Vor zehn Jahren wurde der Nationalsozialistische Untergrund enttarnt. Das öffentliche Interesse galt danach vor allem den Tätern. Was wurde aus den Familien der Opfer?
München - Kerem war 15 Jahre alt, als sein Vater Ismail Yasar erschossen wurde. In Nürnberg war das, in einem Imbiss vor einem Supermarkt, am 9. Juni 2005, fünf Schüsse in Kopf und Oberkörper. Die Schule des Sohnes war gleich um die Ecke. Ismail Yasar wurde 50 Jahre alt. Der Nürnberger Rechtsanwalt Alexander Seifert erinnert sich, wie Jahre später ein „verunsicherter junger Mann“ mit seiner Mutter zu ihm in die Kanzlei kam und bat, ihn als Nebenkläger in dem Mordfall zu vertreten.
Ismail Yasar ist das sechste der zehn Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), des rechtsextremen Terror-Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Von 2000 bis 2011 sind die drei mordend durch die Republik gezogen. Aus Rassenhass töteten sie Menschen mit ausländischer Herkunft, unter ihnen wollten sie Angst und Verzweiflung schüren.
Der Sohn Kerem Yasar selbst sprach nie in der Öffentlichkeit
Vor zehn Jahren, am 4. November 2011, wurde der NSU enttarnt. Mundlos und Böhnhardt wollten damals in Eisenach eine Bank überfallen, doch die Polizei konnte sie an ihrem Wohnmobil stellen. Die beiden zündeten eine Explosion und erschossen sich. Beate Zschäpe war zu diesem Zeitpunkt in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau. Sie steckte die Wohnung in Brand und floh. Vier Tage später stellte sie sich der Polizei. Das war das Ende des NSU.
Die Terroristen hatten nicht nur zehn Menschen ermordet. Sie hatten auch zehn Familien zerstört. Als „Döner-Morde“ wurden die Taten bezeichnet, und über elf Jahre hinweg ermittelte die Polizei fast ausschließlich in den Kreisen von Zugezogenen mit Migrationshintergrund. Es gehe um Drogengeschäfte, Mafia, Bandenkriminalität – das war die Vermutung. Letztes Opfer war die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Sie musste sterben, weil Mundlos und Böhnhardt ihre Waffe haben wollten.
Der Sohn Kerem Yasar selbst sprach nie in der Öffentlichkeit, aber sein damaliger Anwalt Seifert tat es und tut es bis heute. „Wie die Irren“ hätten die Polizisten nur in diese Richtung ermittelt, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Gegenüber der Familie Yasar seien die Beamten „aggressivst“ aufgetreten. Trauernde Angehörige wurden als Verdächtige und Kriminelle angesehen, über den Toten habe man vielerlei Mutmaßungen angestellt. Man ermittelte in der Türkei und baute einen Schein-Kebab-Imbiss auf mit dem Ziel, auf diese Weise zu den Mördern aus dem „Milieu“ zu gelangen.
Die Berichterstattung war vor allem durch Zschäpe-Nachrichten bestimmt
Justizzentrum München, 6. Mai 2013. Im großen und speziell dafür umgebauten Verhandlungssaal A 101 begann der NSU-Prozess. Alle Augen richteten sich auf diese Frau, auf Beate Zschäpe, die wegen Mordes Hauptangeklagte. Sie erhielt die Aufmerksamkeit, und zweitrangig auch die vier als NSU-Unterstützer mitangeklagten Männer. Zschäpe wurde durchleuchtet, auch von der Öffentlichkeit. Wie gibt sich die damals 38-Jährige? Was hat sie an, wie redet sie mit ihrem Verteidiger-Trio? Wird sie auspacken über die Mörderbande?
