Tesla will in Berlin-Brandenburg seine erste Großfabrik in Europa bauen und Milliarden investieren. Die Rodungsarbeiten auf dem Gelände in Grünheide sind abgeschlossen, der erste Spatenstich soll bald erfolgen. Doch vieles ist noch unklar.
Grünheide - Die Siedlungen ringsum tragen Namen wie Jägerbude, Mönchwinkel oder Karutzhöhe. Ein letzter Tritt in die Pedale, und man befindet sich auf einer kleinen Brücke über dem Berliner Autobahnring. Unten dröhnt der Verkehr. Hinter der Brücke erstreckte sich bis vor wenigen Wochen ein geschlossener Kiefernwald. Jetzt fehlen 90 Hektar davon. Holzfäller haben mit ihren Maschinen in kürzester Zeit eine gigantische Freifläche in den Wald gefräst. Auch Klagen von Umweltverbänden konnten die Rodungsarbeiten nicht stoppen. Auf der Fläche soll bald etwas Großes entstehen. Wenn man so will, hält die Globalisierung gerade Einzug ins beschauliche Umland der deutschen Hauptstadt. Ob das gut ist oder schlecht, darüber streiten die Leute hier.
Das Große ist das geplante Werk des kalifornischen Elektroautoherstellers Tesla. Gigafactory Berlin-Brandenburg heißt das Projekt. Im November erst hatte Tesla-Chef Elon Musk angekündigt, hier in Grünheide südöstlich von Berlin seine erste europäische Großfabrik bauen zu wollen. In Kürze sollen die Bagger rollen, die Behörden machen Tempo. „Wir rechnen im Lauf der zweiten Märzhälfte mit dem Spatenstich“, sagt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Eine abschließende Baugenehmigung soll es bis Sommer geben, mit Klagen ist zu rechnen. Trotzdem darf das Unternehmen bald loslegen.
Bereits 2021 will Tesla hier mit der Produktion starten
Wenn alles so läuft, wie Elon Musk und die rot-schwarz-grüne Landesregierung in Potsdam sich das vorstellen, dann wird nicht Stuttgart, Wolfsburg oder München das Kraftzentrum der Elektromobilität in Europa sein – sondern die Region Berlin-Brandenburg mit der ziemlich verschlafenen 8300-Einwohner-Gemeinde Grünheide. Bereits 2021 will Tesla hier mit der Autoproduktion starten, zunächst mit dem Kompakt-SUV Model Y. Bis zu 10 000 Fahrzeuge sollen pro Woche vom Band laufen. 12 000 Menschen will Tesla am Standort beschäftigen. Und das ist erst der Anfang: Das Gelände, das sich der Konzern gesichert hat, ist mehr als dreimal so groß wie der Teil, der jetzt für die erste Ausbaustufe gerodet wurde.
Steffen Schorcht empfängt den Gast in seinem Haus im Grünen, nur etwa zwei Kilometer vom künftigen Werksgelände entfernt. Gleich zu Beginn stellt er klar: „Wir haben nichts gegen Tesla.“ Er sei aber zu dem Schluss gekommen, dass der Standort ungeeignet sei. Schorcht organisiert den örtlichen Protest gegen die Ansiedlung, und zwar in der Bürgerinitiative gegen die Gigafactory Grünheide.
Schorcht ist ein freundlicher Endfünfziger und promovierter Ingenieur. Ihm geht es vor allem ums Wasser. „Die Fläche, die Tesla bebauen will, liegt zu zwei Dritteln in einem Wasserschutzgebiet.“ Auf dem Tisch in seiner Wohnküche hat Schorcht Unterlagen ausgebreitet, darunter hydrologische Karten. Der Osten von Berlin ist nicht nur eine waldreiche, sondern auch eine seenreiche Gegend. In der Nähe fließt die Spree, die für die Wasserversorgung der Metropole von zentraler Bedeutung ist.
Viele Tesla-Beschäftigten werden aus allen Teilen der Welt kommen
Tesla wird viel Wasser benötigen und mit großen Mengen Chemikalien arbeiten. Die Sache ist nicht trivial: Anfang des Jahres warnte der örtliche Wasserverband, dass die Versorgung der Fabrik nicht gesichert sei. Tesla überarbeitete daraufhin seine Pläne. Es gab ein Krisentreffen der Behörden mit den zuständigen Wasserunternehmen. Danach hieß es, die Versorgung der Fabrik sei technisch möglich, erfordere aber erhebliche Investitionen. Steffen Schorcht überzeugt das nicht. Drei Demonstrationen haben er und seine Mitstreiter bisher in der Gegend organisiert. Wenige Hundert Leute nahmen daran teil. Eigentlich keine große Sache angesichts der Milliardeninvestition, die da gerade in den märkischen Sand geklotzt wird. Die einen Demonstranten kamen wegen des Wassers, die anderen wegen des Waldes und andere wiederum, weil ihnen nicht wohl ist bei dem Gedanken, dass sich ihre Heimat bald grundlegend verändern wird.
