Die Nerven beschallen jetzt auch den Stuttgarter Theaterbetrieb: Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth (von links) im Foyer der Spielstätte Nord. Foto: Steffen Schmid

Der Soundtrack des Erwachsenswerdens: Das Stuttgarter Noiserocktrio Die Nerven beschallt Armin Petras’ Inszenierung des Buchs „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“.

Stuttgart - Irgendwo in der Lücke, die sich zwischen den Beatles und Led Zeppelin, zwischen Pop und Rock, zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten auftut, da wo in Frank Witzels wortgewaltiger Fantasie das Hippietum zur RAF wird, schlängelt sich ein fieser New-Wave-Groove über die Bühne, zischt vorbei an den Schauspielern und Schaufensterpuppen und wird eins mit dem Trockeneisnebel, der an diesem Abend nicht ganz so heftig qualmt, wie sich das der Regisseur Armin Petras wünscht.

In der Spielstätte Nord des Schauspiels Stuttgarts laufen die letzten Proben zu Armin Petras’ Inszenierung von „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, die an diesem Freitag Premiere hat. Das Buch von Frank Witzel gewann 2015 den Deutschen Buchpreis, ist ein 800-Seiten-Ungetüm, das als kuriose Materialcollage eine kleine Geschichte der BRD, aber auch vom Erwachsenwerden in unruhigen Zeiten erzählt. Während Ende der 1960er Jahre der Coming-of-Age-Soundtrack von den Beatles, den Stones oder Led Zeppelin bestimmt wurde, scheint heute die Band Die Nerven – und das fast ein bisschen zu gut – den Zeitgeist der gerade erwachsen gewordenen Generation getroffen zu haben. In ihren widerspenstigen Liedern vertont sie Verunsicherung, Frustration, Zorn. Deshalb verdingen sich Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn in „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ als Theatermusiker.

Die Band, die einen neuen Stuttgart-Hype ausgelöst hat

„Ich habe nur die ersten 150 Seiten vom Buch geschafft“, gibt Rieger zwischen Soundcheck und Probenbeginn zu. „Ich bin auch nicht sehr weit gekommen. Aber irgendwann in einem sehr kalten Winter gebe ich dem Buch noch einmal eine Chance“, verspricht Knoth. Und eifrige Theatergänger waren Die Nerven bisher auch nicht. Aber immerhin ist es Rieger ein bisschen peinlich, dass er noch nie ein René-Pollesch-Stück gesehen hat. Denn was Pollesch fürs Theater ist, sind Die Nerven derzeit für die deutschsprachige Rockmusik. Seit die Stuttgarter Noise-Rocker 2012 ihr Debütalbum veröffentlicht haben, sind sie die Band, auf die sich alle einigen können. Die Band, die einen neuen Stuttgart-Hype ausgelöst hat und selbst Berliner Hipster neidisch in diese Stadt blicken lässt.

Doch die drei spielen lieber die Unwichtigtuer, wiegeln ab, empfinden die Lobeshymnen auf die kleine Stuttgarter Szene, in der die Musiker auch in zahllosen anderen Projekten spielen (zu der neben den Nerven auch Bands wie Karies oder Human-Abfall gehören), als provinziell. Sie wollen nicht Teil einer Jugendbewegung sein, die Klassensprecher der neuen Stuttgarter Schule, diejenigen, die den Dauerfrustrierten der Generation Y eine Stimme verleihen. Und trotzdem sind sie es: Zuletzt haben sie das Album „Out“ veröffentlicht, eine störrische Platte voller Bitterkeit und Ungeduld, ein grandios verdichtetes Postpunk-Amalgam, das einen abenteuerlichen Assoziationskosmos entwirft und das Politische und das Private miteinander verrührt.

