Karten kaufen.

Der Orkan des Jubels im festlich illuminierten Ehrenhof ist so gewaltig, dass man fast zu spüren meint, wie sich die Wellen bis in entlegene Teile der Stadt ausbreiten – als ein Energieschub der guten Laune.

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sitzt bei Jamie Cullum und Norah Jones auf der Tribüne, die nächstes Jahr bei der Jubelausgabe der 25. Jazz Open noch höher werden soll – für ein noch größeres Staraufgebot, falls dies möglich ist. Die SPD-Politikerin ist nicht auf Einladung eines Sponsors da, sondern hat von ihrem Büro reguläre Karten kaufen lassen. Wie Veranstalter Jürgen Schlensog die Regierungschefin nach Stuttgart locken konnte? „Sie ist gekommen“, antwortet Schlensog auf gewohnt markige Art, „weil man eben zu den Jazz Open geht.“

Es gibt noch Karten für Tom Jones

Bei ­Cullum versammeln sich 6500 Besucher quer durch alle Generationen. Mehr dürfen nicht auf den Platz. Für den 77-jährigen Tom Jones, bei dem einst Mamas oder Omas Büstenhalter fliegen lernten, gibt es noch Karten für Samstag.

Während die Zahl der Jazz-Open-Gäste anhand der verkauften Karten (bei Jan Delay waren es 5500) leicht zu ermitteln ist, fällt die Schätzung beim Fischmarkt und dem Kulturfestival schwer. Doch alle sagen: Es kommen deutlich mehr Besucher als im vergangenen Jahr. Auf Transparenten auf dem Marktplatz steht: „Typisch? Typisch ist allein die Vielfalt!“ Die Vielfalt lebt in dieser Stadt! Und sie macht die Menschen glücklich. City-Managerin Bettina Fuchs ist ebenso happy – für die Händler, die sie vertritt. „Auch wenn die Besucher jetzt abends nicht shoppen“, sagt sie, „so wertet es eine Stadt auf, wenn was los ist – dann kommen die Leute wieder.“ Die Feste, sagt Fischmarkt-Sprecherin Anna Rehberg, bereicherten sich gegenseitig. Etliche Jazz-Open-Besucher ließen sich vor dem Konzert „bei uns Krabben-Rührei schmecken“.

Die 600 VIP-Jazz-Gäste des Festivals dürften dies nicht tun. Sie werden von Wirt Michael Wilhelmer verköstigt. Ohne die Einladungen der Sponsoren könnte sich das Musikspektakel nicht finanzieren. Junges Glück ist auf der VIP-Tribüne. Anna Fundel, die Tochter des früheren Flughafenchefs Georg Fundel, ist mit Benjamin Strecker gekommen, dem Schauspieler der „Soko Stuttgart“. Nein, sie habe ihn nicht aus der ZDF-Serie gekannt, als sie sich vor sechs Monaten kennenlernten, sagt sie.

Ministerin Edith Sitzmann filmt mit dem Smartphone

In der VIP-Loge filmt Finanzministerin Edith Sitzmann mit dem Smartphone bei einem Cullum-Song. Dass sie als Nachfolgerin von Winfried Kretschmann genannt wird, ist für sie „Ehre und Belastung zugleich“. Ihr Chef habe noch viel Spaß an seiner Arbeit. Bestimmt wird Jamie noch etliche Jahre bei diesem Festival singen, bevor Kretschmann ans Aufhören denkt.

Im nächsten Sommer feiern die Jazz Open quasi Silberhochzeit. 25 Jahre Jamie Cullum auf dem Schlossplatz wird es bestimmt auch mal geben. Ist das schön, wenn der Stadt der Spaß nicht ausgeht!

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