Viele Tesla-Beschäftigte werden nicht nur aus der Region und aus dem benachbarten Polen kommen, sondern aus allen Teilen der Welt. Die Zuzügler müssen irgendwo wohnen. Es wird mehr Verkehr geben. Und wie das immer so ist in Ostdeutschland: Wenn die Leute Sorgen und diffuse Ängste haben, dann ist die AfD nicht weit. Sie versucht offenkundig, aus der Situation Kapital zu schlagen. Manche sagen sogar, sie versuche, die Protestbewegung zu unterwandern. „Wir haben mit denen nichts am Hut“, sagt Schorcht. Das sei ihm sehr wichtig. Es gibt in der Gegend aber auch viele Leute, die es gar nicht erwarten können, dass die Fabrik ihren Betrieb aufnimmt. Als Antwort auf die Anti-Tesla-Bewegung gründete sich eine Pro-Tesla-Bewegung in und um Grünheide. Als die Gegner der Fabrik demonstrierten, gingen die Befürworter ebenfalls auf die Straße. Sie finden es gut, dass hier so viele Jobs entstehen sollen. Tesla verspricht Wohlstand und eine saubere Mobilität – und vielleicht auch eine andere Mentalität.
Tesla soll Treiber des Strukturwandels jenseits der Hauptstadtregion werden
Einer von denen, die so denken, ist Oliver Heinrich. Er wohnt seit fast zehn Jahren mit der Familie in Grünheide und pendelt jeden Morgen zur Arbeit nach Berlin. Man kann ihn dort in seinem Büro in der Nähe des Alexanderplatzes besuchen. Der 43-Jährige ist Gewerkschafter, genauer gesagt Bezirksleiter Nordost der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Das große Thema, das Heinrich gerade umtreibt, ist die Energiewende und der damit verbundene Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohleverstromung. In der benachbarten Lausitz werden in den kommenden zwei Jahrzehnten die Braunkohle-Tagebaue und die dazugehörigen Kraftwerke stillgelegt. Ersatzarbeitsplätze sind bislang nicht in Sicht. Heinrich sagt: „Tesla ist eine Riesenchance für die Region. Ich erwarte extrem starke Strukturimpulse, auch für die Lausitz.“
Zwischen Grünheide und dem Lausitzer Revier liegen etwas mehr als 100 Kilometer. Tesla sei in Deutschland ein Neuling ohne eigenes Netzwerk, sagt Heinrich. „Ich gehe davon aus, dass im Einzugsbereich des Werks auch Zulieferer und Dienstleister entstehen werden.“ Tesla als Treiber des Strukturwandels, auch jenseits der boomenden Hauptstadtregion: Das ist die Hoffnung. Die Gewerkschaften bringen sich schon in Stellung. Viel können sie aber nicht tun, denn es gibt ja noch keine Belegschaft.
Die Rekrutierung ist zwar angelaufen, geschieht aber im Verborgenen. Tesla steuert das Projekt aus seiner Europazentrale in den Niederlanden. Die Firma Tesla Manufacturing Brandenburg SE ist bislang nicht mehr als eine juristische Hülle, ansässig bei einem Rechtsanwalt in der Stadt Brandenburg/Havel. Völlig offen ist, ob sich Tesla deutschen Tarifverträgen oder gar der Mitbestimmung unterwerfen wird. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sagte kürzlich, er stelle sich auf „ordentlich Krach“ mit Tesla ein.
Aber so weit ist es noch nicht. Aus Sicht der Tesla-Gegner geht es jetzt darum, zumindest Änderungen an den Planungen für die Fabrik durchzusetzen. Aus Sicht der Befürworter hingegen geht es darum, den Investor bei Laune zu halten. Er soll auf keinen Fall im letzten Moment abspringen. Tesla-Chef Musk scheint das bisher auch nicht vorzuhaben. Ein Twitter-Nutzer wollte kürzlich von ihm wissen, ob er denn zum ersten Spatenstich nach Grünheide kommen werde. „Definitely“, antwortete er – auf jeden Fall.