Thurston Moore von Sonic Youth schwärmt von Stuttgart und den Nerven

Aber selbst ein Lob von Thurston Moore, der einer der Köpfe der stilprägenden US-Noise-Rock-Combo Sonic Youth war, prallt an dieser Band ab. Moore hat in der Zeitschrift „Musikexpress“ vom Nerven-Song „Dreck“ geschwärmt, und als er erfuhr, dass die Band aus Stuttgart kommt, sagte er: „Eine sehr interessante Stadt. Dort war doch die RAF-Gerichtsverhandlung. Das hier könnte auch eine RAF-Partyband sein.“ Die gleiche Idee hatte Armin Petras allerdings schon ein paar Monate zuvor gehabt. „Als Thurston Moore das sagte, stand schon lange fest, dass wir die RAF-Partyband sind“, sagt Rieger. Petras hatte Die Nerven im Rahmen eines Stadtteilprojekts des Schauspiels Stuttgart kennengelernt. Und weil er fand, dass die Band den Aufbruch der späten 1960er, den Witzels Buch thematisiert, ins 21. Jahrhundert übersetzt hat, engagierte er sie für das Stück.

Im April 2016 hatte „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ in der Bühnenfassung von Petras und Maja Zade an der Berliner Schaubühne Premiere. Während Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß auf der Bühne Sätze sagen wie „Die Erbsünde ist nur ein Kratzer in einer Schallplatte“ oder „Von der Zukunft zählte nur das Unmittelbare“, liefern Die Nerven den Soundtrack zu dieser bizarren, vielstimmigen Reise durch das Jahr 1969. Mal sorgen sie mit neuen und alten Stücken für einen ordentlichen Theaterdonner, mal liefern sie mit zickigen Grooves eine atmosphärische Grundierung der Irrfahrten des pubertären Ich-Erzählers.

Auf der Theaterbühne geht es weniger berechenbar zu

„Meistens fällt es gar nicht auf, wenn wir uns verspielen“, sagt Rieger. Trotzdem ist der Job des Theatermusiker kein leichter. „Wenn wir sonst live spielen, wissen wir immer, wie das funktioniert und was kommt“, sagt Knoth. Obwohl sie nun schon ein Dutzend Mal das Stück in Berlin beschallt haben, erweist sich das Theater an und für sich als weniger berechenbar.

„Eigentlich wird ständig etwas geändert, passiert etwas anderes“, sagt Rieger. Vor allem jetzt, wenn Armin Petras die Inszenierung für Stuttgart noch einmal komplett umkrempelt und jeden Regieeinfall hinterfragt. „Geht das noch alberner?“, „Jetzt mal richtig geil!“, „Da will ich mal Angst hören!“, „Ach, und Max, könnte ihr an dieser Stelle noch ein bisschen leiser anfangen?“ Tatsächlich ist es nicht etwa so, dass Die Nerven nur als lärmende Bürgerschrecke auf die Bühne gezerrt werden. Zwar drückt einem die Pressefrau vor Probenbeginn sicherheitshalber Ohrstöpsel in die Hände, doch die musikalische Inszenierung hat nichts mit Effekthascherei zu tun. Das wäre den Nerven zu langweilig. Sie können es nicht nur scheppern und krachen lassen und den Schauspielern musikalische Wutausbrüche um die Ohren hauen, nein, sie können das Ensemble auch mit subtil Zitate aus der Popgeschichte suchenden, atmosphärisch dichten Soundtracks umschmeicheln.

Mehr als nur die Jungs von der Krachmacherstraße

Mit der Rolle der Jungs von der Krachmacherstraße geben sich die Nerven auch abseits der Theaterbühnen schon lange nicht mehr zufrieden. Max Rieger hat zum Beispiel in diesem Jahr mit seinem Projekt All diese Gewalt ein filigranes Synthie-Elektropop-Album veröffentlicht. Und der Grund dafür, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die nächste Nerven-Platte erscheint („Wahrscheinlich wird es auch 2017 nichts“, sagt Knoth), ist der, dass das Trio nichts schlimmer fände, als sich ständig zu wiederholen. In einem Stück, das einen Entwicklungsroman in schrille Bilder, kuriose Auftritte und mal anrührende, mal aberwitzige Szenen übersetzt, in jener Lücke, die sich da zwischen Unbewusstem und Bewusstem auftut, ist diese Band deshalb genau richtig aufgehoben.

Premiere am 16. Dezember im Nord, nächste Aufführung am 19.12.

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