Im Gerichtssaal sitzen die Zuschauer, Journalisten oben auf der Empore. Sie alle blicken hinunter auf die Richter, die Angeklagten und deren Verteidiger-Trosse. Die Hinterbliebenen und deren Anwälte aber sind unter der Empore platziert, sie sind kaum zu sehen. Die Berichterstattung ist vor allem – und das über Jahre – durch Zschäpe-Nachrichten bestimmt. Dass sie immer wieder Schwächeanfälle hat. Dass sie ihre strammen Verteidiger loswerden will und schließlich zwei zusätzliche Wahlanwälte erhält. Sie lässt eine sehr dünne Erklärung verlesen, in der sie sich als ein Opfer darstellt. Von den Morden wollte sie immer erst hinterher erfahren haben, sie konnte sich aber nicht von den beiden Uwes trennen.
Am ersten Prozesstag sitzt ein Mann unter den Zuschauern, der ein dunkelblaues T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Löwen-Fans gegen rechts“. Die Löwen, das ist der TSV 1860 München. Er sagt: „Der Theo war mein Freund. Immer nett und lustig, wir hatten zusammen gearbeitet. Und die haben ihn einfach abgeknallt.“ Der Theo – das ist Theodoros Boulgarides, das siebte NSU-Mordopfer. Der Mann mit griechischer Herkunft hatte sich gerade selbstständig gemacht mit einem kleinen Schlüsseldienstladen im Münchner Westend, Trappentreustraße 4. Am 15. Juni 2005 wurde er von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit drei Kopfschüssen ermordet. Theo Boulgarides wurde 41 Jahre alt, er hatte eine Frau und zwei Töchter.
Die Soko „Bosporus“ hörte nicht auf den Profiler
Der griechisch-orthodoxe Priester Apostolos Malamoussis ist in München eine bekannte öffentliche Person. Unermüdlich setzt er sich für Dialog ein, für Integration, ist sozial aktiv in seiner Gemeinde. Am Tag des Mordes wurde er zum toten Theo Boulgarides gerufen. „Ich fand mich vor einem grauenhaften Anblick wieder“, sagte er in einem Interview, „das Gesicht des verstorbenen Theodoros war durch die Kugeln deformiert, er lag in einer riesigen Blutlache.“ Malamoussis sprach ein Gebet und ging dann zu der Familie. Nun begann auch hier die Ermittlungsarbeit der Polizei. Alle weit verzweigten Familienmitglieder wurden sofort unter Verdacht gestellt. Illegale Wettspiele, Drogenmafia, Zuhälterei? Wieder waren das die Ermittlungsansätze. Der Münchner Polizist Alexander Horn, wohl der bekannteste deutsche Fallanalytiker – auch Profiler genannt –, vermutete schon 2006 als erster einen rechtsextremen Hintergrund der Mordserie. Doch auf ihn hörte die Soko „Bosporus“ nicht.
Gavriil Boulgarides, der Bruder von Theo, kam mit den Ausgrenzungen und Unterstellungen nicht mehr zurecht. Nach 37 Jahren in München wanderte er mit seiner Familie 2009 nach Thessaloniki aus. Aufgrund der griechischen Wirtschaftskrise scheiterte er dort aber. Drei Jahre später, der NSU war enttarnt, kehrte er zurück nach München. Ihn ermutigt und ihm geholfen hat Pater Malamoussis. In ihrer letzten Aussage vor dem Urteil sagte die Witwe Yvonne Boulgarides im Gerichtssaal: „Ich weiß, dass mein Mann gern gesehen hätte, wie seine kleinen Töchter zu Frauen herangewachsen sind.“ Am 11. Juli 2018 wurde Beate Zschäpe als Mittäterin der zehn Morde zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Die vier NSU-Unterstützer erhielten unterschiedliche Freiheitsstrafen.
Der Sohn Kerem Yasar war einzig bei der Urteilsverkündung in dem Prozess, davor nie. „Jeder muss für sich entscheiden, wie er das verarbeitet“, sagt der Anwalt Alexander Seifert. „Kerem hat sein Leben weiterentwickelt, hat eine Familie, ist ein ganz normal integrierter Mensch.“ Er arbeitet als Karosseriebauer. Allerdings meint Seifert: „In die deutschen Sicherheitsbehörden hat er kein Vertrauen mehr, das ist zerbrochen.“